Hochgestapelt

Die Kleinstadt Todi in Italien gilt als nachhaltigste und lebenswerteste Stadt der Welt. Doch stimmt das? Eine Reise nach Umbrien.

«Die Stadt auf dem Hügel» ist ein amerikanisches Idealbild: Todi, wo 17'000 Menschen leben. Foto: Wikimedia

«Die Stadt auf dem Hügel» ist ein amerikanisches Idealbild: Todi, wo 17'000 Menschen leben. Foto: Wikimedia

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Es war im Jahr 1991, als ein amerikanischer Professor die italienische Kleinstadt Todi zum lebenswertesten Ort auf der Welt erklärte. Was genau er damals sagte, ist heute schwierig zu ermitteln, wenn man in Publikationen den Wortlaut sucht: Manchmal lautet das Prädikat «am lebenswertesten» («most livable»), manchmal «am nachhaltigsten» («most sustainable»). Und im Italienischen gibt es natürlich noch andere Varianten.

Tatsächlich ist Todi ganz wunderbar gelegen. In der Kunst- und Kulturgeschichte hatte der Ort schon lange als Muster italienischer Baukunst gegolten: eine kleine, mittelalterliche Stadt auf einem felsigen Bergrücken, an dessen höchstem Punkt der Turm eines gotischen Doms in das hügelige Bauernland grüsst, wo Oliven und Weine, Gemüse und Obst wachsen und weit und breit keine Fabrikhalle zu erblicken ist, abgesehen allein von den lang gestreckten Gebäuden der Ziegelei Toppetti. Die Temperaturen sind während der längsten Zeit des Jahres angenehm, die Luftfeuchtigkeit ist gering, und die Piazza der Innenstadt, innerhalb deren Mauern kaum mehr als dreitausend Menschen leben dürften, ist gerade gross genug, damit die Einheimischen einander in heroischer Umgebung grüssen können, aber nicht miteinander sprechen müssen.

Aber ist Todi wirklich ein Wunder an Nachhaltigkeit, die lebenswerte Stadt schlechthin? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich eine Reise nach Umbrien, ein Besuch bei den Menschen, die nun schon seit Längerem mit dieser etwas zweifelhaften Auszeichnung leben müssen.

Kleine Hochstapelei mit enormer Wirkung

Wenn der Stadtarchivar Filippo Orsini von seinem Institut zum Palazzo des Bischofs geht, wofür er die Piazza der Länge nach überqueren muss, kommt er keine zehn Meter weit, bevor er den nächsten Passanten zu begrüssen hat, mit einer distanzierten Herzlichkeit, die ungemein urban wirkt. Auf der einen Seite, sagt er, verstehe er ja, dass es in dieser Stadt ein ökonomisches Wachstum geben müsse, wozu man die Besucher brauche, und auch solche, die bleiben. Andererseits könne am besten alles bleiben, wie es ist. Der Frage nach der «Nachhaltigkeit» weicht er aus. Sie erscheint ihm als Parole.

Der amerikanische Professor, der die Parole ausgegeben hat, heisst übrigens Richard S. Levine und lehrt Architektur an der Universität von Kentucky in Lexington. Dort gibt es noch immer eine Forschungseinrichtung, die sich der «nachhaltigen Stadt» widmet und ihr Ideal in der Stadt des Mittelalters findet: der Stadt auf dem Hügel, wie sie vorzugsweise in der Toskana, in Umbrien, im Latium und in den Marken typisch ist.

Todi (südöstlich von Florenz und nördlich von Rom)

Irgendwann in den frühen Neunzigern hielt Levine, eingeladen von einer Gruppe von Politikern, Tourismusmanagern und Journalisten, einen Vortrag über eben diese «city upon a hill». Und ob er dabei nun den Namen «Todi» erwähnte oder nicht: Die Formel war in der Welt, und es half nicht mehr, dass er sich davon distanzierte. Die britische Journalistin Patricia Clough recherchierte den Fall für einen Reiseführer durch Umbrien und fand die Geschichte einer kleinen Hochstapelei, die schnell eine enorme Wucht entfaltete.

Grosse italienische Zeitungen, darunter der Mailänder «Corriere della Sera», griffen die Formel auf. Von dort aus verbreitete sie sich vor allem in den angelsächsischen Ländern und wurde immer weiter ausgeschmückt, zuletzt mit einer der Behauptung nach angeblich computergestützten grossen Recherche, in der Lebensverhältnisse auf der ganzen Welt miteinander verglichen worden seien.

«City upon a hill»: Glücksversprechen aus der Bergpredigt

Todi ist mit insgesamt knapp 17'000 Einwohnern eine kleine Stadt, im Vergleich zu Konkurrenten wie Perugia oder Viterbo. Sie liegt in einer Landschaft, die einem Garten weitaus ähnlicher ist als einem Anbaugebiet der industrialisierten Agrarwirtschaft. Die Arbeit vieler Generationen hat hier, wie es offenbar nur im Süden geschehen kann, eine Landschaft hervorgebracht, die vollkommener ist als die Natur, die sie verdrängte. Im Tal liegt die Genossenschaft der 260 Wein- und Olivenbauern der Kommune, «Tudernum» genannt, nach dem lateinischen Namen der Stadt. Die Genossenschaft produziert einen Sagrantino, der im «Gambero Rosso», dem massgeblichen italienischen Weinführer, mit drei roten Gläsern ausgezeichnet wird.

Und auf dem Berg liegt eine Stadt, die, wie alle mittelitalienischen Städte aus jener Zeit, als ästhetisches Gefüge und Monument einer Gemeinschaft angelegt wurde. Der Weg von Lexington nach Todi ist weit. Weiter aber noch ist der Abstand zwischen dem grossflächigen industrialisierten Anbau von Mais und Tabak, der die Landwirtschaft in Kentucky prägt, und den kleinen Weinbergen und Olivenhainen an den Hängen des Tiber. Man muss diesen Abstand im Sinn behalten, um den Enthusiasmus eines amerikanischen Architekten für eine italienische Kleinstadt zu verstehen.

Und man muss ein Ohr haben für die Geschichte des Begriffs «city upon a hill»: Er ist ein Glücksversprechen, das aus der Bergpredigt stammt und in den Vereinigten Staaten zur Verheissung für die gesamte Gesellschaft wurde. Die «Stadt auf dem Hügel» ist das Gemeinwesen, das Amerika, seinen puritanischen Predigern zufolge, hätte werden sollen, aber offenbar nicht wurde.

Begeistert über eine italienische Kleinstadt: Richard S. Levine, Architektur-Professor an der Universität von Kentucky in Lexington.

Als Professor Levines Vortrag, vor fünfzig Menschen gehalten, in die Umlaufbahnen der internationalen Publizistik geraten war, wurde er zum Anlass einer rasanten Entwicklung: Die örtlichen Immobilienmakler konnten sich vor Anfragen kaum retten, die Preise für Häuser und Grundstücke verdoppelten, ja verdreifachten sich. Ein altes Bauernhaus in halbwegs bewohnbarem Zustand und mit ein wenig Land kostete bald sehr viel Geld. Solche Objekte waren es, für die sich die künftigen Siedler der Stadt auf dem Hügel am meisten interessierten: nicht die kleinen Palazzi oder Wohnungen in der Altstadt, sondern das ländliche Anwesen, die gelebte Idee der Nachhaltigkeit und der Wiedervereinigung von Mensch und Natur, um den Preis eines Rückschritts in Technik und Zivilisation.

Und weil das Landleben auch nichts anderes ist als eine Spiegelung der gesellschaftlichen Produktion, wurde der Süden Umbriens scheinbar um so ländlicher, je mehr anderswo die Urbanisierung oder die kapitalisierte Landwirtschaft oder die Finanzspekulation ihre Fortschritte machten. Nur dass in den «case coloniche» nun Ausländer wohnten, für ein paar Wochen im Jahr, während sich ein paar alt gewordene Bauern, für relativ viel Geld, um die Olivenbäume kümmerten.

Die internationale Bohème zieht es nach Umbrien

Schon Jahrzehnte zuvor waren weite Teile der Toskana von Ausländern besiedelt worden. So entdeckten vor allem Deutsche die verlassenen Bauernhöfe im Tal des Arno. Hundert Kilometer weiter südlich, im Grenzgebiet zwischen Umbrien und dem Latium, waren die Siedler Amerikaner, Briten, Australier, Kanadier, also überwiegend englischsprachige Liebhaber Italiens. Und so wie den Deutschen Willy Fleckhaus, ein damals berühmter Art Director, zum Pionier wurde, so gingen auch der versammelten Anglophonie ein paar Künstler voraus: vor allem die New Yorker Bildhauerin Beverly Pepper. Sie zog in den frühen Siebzigern nach Todi, zusammen mit ihrem Mann, dem Journalisten Curtis Bill Pepper, der das Büro des Magazins «Newsweek» in Rom geleitet hatte, bevor er sich als Autor biografischer Sachbücher selbständig machte.

Ihnen folgte ein beträchtlicher Teil der intellektuellen und künstlerischen Prominenz der amerikanischen Ostküste: ein ehemaliger Präsident der Universität Yale, der Schauspieler Ben Gazzara, die Essayistin Jane Kramer. Steven Ross, einst Präsident des Medienkonzerns Time Warner, kaufte ein ganzes Dorf mitsamt zwei Kirchen. So viele berühmte Amerikaner müssen sich schliesslich auf den Hügeln um Todi versammelt haben, dass sie ihre Gegend, womöglich nur halb ironisch, «Beverly's Hills» tauften.

An einem bewaldeten Hang unterhalb der Stadt, auf halber Höhe, steht ein mächtiges, weisses Gebäude: die Pilgerkirche «Santa Maria della Consolazione», ein Zentralbau aus dem 16. Jahrhundert, der oft Donato Bramante zugeschrieben wird, tatsächlich aber von einer ganzen Reihe weniger bekannter Baumeister stammt. Oben, auf dem Bergrücken und mitten im «centro storico», steht das Teatro Comunale, ein klassizistischer Bau, der, zur Feier der Einheit Italiens, im Jahr 1876 mit Giuseppe Verdis «Maskenball» eröffnet wurde. Fast 500 Zuschauerplätze besitzt dieses Theater, in vier Rängen umschliessen die Logen den Saal, der Plüsch ist rot und der Kronleuchter gewaltig. Auch das Schauspielhaus scheint viel zu gross für diese Stadt zu sein. Die symbolische Überforderung hat an diesem Ort offenbar eine Geschichte, bis hin zu «the most sustainable city on earth».

Die Bewegung der Verlangsamung und Regionalisierung

Die Formel von der nachhaltigsten Stadt der Welt wäre nicht so erfolgreich geworden, wäre ihr nicht eine Bewegung vorausgegangen, die vor allem in Nord- und Mittelitalien die ökonomischen Bedingungen kleinerer Städte veränderte: Eine Idee von Verlangsamung und Regionalisierung, von Rückkehr zu vorindustrieller Landwirtschaft und hausgemachten Produkten, die den Fortschritten der Produktionstechnik und Finanzwirtschaft nicht widersprach, sondern sie ergänzen und korrigieren sollte.

Im Jahr 1986 gründete der entlaufene Revolutionär Carlo Petrini im Piemont die Bewegung «Slow Food». Und in jener Zeit hatte das Konzept von Ferien auf dem Bauernhof in Italien eine solche Festigkeit gewonnen, dass die italienische Regierung den «agriturismo» per Gesetz regelte. 1999 entstand die Organisation der «cittàslow», der «langsamen Stadt», der Todi selbstverständlich von Beginn an angehörte.

Das ist nicht ohne Ironie: Denn die Menschen, die an Todi die angebliche Nachhaltigkeit dieser Stadt schätzen, sind meist auf gar nicht nachhaltige Weise dort hingekommen, mit dem Flugzeug aus New York zum Beispiel, um von ihrem Alltag gar nicht erst anzufangen. Diesen Widerspruch nehmen die Kolonisatoren nicht wahr: Er verschwindet im kollektiven Affekt gegen eine schlechte Welt, der man, bei passender Gelegenheit, das Echte und Wahre in Gestalt von Handwerk, Aufmerksamkeit und Langsamkeit entgegensetzen müsse.

Ein Wahrzeichzen von Todi: Die Kirche «Santa Maria della Consolazione». Foto: Wikimedia

Drei Institutionen, sagt der Stadtarchivar Filippo Orsini, hätten Todi nicht nur die Jahrhunderte begleitet, sondern die Stadt auch hinweggetragen über die Wechselfälle der feudalen Herrschaften und sogar über den Umzug des Bischofs nach Orvieto im Jahr 1986: das Archiv, die Bibliothek und die «Schule». Mit der «Schule» meint er die landwirtschaftliche Oberschule, die älteste in Italien, die in einem ehemaligen Konvent der Klarissinnen untergebracht ist.

Die Bibliothek ist eine gut geführte Gemeindebücherei. Das Archiv ist eine gewaltige, hauptsächlich in den Tiefen des Konvents verwahrte Anlage, in der die Geschichte der Stadt in ihren Dokumenten bis zurück ins 12. Jahrhundert verwahrt ist. Der Stolz des Archivars ist ein Kompendium von Stadtgesetzen aus dem frühen 14. Jahrhundert, in dem sich die Tracht der Dirnen ebenso vorgeschrieben findet wie die Regeln für den Zweikampf. Und weil der Archivar ein Melancholiker ist, merkt man ihm an, dass er auch die Idee von der «Nachhaltigkeit» schon in seinen Beständen verschwinden sieht, mitsamt allen Umbrüchen, Aufbrüchen und anderen Innovationen, die sich in den vergangenen Jahren in die Mauern drängten.

In Reiseführern immer noch «nachhaltigste Stadt» der Welt

Ach, sagen die Menschen in Todi, wenn man sie auf Parole von «the most sustainable city» anspricht, das sei doch lange her. Das ist richtig, in gewisser Hinsicht: Vom Glanz des Ausserordentlichen, den Todi vor zwanzig Jahren besessen haben muss, ist nicht viel geblieben. Obwohl die Stadt noch genauso aussieht wie zu jener Zeit (oder wie vor hundert oder fünfhundert Jahren). Das liegt zum einen daran, dass die Siedler, die in den Neunzigern nach Todi kamen, alt geworden sind und ihre Erben mit diesem Besitz wenig anfangen können. Das liegt zum anderen an den Folgen der so genannten Finanzkrise, die in Italien nach wie vor nicht überwunden sind und die Preise für Immobilien, vor allem auf dem Land, haben fallen lassen. Ihre Verdopplung nach 1990 ist vielerorts, die Inflation abgezogen, wieder zurückgenommen worden, ohne dass sich deswegen mehr Menschen hier niederliessen.

Ein paar Jahre nachdem im Tal unterhalb von Todi ein Supermarkt eröffnet hatte, verschwanden der Bäcker und der Schlachter. Nur ein Lebensmittelhändler ist noch übrig, zur Hälfte Krämerladen, zur anderen Hälfte Souvenirgeschäft, mit den Spezialitäten Wein, Olivenöl und Wildschweinsalami. Aber man schaue nur in die Reiseführer, gleichgültig, ob sie von Dumont oder Baedeker kommen: Nach wie vor «gilt» Todi als die «nachhaltigste Stadt» der Welt. Eine Ausnahme macht der einst unter Rucksacktouristen beliebte Führer «Lonely Planet»: Erst vor ein paar Jahren hat er auf der Piazza von Todi eine der besten Gelaterien der Welt gefunden.

Erstellt: 02.01.2019, 22:46 Uhr

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