Horst Seehofer hat den Anstand verloren

Daran gibt es keinen Zweifel mehr. Der Innenminister täte sich und Deutschland einen grossen Gefallen, wenn er ginge.

69 zum 69. – Seehofer-Zitat zur Abschiebung. (Reuters)

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Ein Mensch ist tot. Er hat sich, nach allem, was man weiss, selbst das Leben genommen. Der Grund ist nicht bekannt, aber man darf ihn vermuten, denn der Mann gehörte zu jenen 69 Flüchtlingen, die vergangene Woche nach Kabul abgeschoben wurden.

Ein Minister hat Geburtstag. Er wird 69 Jahre alt, wenig später freut er sich, dass just an diesem Tag 69 Flüchtlinge nach Afghanistan abgeschoben wurden. Der Minister grinst in die Kameras, als er von dieser Geburtstagsüberraschung erzählt.

Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Scherzen Horst Seehofers und dem Suizid in einem Übergangswohnheim in Kabul. Als der Minister von seinem Geburtstag erzählte, wusste er nichts vom Tod des Abgeschobenen. Aber das Zusammentreffen dieser beiden Ereignisse lehrt doch sehr viel über den 69-jährigen Mann aus dem Kabinett von Angela Merkel und über die Stimmung im Land.

Horst Seehofer hat den Anstand verloren. Daran gibt es keinen Zweifel mehr, und man kann allenfalls überlegen, wann genau er ihn verloren hat. Ob das war, als er die Bundeskanzlerin wie ein Schulmädchen auf der Bühne des CSU-Parteitags abkanzelte. Oder als er Merkel jüngst wissen liess, dass sie ja nur Kanzlerin von seinen Gnaden sei. Jedenfalls hat Seehofer seinen Anstand wohl schon längst verloren, sonst hätte er sich nicht über sein Geburtstagspräsent freuen können: 69 Jahre, 69 Flüchtlinge.

Seehofers Verhalten ist beschämend

Es ist zweifelhaft, ob die Abschiebung der 69 Menschen gerechtfertigt war, weil neben Straftätern, zu denen der Tote gehörte, auch psychisch Kranke unter ihnen gewesen sein sollen und sehr gut Integrierte, und weil Afghanistan ein Kriegsland ist. Aber selbst wenn alles nach den Massstäben Seehofers und der CSU in Ordnung war: Eine solche Zwangsheimkehr in die Unsicherheit ist für die Betroffenen ein grosses Unglück. Man weiss von Afghanen, wie verzweifelt sie sind, wenn sie nach Jahren der Sicherheit wieder in Kabul stehen. Ob dieses Unglücks freudig zu grinsen, widerspricht christlichen Werten. Das sei angemerkt, weil Seehofer auch der Vorsitzende einer Partei ist, die sich christlich nennt.

Sein Zynismus erzählt aber auch von der Stimmung im Land. Sie ist aufgewühlt, sie ist voller Angst vor den Zuwanderern, sie ist voller Hass auf Andersdenkende. Die Basis dafür hat die AfD mit ihrer Politik der Herabwürdigung geschaffen. Aber es sind Leute wie Seehofer, die einmal in der Mitte der Gesellschaft standen, die diesem teils menschenverachtenden Diskurs heute vermeintlich den Segen geben. Der Hass schleicht sich immer weiter in die Gesellschaft. Wenn sie ganz oben in der CSU von «Asyltourismus» reden und so die oft todbringende Flucht mit einer Urlaubsreise vergleichen, dann glaubt mancher Bürger, dass diese «Touristen» nicht noch Mitgefühl brauchen.

Nur angesichts dieser verbalen Verrohung ist annähernd zu verstehen, dass Seehofer glaubt, nach all seinen Ausfällen und Peinlichkeiten weiter Politik machen zu können. Zumindest die christlich geprägten und sozial engagierten Mitglieder der CSU sollten sich überlegen, ob sie weiter einen Mann ohne Anstand an der Spitze tolerieren. An Angela Merkel ist es zu entscheiden, ob sie noch länger einen Minister hinnehmen will, der nicht nur sie und ihre Regierung, sondern auch ganz Deutschland beschämt. Und Seehofer? Er täte sich und Deutschland einen grossen Gefallen, wenn er ginge. Von sich aus.

(Dieser Kommentar erschien zuerst am 11. Juli in der Süddeutschen Zeitung) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 21:24 Uhr

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