Es klingelt – und vor der Tür steht Hugh Grant

Der Schauspieler geht zurzeit in London von Haus zu Haus und macht Wahlkampf für eine Liberaldemokratin. Und gegen Boris Johnson.

Fast wie im Film: Hugh Grant unterstützt Luciana Berger bei deren Wahlkampf in Finchley. (1. Dezember 2019) Foto: Leon Neal/Getty Images

Fast wie im Film: Hugh Grant unterstützt Luciana Berger bei deren Wahlkampf in Finchley. (1. Dezember 2019) Foto: Leon Neal/Getty Images

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Es gibt viele legendäre Szenen in der grossartigen Schmonzette «Tatsächlich Liebe» (Love actually) mit Hugh Grant: wie er als Premierminister in der Downing Street die Treppe hinuntertanzt, wie er beim Knutschen auf einer Schulbühne erwischt wird, wie er den US-Präsidenten herunterputzt. Eine Szene aus dem Film erlebten Wähler in den Londoner Stadtteilen Finchley und Golders Green am Sonntag live, auch wenn Grant, einer der berühmtesten Schauspieler der Welt, an ihren Türen – anders als im Film – keine Weihnachtslieder sang: Es klingelte, und vor der Haustür stand Grant höchstpersönlich. Er macht gemeinsam mit Luciana Berger, Kandidatin der Liberaldemokraten, Wahlkampf und nannte sie eine «Ausnahmeerscheinung». Auf einer gemeinsamen Veranstaltung der beiden bezeichnete er Donald Trump als «Deppen» und warnte vor dem Brexit.

Berger war Parlamentsabgeordnete für Labour gewesen, hatte sich aber als Jüdin so viel antisemitischer Hetze ausgesetzt gesehen, dass sie vor einigen Monaten gemeinsam mit anderen Abgeordneten, darunter auch Tories, eine unabhängige Gruppe im Unterhaus ins Leben rief, bevor sie zu den Liberaldemokraten wechselte. Aber Hugh Grant unterstützt nicht nur sie bei der Parlamentswahl am 12. Dezember. Am Montag tourte er mit einem anderen prominenten Liberalen, mit Chuka Umunna, und am Mittwoch will er Wahlkampf mit der linken Abgeordneten Faiza Shaheen in deren Labour-Wahlkreis im Westen der Hauptstadt machen.

Grant ist also parteipolitisch nicht festgelegt. Festgelegt ist er allerdings darauf, einen Wahlerfolg von Boris Johnson und einigen ganz harten Brexiteers zu verhindern. Er argumentiert für «taktisches Wählen» – für eine Kampagne der Oppositionsparteien, die in Wahlkreisen, wo die Tory-Mehrheit gefährdet ist, zugunsten des Gegenkandidaten mit den besten Chancen auf eigene Bewerber verzichten.

Dass der 59-jährige ein hochpolitischer Mensch ist, das ist längst bekannt. Ebenso, dass er die Tories nicht leiden kann. Der Brite teilt auf seinem Twitteraccount reihenweise kritische Berichte und linke Botschaften. Gleichwohl erregte es einiges Aufsehen, als Grant Ende August eine Reihe von Tweets absetzte, in denen er sich in rüden Worten an Johnson abarbeitete und ihn warnte, er solle nicht mit der «Zukunft meiner Kinder spielen» und die «Freiheit zerstören, für deren Verteidigung mein Grossvater in zwei Weltkriegen gekämpft hat».

Egos wie im Showbusiness

Über viele Jahre hinweg war der Filmstar vor allem für seine vielfach ausgezeichnete Arbeit als Schauspieler, seine rührend linkischen Figuren und seine Auftritte in TV-Serien und auf Bühnen bekannt. «Notting Hill», «Vier Hochzeiten und ein Todesfall» und «Bridget Jones» zählen zu seinen populäresten Filmen. Grant gilt als extrem pressekritisch – unter anderem, weil er Opfer des Telefonabhörskandals war, mit dem britische Boulevardmedien das Privatleben von Stars und Politikern ausspionierten.

Der Londoner, der in Oxford studiert hat, bezeichnet Schauspielerei nicht als Leidenschaft, sondern als Broterwerb, und hat schon mal angekündigt, keine Filme mehr zu drehen. Das hielt er zwar nicht durch, er entscheidet sich aber nun immer häufiger für schwierige Stoffe. Die düstere BBC-Serie «A Very English Scandal», in der Grant den homosexuellen Abgeordneten Jeremy Thorpe spielt, war ein riesiger Erfolg. In Interviews, die Grant dazu gab, äusserte er sich höchst kritisch über das politische Geschäft: «Die Egos und der Narzissmus in der Politik sind ebenso gross wie, wenn nicht sogar grösser als im Showbusiness.» Vor der anstehenden Wahl warnt er nun, das Königreich stehe am Abgrund. Die Vernünftigen, die Moderaten, die Guten seien aus der Konservativen Partei vertrieben worden. Übrig seien «Karrieristen und Fanatiker». Als verliebter Premierminister in «Tatsächlich Liebe» hat er gezeigt, dass es auch anders geht.

Erstellt: 03.12.2019, 14:39 Uhr

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