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Holland wird zum Zentrum für Kinderpornos

Zwei von drei europäischen Webseiten mit Kinderpornografhie liegen auf Servern in den Niederlanden. Das Land bietet beste technische Voraussetzungen.

Ein Kind vor einem Transparent an einer Demonstration gegen Kinderpornografie. Foto: Martial Trezzini (Keystone)
Ein Kind vor einem Transparent an einer Demonstration gegen Kinderpornografie. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Es ist ein bemerkenswerter und beunruhigender Trend: Der Schwerpunkt der Kinderpornografie hat sich von Amerika nach Europa verlagert. Laut der britischen Organisation Internet Watch Foundation (IWF) liegen – wenn man Russland und die Türkei mitzählt – 60 Prozent der Internetadressen mit kinderpornografischem Inhalt auf europäischen Servern. 2015 hatten noch 57 Prozent der weltweiten Kinderporno-Webseiten auf Servern in Nordamerika gelegen.

Innerhalb eines Jahres hat Europa demnach um 19 Prozentpunkte im Vergleich zu 2015 zugelegt. Und in Europa wiederum fällt ein Land besonders auf: die Niederlande. Dort befinden sich nun 37 Prozent der weltweit 20’972 Kinderporno-Webseiten, gefolgt von den Vereinigten Staaten mit 22 Prozent und Kanada mit 17 Prozent. Frankreich liegt demnach mit 11 Prozent an vierter Stelle, Russland zählt 7 Prozent der Webseiten.

Holland hat die beste Web-Infrastruktur in Europa

Mehr als jede dritte Kinderporno-Webseite in den Niederlanden? Sind dort über Nacht die Sitten verroht und alle Schranken gefallen? Nein. Nach allem, was zu hören ist, gibt es weder besonders viele Produzenten noch Kunden kinderpornografischen Materials in dem Land. Ihr Anteil hat auch nicht gross zugenommen. «Es ist nicht schlimmer als anderswo in Europa», sagt Theo Noten von der Kinderschutzorganisation Defence for Children. Zugenommen hat allein die Zahl der Server mit den einschlägigen Inhalten in dem Land. Warum? Die einfache Antwort: Kinderpornografie ist ein komplett globalisiertes Geschäft. Das Material wird weltweit produziert und über das Internet verbreitet. Die Anbieter suchen stets den Ort mit den besten Bedingungen, und die bieten derzeit offenbar die Niederlande.

Das gilt in erster Linie für die Technik. Die Niederlande weisen mit die beste digitale Infrastruktur in Europa auf. Gemeint ist das Ensemble aus (grossen und entsprechend günstigen) Datenspeichern, Hosts, Internetservice-Providern und der schieren Geschwindigkeit der Datenautobahnen. Der in Amsterdam liegende Internet-Knotenpunkt Ams-Ix ist einer der schnellsten der Welt; das bietet Vorteile beim Hochladen oder bei der Suche nach Umwegen, sollte eine Seite blockiert worden sein.

«Wenn die Anbieter eines hassen, dann langsame Netze»

Arda Gerkens, Expertisebureau Online Kindermisbruik

«Es geht um Bilder und Videos, da ist Schnelligkeit entscheidend», sagt Arda Gerkens von der niederländischen Organisation Expertisebureau Online Kindermisbruik. «Wenn die Anbieter eines hassen, dann langsame Netze.» Viele Inhalte liegen nur sehr kurz, vielleicht einen halben Tag, auf den Servern (meist bei Filehostern und fast nie in sozialen Netzwerken), bevor sie umparkiert werden. Immer öfter sind sie laut IWF hinter legalen Angeboten versteckt; die Kunden müssen sich durch eine Reihe von Links klicken, bis sie das Gewünschte finden. Vieles spielt sich im Darknet oder in anderen schwer zugänglichen Teilen des Internets ab. Ausserdem setzt sich die niederländische Hosting-Industrie aus sehr vielen kleinen Anbietern zusammen. Sie bieten anonyme Dienste an, wissen also, anders als etwa 1 & 1 in Deutschland, nichts über ihre Kunden.

Als IWF kürzlich die neuen Zahlen vorstellte, wurde allerdings zumindest indirekt auch Kritik geübt an den Kontinentaleuropäern. Es könne sein, so IWF-Chefin Susy Hargreaves, dass die Verschiebung Richtung Europa damit zusammenhänge, dass die Internetanbieter in den USA inzwischen stärker kontrollierten und Kriminelle dadurch zwängen, sich anderswo anzusiedeln, wo es leichter sei, Inhalt hochzuladen und zu teilen. Ähnlich äusserte sich der Vertreter der amerikanischen Kinderschutzorganisation NCMEC, der auf schärfere Gesetze in den USA verwies. Vor allem Giganten wie Google und Microsoft halten sich inzwischen sehr genau an die Vorgaben der Politik.

«Wir konzentrieren uns auf die Opfer»

Arda Gerkens weist den impliziten Vorwurf, die Europäer seien zu lasch, zurück. Die Rechtslage sei überall mehr oder weniger ähnlich. Vermutlich sei die Zahl der gemeldeten Fälle in den Niederlanden auch deshalb gestiegen, weil die Öffentlichkeit sensibler geworden sei. Das bestätigt Peter Reijnders, Chef der niederländischen Polizei-Sondereinheit gegen Kinderpornografie und Kindersextourismus. Sie wurde vor fünf Jahren gegründet, nach einem Missbrauchsfall um einen Kindergartenbetreuer im Jahre 2010, und umfasst 150 Beamte, verteilt über die Niederlande. «Das sind relativ viele angesichts der Grösse des Landes, und wir machen das ehrlich gesagt ganz gut», sagt er. «Wir konzentrieren uns auf die Produzenten und vor allem auch auf die Opfer. Das heisst, wir versuchen, sie zu finden und aus dem System herauszunehmen. Weil sie meist im Ausland leben, brauchen wir internationale Hilfe.»

Die Zusammenarbeit mit Organisationen wie Europol oder Interpol laufe hervorragend, zudem habe man Verbindungsleute auf den Philippinen und in Bangkok. Die sollen melden, wenn sich etwa niederländische «Urlauber» in ihrem Gebiet verdächtig machen.

Für den Ruf des Landes sei die jüngste Entwicklung ein Problem, räumt Michiel Steltman von der Stiftung Digitale Infrastruktur Niederlande ein. Die Politik sei bereit, mehr Geld auszugeben. Und seine Stiftung versuche mit mehreren Initiativen, das Bewusstsein zu schärfen und die Kooperation zu verbessern. Leider zögen kleine Hoster oft nicht mit. «Sie sagen, sie hätten damit nichts zu tun, man solle sich an die Kunden wenden.»

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