Helmut Schmidt und die Schweiz

Der verstorbene Altkanzler war kein grosser Schweiz-Versteher: Anders als seinen Nachfolger interessierte Helmut Schmidt die Schweiz kaum. Nur auf einen hielt er grosse Stücke.

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Nicht wenige werden sich noch an die Ära Helmut Kohl erinnern, als Deutschland in der EU als Schutzmacht der Schweiz auftrat. «Ich bin als Freund der Schweiz gekommen, nicht als Lehrmeister», sagte der frühere Kanzler 1993 bei seinem Besuch. Wenn Helmut Kohl, Bundeskanzler von 1982 bis 1998, auf seinen zahlreichen offiziellen und halboffiziellen Visiten in die Schweiz kam, gab er sich gerne als «Freund der Schweiz» aus. Noch weiter zurück liegt die Regierungszeit des heute verstorbenen Altbundeskanzlers Helmut Schmidt.

Ob er jemals der Schweiz einen Staatsbesuch abstattete, weiss heute kaum jemand mit Sicherheit. Der «hanseatische Preusse» aus Hamburg war nicht nur ein ganz anderer Menschenschlag als sein gemütlich wirkender politischer Widersacher aus dem Bundesland Rheinland-Pfalz. Schmidt verband auch viel weniger mit der Schweiz, eine «special relationship» wie unter Kohl gab es jedenfalls nicht.

Eine dreiviertel Seite für die Schweiz

«Helmut Schmidt hat sich als Weltpolitiker verstanden», sagt Tim Guldimann, bis Mai 2015 Schweizer Botschafter in Berlin und Zürcher Neo-SP-Nationalrat. Dass Schmidt mit der Schweiz und ihrer Politik wenig anfangen konnte, zeigt sich beispielhaft in seinem 1990 erschienenen Buch «Die Deutschen und ihre Nachbarn.» Dazu Guldimann: «In dem 570 Seiten umfassenden Werk wird die Schweiz auf bloss einer dreiviertel Seite abgehandelt.» Dabei fand Schmidt bloss zwei Namen erwähnenswert: Bundesrat Kurt Furgler und Nationalbankpräsidenten Fritz Leutwiler.

Erfolge und Niederlagen von Helmut Schmidts politischer Karriere. (Video: Jan Derrer)

Einzig auf Max Frisch hielt Schmidt grosse Stücke. Er nahm den Schriftsteller 1975 auf eine China-Reise mit, 1977 hielt Frisch eine Rede auf dem SPD-Parteitag. So meint denn auch Roger de Weck, SRG-Generaldirektor und früherer Chefredaktor der von Helmut Schmidt mitherausgegebenen Wochenzeitung «Die Zeit»: «Helmut Schmidt und die Schweiz – das war vor allem Helmut Schmidt und Max Frisch.»

Rat von Max Frisch

Das in der Eidgenossenschaft angesagte Schlechtmachen von Intellektuellen sei nicht Schmidts Sache gewesen. «Im Gegenteil: Auf dem Höhepunkt der Krise um die Terroristen der Roten Armee Fraktion holte 1977 der deutsche Bundeskanzler auch den Rat des Schweizer Schriftstellers», so de Weck. Später habe Schmidt gern erwähnt, wie ihn auch sonst die Gespräche mit Frisch in seinem politischen Denken weitergebracht hätten.

Altkanzler Helmut Schmidt (Mitte) am European Management Symposium (heute WEF) in Davos. (Bild: Keystone/28. Januar 1983)

Schmidts geringes Interesse für die Schweiz hat sicherlich mit seiner norddeutschen Herkunft und damit auch der grossen räumlichen Distanz zur Schweiz zu tun. Wichtiger waren aber die politischen Ereignisse, die seine Amtszeit von 1974–1982 prägten – da spielte die Schweiz für ihn schlicht keine grosse Rolle. Der Krieg im Nahen Osten löste einen starken Ölpreisanstieg und damit eine weltweite Wirtschaftskrise aus. Der Kalte Krieg wiederum drohte zu eskalieren, als die Sowjetunion als Reaktion auf den Nato-Beschluss, atomare Raketen in der Bundesrepublik zu stationieren, ihre Mittelstreckenwaffen auf Europa richtete. Dies führte zu einer breiten Friedensbewegung und grundlegenden Meinungsverschiedenheiten im Regierungslager und schliesslich zum Bruch der sozialliberalen Koalition. Die grösste Herausforderung war aber der Terrorimus der Roten Armee Fraktion (RAF), deren Morde die BRD erschütterten.

«Aus der militärköpfigen ‹Schmidt-Schnauze› wurde ein weiser Alter, der zum Nato-Interventionismus und zu den neuen Kalten Kriegern auf Distanz ging», stellt Vizepräsident der Grünen Schweiz, Jo Lang, fest. Und so habe der ehemalige Parteirechte nicht nur viele Sozialdemokraten links überholt, sondern auch viele Grüne. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.11.2015, 21:03 Uhr

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