Zum Hauptinhalt springen

Grossbritannien und der ökonomische Glaubenskrieg

Das Vereinigte Königreich steckt in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Rezepte der konservativ-liberalen Regierung haben versagt. Heute stellt Finanzminister George Osborne mit seinem Budget erneut die Weichen.

Will den österreichischen Weg gehen: Finanzminister George Osborne. (6. Februar 2013)
Will den österreichischen Weg gehen: Finanzminister George Osborne. (6. Februar 2013)
AFP

So wie es bei den Christen Katholiken und Protestanten gibt, beten auch die Ökonomen in zwei grossen Kirchen: Es gibt die Österreicher und die Neokeynesianer. Die Österreicher berufen sich auf Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek. Diese berühmten Ökonomen erklären Krisen primär mit Mängeln auf der Angebotsseite: Die Wirtschaft ist verkrustet, stellt die falschen Produkte her und wird durch Überregulierung und Steuern vom Staat drangsaliert. Der Brite John Maynard Keynes hingegen erklärt Krisen mit Mängeln auf der Nachfrageseite: Die Konsumenten verdienen zu wenig, die Nachfrage bricht ein, zu investieren lohnt sich für die Unternehmen nicht.

Beide Ökonomie-Richtungen nehmen für sich selbstredend in Anspruch, die Welt besser zu erklären als die andere. Die aktuelle Krise in Grossbritannien ist ein ideales Beispiel, diesen Anspruch einem Praxistest zu unterziehen.

Hohe Neuverschuldung

Österreicher und Neokeynesianer sind sich einig, dass die britische Wirtschaft in einer schweren Krise steckt. Die Daten sprechen auch eine deutliche Sprache: Seit der Amtsübernahme der konservativ-liberalen Regierung im Mai 2010 ist das Bruttoinlandprodukt gerade mal um 0,7 Prozent gewachsen. Die Massnahmen von Premierminister David Cameron und Finanzminister George Osborne haben gefloppt.

Der Plan war, zunächst mit einem harten Sparprogramm die Staatsfinanzen zu sanieren und darauf zu setzen, dadurch auch eine Reindustrialisierung der britischen Wirtschaft einzuleiten. Beide Ziele sind weit verfehlt worden. Die Neuverschuldung liegt nach wie vor bei jährlich rund acht Prozent und ist damit eine der höchsten der Welt. Deshalb haben die Ratingagenturen Grossbritannien nun die Triple A entzogen.

Den Aufschwung zum dritten Mal verschoben

Auch die Reindustrialisierung der Wirtschaft ist Wunschtraum geblieben. Obwohl die Bank of England mit einer aggressiven quantitativen Lockerung für niedrige Zinsen und ein schwaches Pfund sorgt, haben die Exporte kaum zugenommen. In den klassischen Industriegebieten, den Midlands und dem Norden, ist nichts von einem neuen industriellen Frühling zu verspüren. Die Regierung hat derweil den Aufschwung, der ursprünglich dieses Jahr einsetzen sollte, bereits zum dritten Mal um ein Jahr verschoben.

Die Österreicher sehen eine klassische Strukturkrise

Wenn es aber geht, die Gründe für das bisherige Scheitern der konservativ-liberalen Wirtschaftspolitik zu erklären, haben Österreicher und Neokeynesianer völlig entgegengesetzte Thesen. Die Österreicher argumentieren wie folgt: Die britische Wirtschaft steckt in einer klassischen Strukturkrise. Der Finanzsektor ist erstens zu gross, und zweitens sind seine Produkte derzeit wenig gefragt. Seit der Krise ist die Nachfrage nach Finanzdienstleistungen weltweit deutlich zurückgegangen. Viele Güter und Dienstleitungen der realen Wirtschaft sind nach Jahrzehnten der Deindustrialisierung nicht mehr wettbewerbsfähig, denn die tüchtigsten Maschineningenieure, Physiker und Mathematiker sind längst zu den Banken abgewandert, weil sie dort ein Vielfaches verdienen.

Diesen Braindrain hat die Realwirtschaft nicht verkraftet. Wenn die britische Wirtschaft wieder auf die Beine kommen will, dann braucht sie eine Strukturreform, die dafür sorgt, dass der reale Sektor wieder Anschluss an die Weltspitze findet. Das ist hart und dauert Jahre. Ob und wie die Zentralbank dabei mit ihrer Geldpolitik helfen darf, ist selbst bei den Österreichern umstritten. Die Hardliner meinen: Die Bank of England hat genug getan und sollte jetzt dem Markt das blutige Restrukturierungsgeschäft überlassen. Die Tauben hingegen fordern die Bank of England auf, weiterhin mit einer aggressiven Geldpolitik die Schmerzen der Restrukturierung zu lindern. Alle Österreicher lehnen jedoch einen Stimulus mit Staatsgeldern vehement ab. Solange die Strukturmängel bestehen blieben, würde er wirkungslos verpuffen, sagen sie.

Für Neokeynesianer muss der Staat für Nachfrage sorgen

Für die Neokeynesianer ist billiges Geld der Zentralbank zwar nützlich, aber längst nicht mehr ausreichend. Die Wirtschaft steckt in einer Liquiditätsfalle, will heissen, eine schwache Nachfrage führt zu einer Abneigung gegen neue Investitionen und das wiederum zu weniger Nachfrage. Nur mit staatlicher Hilfe kann die Wirtschaft wieder auf die Beine kommen, es braucht zwingend eine andere Fiskalpolitik. Der Staat kann auf verschiedene Weise für mehr Nachfrage sorgen. Dazu gehören: eine Steuersenkung für den Mittelstand, Anreize für die Banken, den KMU mehr billige Kredite zu verschaffen, oder die marode Infrastruktur grossflächig sanieren und damit neue Jobs schaffen.

Die Voraussetzungen für eine solche Wirtschaftspolitik sind günstig: Trotz hoher Schulden erhält der britische Staat nach wie vor Geld zu sehr tiefen Zinsen. Für die Neokeynesianer ist klar: Nur Wachstum führt letztlich aus der Liquiditäts- und der Schuldenfalle; und solange private Haushalte nicht konsumieren und Unternehmen nicht investieren, muss der Staat für Nachfrage sorgen. Strukturreformen der Wirtschaft hingegen führen beim angeschlagenen Zustand des Patienten bloss zu einer Verschärfung der Verelendungsspirale.

Finanzminister Osborne hat am Vorabend der Präsentation seines Budgets seine Ministerkollegen aufgefordert, nochmals 2,5 Milliarden Pfund einzusparen. Er hat sich für den österreichischen Weg entschieden. Wenn das mal gut geht.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch