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«Ein wahrer Freund der Freiheit»

Von Angela Merkel bis Donald Trump: Helmut Kohl wird in Deutschland, Europa und der Welt als grosser Staatsmann des 20. Jahrhunderts gewürdigt.

Der deutsche Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl ist tot.
Der deutsche Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl ist tot.
AP Photo/Michael Probst, Keystone
Der CDU-Politiker hat viel für sein Land getan – aber auch für Europa. (9. Dezember 1989)
Der CDU-Politiker hat viel für sein Land getan – aber auch für Europa. (9. Dezember 1989)
Michel Frison, AFP
Wegen der Spendenaffäre Ende der Neunzigerjahre blieb das Verhältnis zwischen Angela Merkel und Helmut Kohl bis zuletzt belastet. (2. Juni 2015)
Wegen der Spendenaffäre Ende der Neunzigerjahre blieb das Verhältnis zwischen Angela Merkel und Helmut Kohl bis zuletzt belastet. (2. Juni 2015)
Daniel Biskup, Keystone
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Es ist eher selten, dass sich das deutsche Fernsehen durch Ereignisse von seinem vorgesehenen Programm abbringen lässt. Als aber am Freitagabend um kurz vor halb sechs der Tod Helmut Kohls gemeldet wurde, unterbrachen ARD und ZDF sofort ihr Programm, um in ersten Sondersendungen dessen Leben zu würdigen. Auf zahlreichen TV-Stationen dauerten die Gedenksendungen danach teils bis in die tiefe Nacht.

Allein dieser mediale Ausnahmezustand zeigte, welch grosse Bedeutung Deutschland dem «Kanzler der Einheit» beimass. Zugleich ging mit seinem Tod auch eine Epoche zu Ende: In den vergangenen 19 Monaten waren bereits Helmut Schmidt, Kohls Vorgänger als Kanzler, und Hans-Dietrich Genscher verstorben, dessen langjähriger Partner als Aussenminister.

Kohls Nach-Nachfolgerin im Bundeskanzleramt, Angela Merkel, würdigte den Verstorbenen in einer fünfminütigen Ansprache von Rom aus, wo sie kurz zuvor für einen Besuch beim Papst eingetroffen war. Die Nachricht von seinem Tod habe sie mit tiefer Trauer erfüllt: «Helmut Kohl war ein grosser Deutscher und ein grosser Europäer.»

Der Geist der Wende

Die beiden wichtigsten Aufgaben der deutschen Politik der letzten Jahrzehnte hätten sein Wirken bestimmt, sagte Merkel: «Die Wiedererlangung der Einheit unseres Vaterlandes und die Einigung Europas. Helmut Kohl verstand, dass das eine und das andere untrennbar verbunden waren. Und er hat sich um beide Ziele wie kaum ein anderer verdient gemacht. Seine beiden Ehrenbezeichnungen drücken das aus: Ehrenbürger Europas – diesen Titel haben ihm die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union verliehen. Und Kanzler der Einheit – so sehen ihn Millionen von Deutsche, und das bleibt er in den Geschichtsbüchern und in unserer Erinnerung.»

Als in Osteuropa in den 80er-Jahren der Geist der Freiheit zu wehen begonnen habe, sei Kohl der «richtige Mann zur richtigen Zeit» gewesen. «Er hat auch meinen Lebensweg entscheidend verändert. Wie Millionen andere konnte ich aus dem Leben in der Diktatur der DDR in ein Leben der Freiheit gehen.» Dafür sei sie Kohl ganz persönlich dankbar. Auf weitere Details ihrer wechselhaften gemeinsamen Geschichte ging Merkel nicht ein.

Kohl hatte die ostdeutsche Physikerin nach der Wende für die CDU «entdeckt» und als junge Frau in sein Kabinett geholt. Acht Jahre später, nach Auffliegen des Spendenskandals, hatte Merkel in einem Zeitungsartikel gefordert, die CDU müsse sich endlich von ihrem Übervater lösen – und damit Kohls politisches Ende und mittelbar ihren eigenen Aufstieg an die Spitze der Partei eingeläutet. Obwohl Kohl Merkels «Verrat» nie wirklich verwunden hatte, hielten die beiden bis zuletzt Kontakt.

«Kohl hat mich auf allen europäischen Wegen geleitet und begleitet.»

Jean-Claude Juncker

Neben der Kanzlerin würdigten alle deutschen Politiker von Rang und Namen Kohl mit Hochachtung. Ehrbekundungen erreichten Deutschland aus vielen Hauptstädten der Welt. Der Luxemburger Jean-Claude Juncker, Kommissionspräsident der Europäischen Union, verfügte, dass die Flaggen der 27 Mitgliedsstaaten der Union in Brüssel auf halbmast wehen. «Kohl hat mich auf allen europäischen Wegen geleitet und begleitet», sagte Juncker. Er habe Europa mit Leben erfüllt. «Nicht nur, weil er Brücken nach Westen wie nach Osten gebaut hat, sondern auch, weil er niemals aufgehört hat, noch bessere Baupläne für die Zukunft Europas zu entwerfen.»

George Bush senior, der von 1989 bis 1993 amerikanischer Präsident war, würdigte Kohl als «einen der grössten Staatenlenker von Nachkriegseuropa». Er sei ein «wahrer Freund der Freiheit» gewesen, zudem ein guter persönlicher Freund. Mit ihm auf dem Weg zur Wiedervereinigung zusammenzuarbeiten, sei eine der «grossen Freuden» seines Lebens gewesen.

Sohn Walter ist «tief betroffen»

Sein Vater habe schon vor Jahren alle Kontakte zu seinen Söhnen abgebrochen, äusserte sich Sohn Walter Kohl «tief betroffen» am Freitag nach einem Besuch im Haus seines Vaters in Ludwigshafen-Oggersheim. Besonders die Enkel hätten «sehr darunter gelitten, dass ihr Grossvater für sie nicht erreichbar war».

Es sei «schade, wenn man nicht in der Lage ist, Dinge in diesem Leben zu regeln», sagte Walter Kohl. Er habe dies über «verschiedene Kanäle versucht»; eine Aussöhnung mit dem Vater fand jedoch nie statt. «Sie sehen einen Menschen, der sehr traurig ist», sagte Kohl.

UNO-Chef trauert um «Freund»

UNO-Generalsekretär António Guterres hat sich «sehr traurig» über den Tod von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl gezeigt. Kohl sei ein «persönlicher Freund» von Guterres gewesen, sagte sein Sprecher Stéphane Dujarric am Freitag vor Journalisten in New York.

«Es ist offensichtlich, welche historische Rolle Herr Kohl bei der Wiedervereinigung von Deutschland nur ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer gespielt hat und beim historischen Weg, auf den er Deutschland gebracht hat, indem er es so gut durch die Wiedervereinigung geführt hat.»

Orban verabschiedet sich vom «grossen Alten»

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hat auf seiner Facebook-Seite in einer zweisprachigen Botschaft zum Tod von Helmut Kohl kondoliert. Im ungarischen Text schrieb der rechts-konservative Politiker: «Möge Gott dem Freund Ungarns, dem grossen Alten Helmut Kohl gnädig sein.»

Die deutschsprachige Botschaft im selben Posting lautete: «Gott sei der Seele des Freundes Ungarns, des herausragenden Staatsmannes Helmut Kohl gnädig.» Orban pflegte ein enges Verhältnis zum deutschen Alt-Bundeskanzler. Dieses reichte in die Zeit zurück, als Kohl die deutsche Wiedervereinigung und damit teilweise auch die demokratische Wende in Osteuropa gestaltete. Orban war zu diesem Zeitpunkt ein Oppositioneller gegen das damalige kommunistische Regime. Zuletzt hatte der schon schwer kranke Kohl den Ungarn im April 2016 in seinem Haus in Oggersheim empfangen.

«Die Geschichte, dass er geliefert hat.»

Der frühere US-Präsident Bill Clinton hat zum Tod von Helmut Kohl dessen visionäre Führungskraft gewürdigt. Damit habe Kohl Deutschland und Europa auf das 21. Jahrhundert vorbereitet. «Er war aufgerufen, einige der monumentalsten Fragen seiner Zeit zu beantworten», heisst es in einem von Clinton verbreiteten Statement. «Indem er sie richtig beantwortete, machte er die Wiedervereinigung eines starken, prosperierenden Deutschlands möglich und die Schaffung der Europäischen Union.»

Clinton, der von 1993 bis 2001 US-Präsident war, erinnerte sich an einen Berlin-Besuch nach der Wiedervereinigung: «Ich werde nie vergessen, wie ich mit ihm 1994 durch das Brandenburger Tor gegangen bin, zu einer Grosskundgebung auf der Ostseite, als ich echte Hoffnung in den Augen Zehntausender junger Menschen gesehen habe», heisst es in der Erklärung Clintons. «Ich wusste in diesem Moment, dass Helmut Kohl der Mann war, der ihnen dabei helfen konnte, ihre Träume zu verwirklichen.» Und Clinton fügte hinzu: «Die Geschichte zeigt auch weiterhin, dass er geliefert hat.»

Trump: «Sein Vermächtnis wird weiterleben.»

Deutlich später als viele andere amtierende und ehemalige Staats- und Regierungschefs aus aller Welt hat US-Präsident Donald Trump auf den Tod von Altkanzler Helmut Kohl reagiert und kondoliert. «Kanzler Kohl war den Vereinigten Staaten ein Freund und Verbündeter, während er die Bundesrepublik Deutschland durch 16 entscheidende Jahre führte», hiess es in einer Mitteilung vom Weissen Haus am Freitagabend.

«Im Namen des amerikanischen Volkes spreche ich dem deutschen Volk, der Familie und den Angehörigen des ehemaligen Kanzlers Helmut Kohl mein tiefstes Beileid aus», sagte Trump der Mitteilung zufolge. Kohl sei nicht nur der Vater der deutschen Wiedervereinigung gewesen, sondern auch ein Verfechter Europas und des transatlantischen Verhältnisses, hiess es weiter. Die Welt habe von seinem Weitblick und seinen Anstrengungen profitiert. «Sein Vermächtnis wird weiterleben.»

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