Grossbritannien und das Trauma 7/7

Der Anschlag in Manchester ist das schlimmste Attentat seit dem 7. Juli 2005, als in London 52 Menschen getötet wurden. Ein Schock, der die Briten verändert hat.

Die britische Regierung verschärfte als Reaktion auf das Attentat die Antiterrorgesetzgebung: Eine Frau an der Gedenkstätte im Londoner Hyde Park. Foto: Peter Nicholls (Reuters)

Die britische Regierung verschärfte als Reaktion auf das Attentat die Antiterrorgesetzgebung: Eine Frau an der Gedenkstätte im Londoner Hyde Park. Foto: Peter Nicholls (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die vier Attentäter trugen ihre Bomben im Rucksack bei sich, zündeten sie in London mitten im morgendlichen Verkehrschaos in drei U-Bahnzügen und in einem der berühmten roten Doppeldeckerbusse. Sie rissen an jenem 7. Juli 2005 52 Menschen mit in den Tod. Ein Jahr vorher starben bei einer ähnlichen Anschlagsserie auf das Bahnnetz in Madrid 191 Menschen; drei Tage vor den spanischen Wahlen.

Video: Die Anschläge von King's Cross 2005

Das Grauen aus zehn Jahren Distanz: Im Gedenken an die Opfer legen Premierminister Cameron und Bürgermeister Johnson am 7. Juli 2015 Kränze im Hyde Park nieder. Video: Reuters

So wie heute den Islamischen Staat (IS) vermutete man damals das Terrornetzwerk al-Qaida hinter den Anschlägen, die von Osama Bin Laden aufgebaute Organisation, welche am 11. September 2001 die Terrorakte in den USA verübt hatte. Der Anschlag in London sei eine Vergeltung für die britischen Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak, hiess es in den islamistischen Kreisen im Netz.

Doch ein Bekennerschreiben erwies sich als falsch. Zwar gab es Videobotschaften ähnlich wie beim IS, in denen junge Männer zu Gewalttaten aufgerufen wurden oder die al-Qaida die «Verantwortung» für Attentate übernahm, an deren Planung sie vermutlich gar nicht beteiligt war. Weder bei den Anschlägen in London noch bei denen in Madrid konnte letztlich ein direkter Zusammenhang mit dem Terrornetzwerk belegt werden.

Der Gewalt ausgeliefert

Für die Briten markierte 7/7 ein Trauma vergleichbar mit 9/11 in den USA. Es ist der bisher schwerste Anschlag in Grossbritannien mit den meisten Opfern, und die Attentäter machten den Briten klar, wie schutzlos gerade der öffentliche Verkehr – und damit jeder Einzelne – solcher Gewalt ausgeliefert ist.

Für Schockwellen sorgten aber auch die Täter: Es waren eben nicht fremde al-Qaida-Söldner, welche die Bomben gezündet hatten. Drei der vier Attentäter waren britische Bürger, Söhne pakistanischer Einwanderer, der Vierte war als Kleinkind aus Jamaika nach Grossbritannien gekommen. Die Polizei erklärte, die Männer im Alter zwischen 18 und 30 seien gut integriert gewesen und hätten vor der Tat ein unauffälliges Leben geführt.

Der Geheimdienst wollte junge Muslime zu Spitzeln der eigenen Gemeinschaft machen.

Die britische Regierung verschärfte als Reaktion auf das Attentat die Antiterrorgesetzgebung deutlich. Die Polizei durfte nun Terrorverdächtige 28 Tage lang ohne Anklage festhalten, die Strafen wurden verschärft. Die Zahl der Festgenommenen stieg sprunghaft an, doch viele der meist jungen muslimischen Männer wurden später ohne Anklage wieder freigelassen. Auf britische Anfrage wurden auch Bürger in Übersee verhaftet, befragt und laut Berichten teilweise brutal gefoltert. Der Geheimdienst nahm junge Muslime ins Visier und versuchte, sie zu Spitzeln der eigenen Gemeinschaft zu machen.

Angriffe auf Moscheen

«Wir werden gewinnen, nicht sie», sagte der damalige britische Premierminister Tony Blair nach den Anschlägen. Muslimische Verbände verurteilten die Anschläge klar. Doch während die meisten Londoner in Würde zu Fuss zur Arbeit gingen, weil die U-Bahn geräumt und geschlossen worden war, reagierten andere mit Wut und Hass. Es kam im ganzen Land zu Angriffen auf Moscheen, es wurden Brandsätze geworfen, ein Pakistaner wurde wenige Tage nach dem Anschlag zu Tode geprügelt.

Ultrarechte Politiker versuchten die fremdenfeindliche Stimmung für sich zu nutzen. Einige Muslime wollten «eine fünfte Kolonne bilden, um uns zu töten», hetzte der britische Politiker Nigel Farage. In Umfragen sagte nur eine knappe Mehrheit der Briten, dass man Muslime nicht pauschal für das Attentat verantwortlich machen könne.

Erstellt: 23.05.2017, 13:34 Uhr

Artikel zum Thema

Der Horror kehrt zurück

Der schlimmste Anschlag seit dem Londoner Kings-Cross-Massaker von 2005 trifft Manchester. Ein Überblick unseres Korrespondenten. Mehr...

So hilft #roomformanchester

Kostenlose Betten, Tee, Taxifahrten und Handykabel: Nach dem Attentat von Manchester erlebt die Stadt eine Welle der Solidarität. Mehr...

«Ich nenne sie nicht Monster, denn das würden sie lieben»

US-Präsident Donald Trump reagiert auf den Anschlag in Manchester mit markigen Worten. Auch Doris Leuthard und die Präsidenten von National- und Ständerat äusserten sich. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Spuren einer Bluttat

Nach dem Anschlag in Manchester befürchtet die Polizei weitere Attacken – der Täter war Teil eines Netzwerks. Mehr...

Manchester nach dem Anschlag

Reportage Eine Stadt, tief getroffen vom Terror, versucht sich aufzurappeln. Ein Augenschein vor Ort. Mehr...

Was über den Attentäter von Manchester bekannt ist

Ein ruhiger Typ, studiert, gläubig. Das ist der Attentäter. Mehr...