Hilfe mit schlimmen Folgen

Hilfswerke behaupten, dass ohne ihre Präsenz im Mittelmeer mehr Menschen ertrinken. Doch die Zahlen widerlegen das.

Nothelfer und Freiwillige bei einem Einsatz am Mittelmeer im Mai 2016. Foto: Alexander Koerner (Getty Images)

Nothelfer und Freiwillige bei einem Einsatz am Mittelmeer im Mai 2016. Foto: Alexander Koerner (Getty Images)

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Mindestens 70 Seemeilen Abstand zur Küste: Das war die Anweisung, die Libyens Küstenwache den Rettungsschiffen westlicher Hilfswerke letzten August gab. Von Italien mit neuen Patrouillen­booten ausgerüstet, fuhren die Libyer fortan einen harten Kurs gegenüber den Hilfsorganisationen. Libyen wirft diesen vor der Küste auf Migranten wartenden Helfern vor, das illegale Geschäft der Menschenschmuggler zu fördern, weil die Rettungsschiffe die aufgefischten Migranten nach Sizilien statt in den nächsten sicheren Hafen bringen – wie es das Seerecht eigentlich vorsähe.

Tatsächlich sind die Rettungsschiffe in den letzten Jahren immer näher an die libysche Küste herangefahren. Den Schleppern war das recht: Denn statt wie früher teure Boote bereitzustellen, mit denen die Migranten die 300 Kilometer bis zur italienischen Insel Lampedusa zurücklegten, reichten nun Billigschlauchboote aus. Vollgepfercht mit bis zu 150 Passagieren ging es jetzt nur noch darum, die ersten 20 Kilometer bis zu den Schiffen der Hilfswerke zu überwinden. Wie viele Migranten es am Ende nach Italien schafften, hing vor allem von der Transportkapazität der Rettungsschiffe ab. Es war eine Art kostenloser Fährdienst nach Italien.

Fataler Teufelskreis

Weil die Schlepper nur noch für 20 Kilometer Wegstrecke aufkommen mussten, stieg die Gewinnmarge pro Migrant. Die Helfer arbeiteten den Schleusern also in die Hand. Und diese reagierten auf die Hilfsbereitschaft der Retter, indem sie immer schlechtere Boote mit immer mehr Menschen füllten. Die Folgen waren fatal: Mehr Migranten benützten die zentrale Mittelmeerroute nach Italien, und die Todesquote stieg, obwohl die zurückzulegende Distanz zu den Hilfsschiffen immer kürzer wurde.

Seit diesem Sommer arbeiten die Italiener ganz offiziell mit der libyschen Küstenwache zusammen, und sie bezahlen auch Schlepper gut dafür, dass sie keine Migranten mehr aufs Meer schicken. Damit ging das Gezeter bei den Hilfswerken los. Einige, unter ihnen die Médecins sans Frontières, stellten ihre Arbeit vor der libyschen Küste ein. Alle Hilfswerke waren sich einig, dass die Reduktion der Einsätze schreckliche Folgen haben werde. Amnesty International behauptete, dass das Geschäft der Schlepper von der Abschottung Europas lebe. Ohne Rettungseinsätze der Hilfswerke würden nicht weniger Menschen flüchten, aber viel mehr sterben.

Die Wirklichkeit straft solche Behauptungen Lügen. Im August und September vor einem Jahr erreichten laut Angaben der UNO noch mehr als 38'000 Migranten italienisches Territorium, und 260 kamen bei der Überfahrt um. Dieses Jahr waren es in den zwei gleichen Monaten nur noch knapp 7100 Ankömmlinge in Italien, ein Rückgang um mehr als 80 Prozent. Die Zahl der Toten sackte ab um 46 Prozent auf 140 Menschen. Die Unkenrufe der Hilfswerke erwiesen sich zumindest bis anhin als vollkommen falsch.

Erbärmlichste Bedingung in libyschen Gefängnissen

Im September hat die libysche Küstenwache mehr als 3500 Migranten gerettet und nach Libyen zurückgebracht. Dort pferchen lokale Milizen die Geretteten in improvisierte Gefängnisse, in denen viele Migranten während Monaten unter erbärmlichsten Bedingungen festgehalten werden – bei manchen dauert die Gefangenschaft sogar mehr als eineinhalb Jahre. Das ist schlimm, aber das Massensterben auf dem Meer ist noch schlimmer.

Statt über die Festung Europa zu jammern, sollten die Hilfswerke sich nun bemühen, abgefangene Migranten schnellstmöglich in ihre Herkunftsländer zurückzubringen. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) der UNO geht mit gutem Beispiel voran. Sie hat dieses Jahr schon mehr als 8000 in Libyen gestrandete Migranten in ihre Heimatländer zurückgeflogen – auf freiwilliger Basis. Die grosse Mehrheit der Rückkehrer erhält dabei Reintegrationshilfen. Diese Bemühungen sollten verstärkt werden, damit sich die libyschen Gefängnisse möglichst schnell leeren. Ein Video der IOM zeigt nigerianische Migranten im Flugzeug. Unmittelbar nach der Landung in Nigeria beginnen die Leute zu singen und zu tanzen, weil sie der libyschen Hölle entronnen sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2017, 23:53 Uhr

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