Heile Hochburg der Unzufriedenen

Almere, einer Retortenstadt bei Amsterdam, geht es gut. Trotzdem wählt hier jeder fünfte die fremdenfeindliche Freiheitspartei von Geert Wilders. Warum?

Eine Oase der Ruhe, die durch nichts gestört werden soll: Almere in der Nähe von Amsterdam. Foto: Peter Horree (Alamy)

Eine Oase der Ruhe, die durch nichts gestört werden soll: Almere in der Nähe von Amsterdam. Foto: Peter Horree (Alamy)

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Auf der Suche nach dem «wütenden weissen Mann» drängt sich eine Reise nach Almere auf. Die Schlafstadt vor den Toren von Amsterdam gilt schliesslich als Hochburg der Freiheitspartei (PVV) von Geert Wilders, dem Wort­führer der Unzufriedenen. Immerhin hat sich jeder Fünfte bei den letzten ­Gemeindewahlen für die Partei des Rechtspopulisten entschieden, und bei den Parlamentswahlen am 15. März dürften es nicht weniger sein.

Eine knappe halbe Stunde ist es mit dem Schnellzug ab Hauptbahnhof Amsterdam. Die Waggons sind am späten Nachmittag mit Pendlern bis auf den letzten Platz besetzt. Die Stimmung ist entspannt, es geht Richtung Feierabend. Nach den letzten Ausläufern von Amsterdam führen die Schienen an einem Knäuel von Autobahnen und Brücken vorbei, dann folgen leere Felder, durchzogen von randvollen Entwässerungskanälen.

Ja, die Niederländer haben den Grund, auf dem Almere heute steht, einst dem Wasser abgetrotzt. 1975 zogen die ersten Pioniere aufs Land. In Amsterdam herrschte damals grosse Wohnungsnot. Heute leben 200'000 Menschen in Almere, und in ein paar Jahren sollen es fast doppelt so viele sein. Nein, Almere hat nichts von einer französischen Satellitenstadt. Vor der Einfahrt rundherum niedrige Wohnhäuser mit viel Grün. Vom Bahnhof aus verlieren sich die Pendler rasch im ziemlich modernen Ortszentrum.

Die Stadtbehörden haben den bekannten niederländischen Architekten Rem Koolhaas geholt, um den Masterplan für ihr Zentrum aus einem Guss zu erstellen. Heute stehen direkt über der Wasserfront eine einladende Mall mit Läden und unzähligen Restaurants, ein Theater, ein Kinokomplex und am Hauptplatz gegenüber vom Stadthaus eine grosse Bibliothek mit Veranstaltungsräumen.

Wilders, der Kontrollfreak

Und in dieser Idylle sollen also besonders viele wütende weisse Männer wohnen? Unten in der Eingangshalle des Stadthauses hängen die Porträts der acht Abgeordneten der Freiheitspartei, immerhin grösste Fraktion im Gemeindeparlament. Sie blicken recht freundlich von den Wänden neben den Lift­türen. Doch mit Journalisten sprechen dürfen sie nicht, schon gar nicht mit ­solchen aus dem Ausland. Wilders, ein Kontrollfreak, hält von Den Haag aus seine Leute an der kurzen Leine.

Gerne spricht dafür Frits Huis, Pionier und einer der ersten hundert Bewohner von Almere. Der Mann ist ein Urgestein der Lokalpartei «Lebenswertes Almere» und eines von sechs Mitgliedern in der Stadtexekutive. Wir treffen ihn eher zufällig am Eingang zum Stadthaus, umringt von einem Dutzend Menschen. Anlass ist die Einweihung einer Plakette, ein Schiff auf Wellen, genau 3,20 Meter über den Boden montiert. Ähnliche Plaketten sollen an verschiedenen Stellen in der Stadt montiert werden und daran erinnern, wie weit Almeres Fundamente unter dem Meeresspiegel stehen.

Kein Grund, um Angst zu haben? Die Niederländer vertrauten ihren Deichen und Pumpen, lacht Frits Huis, kräftiger 2-Meter-Mann, später oben in seinem Büro. Aber woher kommen denn die Unzufriedenheit und die recht vielen Stimmen für Geert Wilders’ Freiheits­partei in der grünen Oase ausserhalb Amsterdams? Die Niederländer gehörten eigentlich zu den glücklichsten Menschen, sagt Frits Huis. Der Beigeordnete, wie die Stadträte hier heissen, sieht Unterstützung für Wilders vor allem in diffusen Ängsten über das, was vielleicht die Zukunft bringe.

Anders als in Amsterdam gebe es in Almere keine Probleme mit Einwanderern, sagt Frits Huis. In der Hauptstadt würden orthodoxe Juden belästigt oder müssten etwa Homosexuelle fürchten, von marokkanischen Jugendlichen angegriffen zu werden, wenn sie Hand in Hand gingen oder sich auf offener Strasse küssten. Nicht, dass die Niederländer in ihrer Pionierstadt nur unter sich wären. Auch immer mehr Zuwandererfamilien fliehen vor den hohen Mieten in Amsterdam. Sollte es in Almere jemals ähnliche Zwischenfälle wie in Amsterdam geben, werde man auf Nulltoleranz setzen, verspricht Frits Huis.

In Amsterdam überfallen

Wieder unten in der Eingangshalle des Rathauses lässt sich dann doch noch ein älteres Ehepaar in ein Gespräch verwickeln, während es auf einen Behördentermin wartet. Der Mann, früher selbstständiger Caterer und oft in Hotels unterwegs, demonstriert spontan, wie er einst in Amsterdam überfallen und ihm die Pistole an den Kopf gesetzt wurde. Seither trägt er Portemonnaie, Handy und Schlüssel in einer Bauch­tasche eng unter dem Pullover. Wilders, glaubt der Rentner, sei der Einzige, der für Ordnung sorgen könne.

Ähnlich redet später draussen auf dem Hauptplatz Jan, der Mann am fahrbaren Fischstand. Selber will er zwar nicht für Wilders stimmen. Der sei isoliert und seine Rezepte dann doch zu radikal. Alle seine Freunde stimmten aber für den Rechtspopulisten und dessen Freiheitspartei. Auch Peter, nach eigenen Worten Kleinunternehmer, im kalten Wind die rote Mütze tief ins Gesicht gezogen, findet am Eingang zur Filiale eines deutschen Billigdiscounters Wilders’ Rezepte gut. Er wolle nicht eines Tages unter der Scharia, dem islamischen Recht, leben müssen.

Angst vor Marokkanern

Um die Wilderswähler besser zu verstehen, lohnt es sich, mit dem jungen Soziologen Koen Damhuis zu sprechen. Er hat 165 Stunden mit 64 Wählern der Freiheitspartei geredet und daraus ein Buch unter dem Titel «Wege zu Wilders» gemacht. Das Bild von den «wütenden weissen Männern», den Globalisierungsverlierern, sei falsch. Koen Damhuis hat nicht eine, sondern mindestens drei Gruppen von Wilderswählern ausgemacht. Für eine Gruppe steht ein 30-jähriger Gastwirt, der jede Woche 70 bis 80 Stunden hart arbeitet und sich daran stört, dass die Politiker den Griechen «Milliarden» überweisen, für «normale» Niederländer aber kaum etwas von den Steuergeldern übrig bleibe. Oder der homosexuelle Eigentümer eines Beratungsbüros, der findet, dass zu viele Muslime den Lebensstil der Niederländer ablehnen würden. Aufschlussreich ebenfalls die pensionierte Putzfrau, die aus Angst vor «marokkanischen Jugendlichen» aus Amsterdam weggezogen ist und sich als «Flüchtling» im eigenen Land beschreibt.

Es gibt die Legende, dass Siedler von Almere einmal im Jahr Bustouren in ihre angestammten Amsterdamer Stadtviertel organisieren, um dann nach einem kurzen Schaudern rasch wieder in die neue Heimat zurückzukehren. Die Wil­derswähler sind jene, die fürchten, dass es in der Oase mit der Ruhe bald vorbei sein könnte. Doch vorerst allerdings sind die Optimisten die grosse Mehrheit. Lieke, 32-jährige Réceptionistin im Hotel Apollo, das wie ein UFO an der Wasserfront steht, lässt nichts auf ihre Heimatstadt kommen. Toll findet sie, dass zum Beispiel ihre Kinder alleine mit dem Fahrrad zur Schule fahren können. Überhaupt stört sie sich am Image Al­meres als Wildershochburg. Der Rechtspopulist schüre doch nur Ängste. Sie will nur schon deshalb in zwei Wochen wählen gehen, damit Geert Wilders ihre Stimme nicht bekommt.

Erstellt: 03.03.2017, 23:31 Uhr

Erste EU-Schicksalswahl

Entscheidung am 15. März

Die Freiheitspartei (PVV) von Geert Wilders verliert zwei Wochen vor den Parlamentswahlen in den Niederlanden an Zuspruch. Erstmals seit Monaten ist der Rechtspopulist laut jüngsten Umfragen hinter den Rechtsliberalen (VVD) von Ministerpräsident Mark Rutte zurückgefallen. Rutte hat die Wahl bisher recht geschickt zu einem Duell zwischen ihm als Mann der Erfahrung und Wilders als Mann der Gefahr stilisiert. Der Rechtspopulist polarisiert mit seiner harten Rhetorik gegen den Islam und gegen Einwanderer aus muslimischen Ländern. Zuletzt hatte er Marokkaner als «Abschaum» bezeichnet, der die Strasse unsicher mache.

So oder so wird das neue Parlament in Den Haag stark fragmentiert sein. Keine Partei dürfte mehr als 30 der 150 Sitze in der zweiten Kammer erobern können. Während bisher die Rechtsliberalen in einer Grossen Koalition mit den Sozialdemokraten (PdvA) regierten, dürfte es künftig für eine Mehrheit vier Parteien brauchen. Fast alle Kräfte schliessen eine Koalition mit Wilders aus.

Die Wahl am 15. März in den Niederlanden gilt als erste von drei Schicksalsabstimmungen in diesem Jahr in Gründungsländern der EU. Auch bei den Wahlen in Frankreich und in Deutschland versuchen Rechtspopulisten mit einem Kurs gegen Ausländer und gegen die EU zu punkten. (sti)

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