«Sind wir zu zweit unterwegs, wechseln Frauen die Strassenseite»

Freiburg im Breisgau war die Hochburg der «Willkommenskultur». Zwei Verbrechen von Flüchtlingen an jungen Frauen haben dies verändert.

Viele Einwohner sind entsetzt über die Gewalttaten, lehnen aber Pauschalverurteilungen ab. Strasse in der idyllischen Altstadt von Freiburg im Breisgau. Foto: Ralf Brunner (Laif)

Viele Einwohner sind entsetzt über die Gewalttaten, lehnen aber Pauschalverurteilungen ab. Strasse in der idyllischen Altstadt von Freiburg im Breisgau. Foto: Ralf Brunner (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Freiburg ist ein Idyll. Von der Frühlingssonne verwöhnt, liegt die schöne Altstadt lieblich und aufgeräumt da wie eine Puppenstube. Die «Bächle», winzige Kanäle, die seit Jahrhunderten in jede Altstadtstrasse Wasser führen, rieseln vergnügt. In Läden und auf Biomärkten herrscht Emsigkeit, weiter draussen in der Stadt ein Gefühl von Kalifornien oder Genfersee: Junge Studentinnen und Studenten mit ihren Fahrrädern prägen das Bild, überall stehen moderne Forschungszentren.

Freiburg gilt in Deutschland als Multikulti-Hochburg und Öko-City, die Stadtgesellschaft als links, grün und antiautoritär – eine Festung der Guten und Wohlmeinenden. Freiburg war vor bald 20 Jahren die erste deutsche Grossstadt, die einen Grünen zum Bürgermeister wählte. Und als die Flüchtlinge kamen, 2015/16, gab es vermutlich in keiner Stadt mehr freiwillige Helfer als hier. Freiburg sagte «Willkommen», und meinte es auch.

Grosses Erschrecken

Umso mehr erschrak man, als 2016 die Studentin Maria L. von einem afghanischen Flüchtling vergewaltigt und ermordet wurde. Im vergangenen Herbst wiederholte sich der Albtraum, als eine Gruppe von Syrern eine Studentin vergewaltigte. Die Verbrechen erschütterten die Stadt und wühlten sie monatelang auf. Sie stellten ihren Idealismus infrage, liessen ihn plötzlich fahrlässig erscheinen.

Vor der neuen Universitätsbibliothek, die mit ihren Glasfassaden wie ein schwarzer Kristall wirkt, stehen junge Frauen und Männer in der Sonne, plaudern, trinken Kaffee. Die 21-jährige Jil ist vor zwei Jahren aus Trier nach Freiburg gezogen, um Biologie zu studieren. Sie betrachte sich nicht als ängstlich, sagt sie. Aber seit den Vergewaltigungen gehe sie nachts nicht mehr allein nach Hause. Gewisse Plätze meide sie grundsätzlich, weil sie sich da nicht sicher fühle. Und sie habe meist einen Pfefferspray dabei.

Unter ihren Freundinnen sei Sicherheit ein grosses Thema. Man achte aufeinander, gehe zusammen aus, auch in Clubs, schreibe sich SMS, um sicher zu sein, dass alle gut nach Hause gekommen seien. Und ja, manchmal mache es sie wütend, dass sie auf der Strasse Angst haben müsse, nur weil sie eine Frau sei. Ob ein Mann bedrohlich wirke, habe nicht mit dessen Hautfarbe, sondern mit dessen Ausstrahlung zu tun. Einen besoffenen Biologiestudenten meide sie genauso wie einen aufdringlichen Dealer.

Unsicherheit – und AfD

Jil wünscht sich mehr Polizei auf den Strassen und bessere Beleuchtung für bestimmte Ecken oder Durchgänge. Nein, sie habe nicht das Gefühl, dass sie sich in Köln, Dortmund oder Berlin sicherer fühlen würde, eher im Gegenteil. Freiburg findet sie im Ganzen nach wie vor wunderbar. Gerne würde sie nach dem Studium hier bleiben.

Einer, für den es nur eine Frage der Zeit war, bis Flüchtlinge über junge deutsche Frauen herfallen, ist Thomas Seitz. Der 51-Jährige war lange Staatsanwalt in Freiburg. Weil er die Justiz als «Gesinnungsjustiz» und den Staat als «Unterdrückungsinstrument» bezeichnete, ist der Staat gerade daran, ihm seinen Beamtenstatus zu entziehen. Seit Ende 2017 vertritt Seitz die Alternative für Deutschland (AfD) im Bundestag. Er wohnt in einer kleinen Stadt, 50 Kilometer von Freiburg entfernt.

Die AfD habe vor Verbrechen wie in Freiburg immer gewarnt, sagt Seitz, leider zu Recht. Er führt sie im Kern auf die Kultur der eingewanderten Muslime oder Afrikaner zurück. Die meisten könne man deswegen in Deutschland auch gar nicht integrieren. «Die vergrössern nur die Parallelgesellschaften und beschleunigen den Niedergang unserer Gesellschaft.» Die jungen Frauen, die trotz der Vergewaltigungen noch an Multikulti glaubten, seien «Opfer tragischer Gehirnwäsche»: «Die Linken haben ihnen alle Instinkte abtrainiert.»

Warnung vor Pauschalverdacht

Nach beiden Verbrechen versuchte die AfD, Freiburgs Bürger gegen die Einwanderung zu mobilisieren. 2016 brachte sie ein Dutzend Demonstranten zusammen, im letzten Oktober, sieben Wochen nach den Unruhen von Chemnitz, drei- oder vierhundert. Die linken Gegendemos, die Nein zu Gewalt an Frauen und zugleich Nein zu rassistischer Vereinnahmung sagten, waren fünf- bis zehnmal grösser. Freiburg sei eben linksextremistisch dominiert, entschuldigt Seitz. Der «Hass der Gutmenschen», der ihnen hier entgegenschlage, habe ihn erschreckt. «Ohne Polizei würde man sogleich zerfetzt und in Stücke gerissen.»

Die Freiburger «Gutmenschen» sehen das natürlich ganz anders. Mit Bedacht und Augenmass habe die Stadt auf die Verbrechen reagiert, meinen sie. Sie habe Empathie für die Opfer gezeigt, aber zu Recht auch vor Pauschalverdacht gegen Flüchtlinge gewarnt. Die Verantwortlichen seien dafür in den sozialen Medien zwar angefeindet worden, typischerweise seien die Drohungen aber fast alle von ausserhalb gekommen.

Polizei und Prävention

Freiburg sei weiter multikulturell, liberal und hilfsbereit, sagt Ulrich von Kirchbach, ein 63-jähriger Sozialdemokrat, der seit 2002 als Erster Bürgermeister für Soziales und Integration zuständig ist. Gleichzeitig hätten die Verbrechen von Flüchtlingen das Bewusstsein geschärft, dass Integration eine Langzeitaufgabe sei und Sicherheit mehr Priorität verdiene. Als Lehre aus dem Mord an Maria L. schloss Freiburg 2016 eine Sicherheitspartnerschaft mit dem Land Baden-Württemberg und stärkte Polizei, Justiz, Ordnungsdienst und Sozialarbeit.

In der Kriminalitätsstatistik zeigen sich bereits deutliche Verbesserungen, wie einem Polizeivizepräsident Matthias Zeiser erklärt. Mehr Patrouillen, mehr Kontrollen sowie ein systematisches Vorgehen gegen Intensivtäter haben Raub- und Gewaltdelikte sowie die sogenannte Strassenkriminalität seit 2016 um je fast 30 Prozent verringert.

Allerdings bleibt der Anteil von ausländischen Straftätern überproportional hoch. Fast jedes zweite Verbrechen geht auf ihr Konto, obwohl ihr Anteil an den 230'000 Einwohnern dreimal kleiner ist. Zeiser erklärt das Missverhältnis mit den Lebensumständen vieler Einwanderer, die oft prekär lebten, schlecht integriert, jung und männlich seien. Um die Hälfte gestiegen sind seit 2016 die Sexualdelikte. Dies hat zum einen mit neu eingeführten Straftatbeständen zu tun, zum andern vermutlich mit einem zunehmenden Anzeigewillen. Auch in dieser Statistik sind ausländische Täter deutlich übervertreten, seit 2016 haben sich die von dieser Gruppe verübten Sexualdelikte von 39 auf 79 verdoppelt. Die Sorge der Freiburger Studentinnen ist also nicht nur ein Gefühl. Bei der Polizei ist man sich freilich bewusst, dass gewisse Sexualverbrechen kaum zu verhindern sind. Auch präventive Sozialarbeit vermag da meist wenig.

Die Hilfsbereitschaft habe wegen der Verbrechen nicht abgenommen, sagt eine Zuständige im Amt für Migration.

«Patriarchale Frauenbilder sind ein Problem, das kann man nicht leugnen», sagt Petra Geppert. Aber nicht jeder, der patriarchal denke, sei auch gewaltbereit. Geppert ist im Amt für Migration und Integration für die Sozialdienste zuständig – auch ihre Kolleginnen Katrin Grau und Antje Reinhard sind Integrationsprofis. Die drei Frauen wissen, wie schwierig es ist, an gewisse junge Männer überhaupt heranzukommen, um etwa ihren Umgang mit Frauen zu beeinflussen. «Brückenbauer», möglichst aus derselben Kultur, seien dafür nützlich, sagt Grau, die für Integrationsmanager zuständig ist. Besserer Gewaltschutz in Unterkünften, soziale Strassenarbeit und die Früherkennung von Menschen, die aus der Gesellschaft zu fallen drohten, dienten der Prävention.

Antje Reinhard koordiniert die Arbeit ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer, fast 2000 gibt es in Freiburg für 5000 Flüchtlinge. Sie sagt, die Hilfsbereitschaft habe wegen der Verbrechen nicht abgenommen, einige wollten vielmehr «gerade jetzt» helfen. Gleichzeitig sei Sicherheit auch für viele Helfer wichtiger geworden. Viele Flüchtlinge wiederum schämten sich für die Verbrechen von Landsleuten. «Wenn wir zu zweit oder zu dritt unterwegs sind, wechseln junge Frauen gleich die Strassenseite», seufzten junge Syrer oder Afghanen.

Polizei wird gern gesehen

Stefan Hupka hat als Reporter für die in Freiburg heimische «Badische Zeitung» den Mord an Maria L. aufgearbeitet. Das Verbrechen sei eine Zäsur gewesen: «Die Stadtgesellschaft ist ihrer eigenen Naivität innegeworden.» Im Prozess habe sich gezeigt, wie unglaublich leichtfertig Pflegeeltern und Helfer mit dem späteren Täter umgegangen seien. «Helfen war und ist ja nötig», sagt Hupka, der zwei Jahre lang selbst einen jungen Syrer betreute. «Aber man muss schon auch hingucken, nachfragen, fordern!»

Interessanterweise habe sich gerade das Verhältnis des links-grünen Freiburg zur Polizei gewandelt. Seien Polizisten früher auch in bürgerlichen Quartieren ohne Umschweife als «Bullen» beschimpft worden, würden sie heute begrüsst: «Klasse, dass ihr da seid!» Trotz des Schocks sei die Willkommensstimmung aber nie gekippt. Freilich denke man heute auch in Freiburg weniger naiv und schönfärberisch über Einwanderung und Asyl als zuvor: «Die Konfrontation mit der Realität war schmerzhaft», meint Hupka. «Aber heilsam.»

Erstellt: 09.04.2019, 18:01 Uhr

Mord und Gruppenvergewaltigung

Zwei Verbrechen, die junge Flüchtlinge an jungen Frauen begingen, haben Freiburg im Breisgau in den letzten zwei Jahren erschüttert: Im Oktober 2016 wurde die 19-jährige Maria L. von einem jungen Afghanen am Stadtfluss Dreisam vergewaltigt und ermordet. Hussein K. wurde dafür im März 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt und sicherheitsverwahrt. Im Oktober 2018 wurde eine 18-Jährige bei einer Disco im Norden der Stadt von insgesamt zehn Männern vergewaltigt, unter ihnen neun Syrer. Gegen den mutmasslichen Anstifter Majd H. und mehrere Mittäter ist vor kurzem Anklage erhoben worden. (de.)

Artikel zum Thema

Sie kamen 2015 – was tun sie jetzt?

Ein Syrer und ein irakischer Jeside haben in Deutschland Schutz vor dem Krieg gesucht. Ein Wiedersehen in Berlin. Mehr...

«Die Erfolgreichen laufen einfach davon»

Interview Der britische Ökonom Paul Collier über die Arroganz der Eliten und wie mangelnde Solidarität zur Brexit-Meuterei führte. Mehr...

Private sollen Flüchtlinge sponsern

Die Schweiz soll mehr besonders verletzliche Flüchtlinge aufnehmen – dank privater Hilfe. Diese Idee der Denkfabrik Foraus ist umstritten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...