Hooligan-Aktion sorgt für Entsetzen

Eine Fotomontage von Anne Frank sollte als ultimative Beleidigung des Erzrivalen gelten – und schockiert ganz Italien.

Die Fotomontage von Anne Frank im Trikot der AS Roma. (Fotos: PD)

Die Fotomontage von Anne Frank im Trikot der AS Roma. (Fotos: PD)

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Rassistische Pöbeleien, antisemitische Beleidigungen, hundertfach ausgestossene Affenlaute, wenn ein schwarzer Spieler am Ball ist – all dies gehört seit langem zum italienischen Fussball, und nicht nur zum italienischen. Aber was sich die sogenannten Ultrà des Fussballclubs Lazio Rom am vergangenen Wochenende geleistet haben, ist selbst für Hooligan-Verhältnisse so widerlich, dass gegenwärtig eine Schockwelle der Empörung durch die italienische Öffentlichkeit geht.

Im «engsten Ort der Welt», schreibt der Kommentator Massimo Gramellini in der Zeitung «Corriere della sera», nämlich im Gehirn eines Lazio-Hooligans, legen Anne Frank und ihr Tagebuch offensichtlich nicht Zeugnis ab für den nationalsozialistischen Massenmord an Wehrlosen und Unschuldigen. Nein, das jüdische Mädchen diene Lazio-Faschisten dazu, die verhassten Anhänger des anderen Römer Stadtclubs, der AS Roma, zu beleidigen.

Die beiden Römer Fussballclubs teilen sich das Stadio Olimpico. Auf der Nordkurve sind die Ultrà von Lazio untergebracht, auf der Südkurve jene der AS Roma. Weil sich die Lazio-Hooligans schon vor den skandalösen Ereignissen um Anne Frank daneben benommen hatten, wurden sie am Sonntag auf Beschluss des italienischen Fussballverbandes aus ihrem Territorium vertrieben: Die Nordkurve blieb geschlossen. Darauf bot ihnen der Präsident von Lazio an, das Spiel gegen Cagliari von der Südkurve aus zu verfolgen.

Die «irriducibili», die Unverbesserlichen, machten ihrem Namen alle Ehre und sprayten überall Beschimpfungen und Beleidigungen gegen jene Fans hin, die üblicherweise auf den südwärts gelegenen Rängen stehen. Und sie hinterliessen eine Fotomontage, die Anne Frank im Trikot der AS Roma zeigt: Aus der Sicht der neofaschistisch unterwanderten Lazio-Hooligans die ultimative Schmähung des Stadtrivalen und seiner Fans.

«Schande. Das ist absurd»

Zwei Tage danach herrschen in Italien Entsetzen und Empörung. Ausgerechnet derjenige, der die Südkurve den antisemitischen Hetzern geöffnet hatte, sah sich deshalb zu einer symbolischen Geste der Wiedergutmachung veranlasst: Lazios Präsident Claudio Lotito erschien heute Mittag vor der römischen Synagoge, begleitet von hochrangigen Clubfunktionären und zwei Spielern. Er bedauerte, verurteilte, legte Blumen nieder. Der Club versprach, jährlich 200 Ultras nach Auschwitz zur Gedenkstätte des Konzentrationslagers zu schicken, in der Hoffnung, sie würden begreifen, dass man mit dem schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit kein Schindluder treibt.

Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella sagte, es sei alarmierend, in welchem Ausmass das Land von der dumpfen Grausamkeit des Antisemitismus kontaminiert sei. Der italienische Präsident des EU-Parlaments, Antonio Tajani, sprach in Strassburg von einem «gravierenden Vorfall». Der Bischof von Frosinone, Ambrogio Spreafico, sicherte der jüdischen Gemeinschaft Solidarität zu und sagte: «Schande. Das ist absurd. Das ist paradox.»

Ein Vertreter der Umwelt- und Konsumentenschutzorganisation Codacons forderte, die Nordkurve gleich für drei Jahre zu sperren. Die Lazio-Ultrà hätten «Rom und Italien vor den Augen der Welt mit Schande bedeckt». Sie seien eine organisierte Verbrecherbande mit dem Ziel, Rassenhass zu verbreiten. Italiens Innenminister Marco Minniti beteuerte, man werde alles daran setzen, um die Schuldigen zu identifizieren, vor Gericht zu stellen und lebenslänglich aus Fussballstadien zu verbannen.

Spielen mit dem Davidstern auf dem Trikot

Schnell kam auch die Idee auf, die Beleidigung der Hooligans in ihr Gegenteil zu verkehren. «Wir alle sind Anne Frank», titelte die Zeitung «La Repubblica» auf ihrer Homepage. Der italienische Ex-Premier Matteo Renzi schrieb auf Twitter: «Wäre ich Präsident eines Fussballclubs, würde ich die Spieler morgen mit dem Davidstern statt dem Emblem des Sponsors spielen lassen».

Der Pressesprecher von Lazio Rom beteuerte, es sei tatsächlich denkbar, dass die Spieler seines Clubs demnächst mit einem Bild von Anne Frank auf dem Trikot einlaufen würden. «Ich weiss nicht, ob das technisch möglich ist, und man müsste wohl eine Bewilligung einholen. Aber es ist absolut notwendig, unsere Verurteilung zu zeigen.» Und der Kommentator Gramellini schreibt: «Wäre ich ein Fan der AS Roma, würde ich mir die Anne-Frank-Fotomontage an die Brust heften und mich bei jenen kläglichen Figuren dafür bedanken, dass sie mich einer so grossen Ehre für würdig halten.»

Der Italienische Fussball-Verband (FIGC) teilte am Dienstag mit, dass es in allen Fussball-Ligen Italiens bei den nächsten Spielen eine Schweigeminute geben wird mit der Lesung einer Passage aus dem Tagebuch von Anne Frank.

Das Entsetzen in der italienischen Öffentlichkeit ist authentisch und die symbolischen Bekundungen des Abscheus sind lobenswert. Aber sie reichen nicht in einem Land, das seine faschistische Vergangenheit viel zu wenig gründlich aufgearbeitet hat und in dem Mussolini-Devotionalien an Kiosks und in Souvenirshops verkauft werden, als handle es sich um Porzellantellerchen mit dem schiefen Turm von Pisa oder um bronzene Miniatürchen des Colosseums. «Ein Teil unserer Gesellschaft ist empfänglich für Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit», schreibt «La Repubblica». Genau darin liegt das Problem. Nicht nur in Italien.

Erstellt: 24.10.2017, 18:50 Uhr

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