«Hauptsache, der Westen zittert!»

Wladimir Putin – ein Polit-Phänomen. Warum ist er mit 80 Prozent Zustimmung bei seinem Volk so beliebt? Dazu Meinungsforscherin Natalja Sorkaja.

Der Präsident ist im Volk äusserst beliebt: Wahlplakat für Putins Partei Einiges Russland. Foto: Eduard Korniyenko (Reuters)

Der Präsident ist im Volk äusserst beliebt: Wahlplakat für Putins Partei Einiges Russland. Foto: Eduard Korniyenko (Reuters)

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Im Geist von Glasnost, der neuen Offenheit, hatte Michail Gorbatschow 1987 ein Zentrum zur Erforschung der öffentlichen Meinung gründen lassen. Zum ersten Mal nach 70 Jahren Sowjetunion fragten Wissenschaftler, was das Volk eigentlich denkt und will. Aus dem Meinungsforschungsinstitut ging später das Lewada-Zentrum hervor. Vergangene Woche nun aber erklärte das russische Justizministerium das Forschungsinstitut zum «ausländischen Agenten». Die Leitung des Instituts klagt dagegen. Als Spion abgestempelt liessen sich Umfragen kaum durchführen.

Welche Bedeutung haben ­Meinungsumfragen in einer ­Diktatur?
Man darf sich die Rolle der öffentlichen Meinung in der Sowjetunion nicht so vorstellen wie in einer Demokratie. Es gab ja keinen Diskurs, in dem sich eine öffentliche Meinung bilden konnte. Meiner Ansicht nach kann man diesen Begriff auch nur bedingt auf das heutige Russland anwenden. Öffentliche Meinung ist immer noch keine demokratische Institution, die bei politischen Entscheidungen eine Rolle spielt. Für die Staatsmacht ist das eher ein Barometer für die Stimmung und den Grad der Unterstützung für die obersten Instanzen.

Welche Rolle spielt die Meinungsforschung in einer Demokratie?
Sie hilft, dass das Volk mehr über sich selbst erfährt. Das ist die Hauptsache, ­darin sehen wir unsere wissenschaftliche Mission, wenn man so will. Wir messen nicht einfach Ziffern, sondern bemühen uns, der Gesellschaft ein möglichst breites und vielseitiges Bild der öffentlichen Meinung zu unterbreiten, es zu analysieren und in einen Zusammenhang mit den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen seit dem Ende der Sowjetunion zu bringen. Dahinter steckt auch die Frage: Warum ist die Transformation zu einer demokratischen Gesellschaft bei uns – anders als in anderen osteuropäischen Ländern – gescheitert?

Nach drei Jahrzehnten ist die Meinungsforschung wieder bedroht. Was ist passiert?
Druck gegen uns gibt es schon länger. Das begann bald nachdem Wladimir ­Putin Präsident wurde, etwa 2002. Der Staatsmacht gefiel unsere Unabhängigkeit nicht. Als unser Direktor Jurij Lewa­da entlassen werden sollte, gründeten wir eine neue Organisation und praktisch alle Mitarbeiter folgten Lewada dorthin.

Es wurde spekuliert, das Institut sei auf der Agentenliste gelandet, weil es vor der Parlamentswahl am Sonntag schlechte Umfragewerte für die Kreml-Partei veröffentlichte.
Tatsächlich sind in unseren letzten Erhebungen die Werte von Einiges Russland deutlich gefallen – von 39 auf 31 Prozent im August. Aber ich glaube nicht, dass es da einen unmittelbaren Zusammenhang gibt. Wahrscheinlich ist es eher ein Zeichen für eine neue Welle zur Unterdrückung unabhängiger Vereinigungen in Wissenschaft und Gesellschaft. Da mahlt eine riesige bürokratische Mühle – wir sind ja schon Nummer 141 auf der Agentenliste.

Was heisst es, als «Agent des Auslands» eingestuft zu werden?
Als das Gesetz verabschiedet wurde habe wir eine Umfrage gemacht, welche Assoziationen die Menschen zu diesem Begriff haben. Und natürlich denken sie zuerst an Spione und Diversanten.

Welche Auslandskontakte werden Ihnen vorgeworfen?
Wir arbeiten seit vielen Jahren mit der Universität Wisconsin zusammen, wir haben für die schon eine Menge Erhebungen gemacht. Ausländische Forscher können schlecht selbst Meinungsum­fragen in Russland durchführen. Es ist internationale Praxis, dass man für solche Aufgaben mit Kollegen vor Ort zusammenarbeitet. In diesem Fall ging es um alltäglich Dinge wie die Wohnsituation der Menschen. Weil die Universität für dieses Projekt Fördergelder von einer Stiftung bekam, die von der US-Regierung unterstützt wird, heisst es jetzt, wir hätten für die Amerikaner spioniert.

Sollte der Staat nicht auch daran interessiert sein, die öffentliche Meinung zu kennen?
Eigentlich sollten sie daran interessiert sein, natürlich. Deshalb glaube ich auch nicht, dass der Kreml direkt an unserer Liquidierung interessiert ist. Dahinter steckt eher die eigene Logik der repressiven Maschine. Vielleicht gibt es eine Chance, dass wir das abwenden können. Aber der Schaden ist so oder so gross.

Worin liegt das Geheimnis von Putins Zustimmungswerten von 80 Prozent? Kreml-Gegner ­kritisieren, niemand würde in einem autoritären Staat sagen, er sei gegen Putin, wenn ein Unbekannter am Telefon fragt.
Wir machen solche Umfragen nicht am Telefon, sondern in persönlichen Interviews. Die Werte sind real, ähnliche Spitzen hat es früher schon gegeben. Meistens traten sie im Zusammenhang mit aussenpolitischen Konfrontationen auf. Beim russisch-georgischen Krieg 2008 etwa. Die Spitze nach der Krim ist etwas höher als die vorherigen und sie hält ­länger an. Gerade geht es wieder bergab, aber langsam.

Woher kommt diese Zustimmung?
Die 80 Prozent sind ein Zeichen für die Niederlage der Zivilgesellschaft und die Wiedergeburt paternalistischer Beziehungen zum Staat. Es ist keine starke ­Gesellschaft gewachsen. Die repressive Politik der vergangenen Jahre hat Ansätze dazu zerstört. Gruppen, die sich Einfluss und Autorität hätten erarbeiten können – NGOs, Menschenrechtsverteidiger und so weiter – wurden marginalisiert. Die Masse lebt mit dem Gefühl, dass sie auf nichts Einfluss nehmen kann. Und in gewissem Sinne ist das ja auch so. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass nur Putin heute nach wie vor so grosse Zustimmung erhält. Bei ­allen anderen Institutionen, der Regierung, dem Parlament, sinken die Werte im Lauf der Krise stetig.

War die Krim-Annexion so populär?
Nach unseren Erhebungen haben nur etwa sieben Prozent der Menschen in Russland das als völkerrechtswidrig ­abgelehnt.

Die sogenannten Russlandversteher in Westeuropa glauben, man müsse mehr Verständnis zeigen für Russland. Versteht sich Russland denn selbst?
Nein. Zumindest noch nicht. Vielleicht gibt es zarte Ansätze, Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen vernetzen sich, und es bildet sich ein Konsens, wie das Land zu verstehen ist. Damit das wächst, bräuchte man aber freie Medien und Konferenzen, wo Debatten geführt werden können. Aber das Massenbewusstsein befindet sich auf einem primitiven Niveau, und der Staat tut viel dafür, dass das so bleibt.

Der Staat will nicht, dass Russland sich selbst begreift?
Nein. Im Gegenteil. Der Staat tut alles dafür, dass Russland ein möglichst ­primitives Bild von sich selbst hat. Die ganze Politik zielt darauf ab. Die ­Kon­solidierung der Gesellschaft nach dem Krim-Anschluss funktionierte über primitive Mechanismen, die die sowje­tische Gesellschaft zusammenhielten: Grossmacht, der Westen als Feind, uns ist egal, wie wir leben, Hauptsache der Westen zittert vor uns!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2016, 23:53 Uhr

Natalja Sorkaja

Die 60-jährige Soziologin leitet die Abteilung für sozialpolitische Forschung des Lewada-Zentrums in Moskau. Foto: PD

Die Wahl vor der Wahl

Neues Parlament für Russland

Die russische Parlamentswahl am Sonntag scheint vorentschieden. Für die Regierungspartei Geeintes Russland, geführt von Ministerpräsident Dmitri Medwedew, kommt es nur darauf an, wie hoch ihr Sieg ausfällt. Die winzige Opposition hofft trotzdem auf ein Signal des Misstrauens gegen Präsident Wladimir Putin.

Die Parlamentswahl ist die erste seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014, die Putins Popularität auf Zustimmungswerte von mehr als 80 Prozent ge­trieben hat. Doch es ist auch eine Wahl in einer tiefen Wirtschaftskrise, verursacht durch fehlende Reformen, niedrige Ölpreise und westliche Sanktionen.

Die Staatsmacht hat noch eine andere Wahl im Kopf, die den jetzigen Urnengang bereits überschattet: 2018 steht die Präsidentenwahl an, bei der Putin absehbar wieder antreten wird. Die Wahl der Staatsduma, des Unterhauses im russischen Parlament, soll dafür als Probelauf dienen.(SDA)

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