«Hunderte freiwillige Helfer haben den Brexit möglich gemacht»

Die Prominenz, das Establishment, die Finanzindustrie – sie alle waren in Grossbritannien gegen den Brexit. Auf der anderen Seite standen Hunderte freiwillige Helfer. Auch Eric Phillips.

Geniesst sein erstes freies Wochenende seit Januar: Eric Phillips, Kampagnenleiter von Vote Leave im Londoner Stadtteil Southwark. (Bild: Luca De Carli)

Geniesst sein erstes freies Wochenende seit Januar: Eric Phillips, Kampagnenleiter von Vote Leave im Londoner Stadtteil Southwark. (Bild: Luca De Carli)

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Samstagmorgen, gut 24 Stunden nachdem das Ja zum Brexit Gewissheit geworden ist. 24 Stunden, in denen an den Börsen Milliarden vernichtet, in denen Grossbritannien aus Brüssel und vielen europäischen Hauptstädten schnelle und harte Austrittsverhandlungen angekündigt und von den Verantwortlichen in Schottland und Nordirland mit dem Austritt aus dem Vereinigten Köngreich gedroht wurde.

Eric Phillipps scheint von der ganzen Aufregung völlig unberührt. Total entspannt erscheint er zum Interviewtermin mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Southwark. Der Anwalt hat als freiwilliger Helfer die Brexit-Kampagne in diesem Stadtteil von London geleitet. Seit die Vote-Leave-Kampagne hier im Januar gestartet wurde, habe er kein freies Wochenende mehr gehabt, sagt Phillips. Genauso wie Hunderte anderer Freiwilliger, die sich für den Austritt Grossbritanniens aus der EU eingesetzt haben.

Wo und wie haben Sie den Moment erlebt, als klar wurde, dass Grossbritannien die EU verlassen wird?
Total übermüdet in einem Pub in der Londoner City. Die Nacht vor der Abstimmung und am Abstimmungstag selber waren wir nochmals in Southwark unterwegs und haben Flyer verteilt, um unsere Anhänger daran zu erinnern, für den Brexit abstimmen zu gehen. Ich war schon damals ziemlich sicher, dass wir gewinnen würden. Als wir am Morgen an die Haustüren klopften, hatten viele unserer Anhänger bereits abgestimmt und viele, die vor einigen Wochen noch unschlüssig waren, gaben nun an, für den Brexit gestimmt zu haben. Wir wussten, dass der Stadteil Southwark wie der Rest von London den EU-Austritt klar ablehnen würde. Unser Job war es, unsere Anhänger in genügend grosser Zahl an die Urne zu bringen, so dass es am Ende auf nationaler Ebene für ein Ja zum Brexit reicht. Das haben wir geschafft.

Die meisten Meinungsforscher und Buchmacher erwarteten das Gegenteil?
Ja, aber ich habe den gewaltigen Einsatz unserer freiwilligen Helfer miterlebt. Das macht mich unglaublich stolz. Hunderte haben ihre Freizeit für den Brexit geopfert oder haben Geld für die Kampagne gespendet, darunter viele Leute, mit tiefen Einkommen.

Und 24 Stunden später? Nach den heftigen Rekationen in Europa, den gewaltigen Verlusten an den Börsen. Sind Sie immer noch stolz?
Natürlich. Die Stimmen aus Europa tönen heute Morgen doch bereits wieder versöhnlicher als gestern. Gute Beziehung zu Grossbritannien sind auch in Zukunft im Interesse der EU. Brüssel wird sich an die neue Realität anpassen.

Viele Brexit-Befürworter scheinen inzwischen aber kalte Füsse bekommen zu haben. Man erhält den Eindruck, dass viele zwar aus Protest gegen die EU gestimmt haben, aber dennoch nicht mit einem Ja zum Brexit gerechnet haben.
Da bin ich anderer Meinung. Die Briten wussten am Abstimmungstag ganz genau, dass es eine knappe Entscheidung wird. Fast alle Meinungsumfragen waren zum gleichen Schluss gekommen. Das Ja zum Brexit ist nicht einfach ein Protest, sondern ein bewusster Entscheid gegen die EU.

Es ging in der Brexit-Kampagne zum Schluss kaum noch um die EU selber, sondern vor allem um das Thema die Zuwanderung. Gab Fremdenfeindlichkeit den Ausschlag?
Wir wurden von unseren Gegnern oft als Rassisten bezeichnet. Auch direkt während unserer Einsätze auf der Strasse. Allerdings haben viele unserer Freiwilligen ausländische Wurzeln oder eine andere Hautfarbe. Ich hatte ein bezeichnendes Erlebnis: Ich klopfte bei einer Aktion an eine Haustür . Der Mann, der öffnete, beschimpfte uns als Rassisten. Neben mir stand ein Freiwilliger mit dunkler Hautfarbe. Wir ist hier der Rassist?

Es wurden aber während der Kampagne für den Brexit teilweise ziemlich üble Statements abgegeben.
Dieser Teil der Kampagne, der vor allem von Ukip geführt wurde, war falsch. Ich selber bin nicht gegen Zuwanderung, sehe jedoch nicht ein, weshalb wir Migranten aus der EU anders behandeln sollten als jene aus der übrigen Welt. Es sollte bei der Migration nicht auf den Pass, sondern auf die Qualifikation ankommen. Grossbritannien und vor allem London ist auf die Zuwanderung von gut ausgebildeten Menschen angewiesen.

In Schottland, in Nordirland, in London – jenen Teilen Grossbritanniens, die gegen den Brexit waren – wird jetzt über eine Abspaltung diskutiert. Sind am Ende ausgerechnet die patriotischen Brexit-Befürworter Schuld am Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs?
Nein, mit dem Austritt stehen die Chancen meiner Meinung nach langfristig besser, dass Grossbritannien zusammen bleibt. Aber wenn Schottland nochmals über die Unabhängigkeit abstimmen will, dann soll es das tun können. Ich bin ein Verfechter des demokratischen Wegs. Sie werden ein zweite Mal Nein sagen. Schottland will den Euro nicht und steht wegen des tiefen Ölpreises nicht mehr so gut da wie bei der letzten Abstimmung.

Und was ist mit der Spaltung innerhalb der britischen Gesellschaft. Für den Brexit waren vor allem die ärmeren Schichten, die Globalisierungsverlierer. Wie lässt sich dieser Graben überwinden?
Das ist ein zu einseitiges Bild. Ich zum Beispiel bin ein Gewinner der Globalisierung. Ich arbeite als Anwalt in der Londoner Finanzindustrie, habe in Italien gelebt, spreche neben Englisch auch Italienisch und Französisch. Aber natürlich gibt es gewaltige Unterschiede in der britischen Gesellschaft. Und es es waren 48 Prozent, die gegen den Austritt aus der EU gestimmt haben. Die können nicht einfach ignoriert werden. Die grosse Herausforderung der neuen Regierung wird deshalb sein, möglichst alle Seiten in die Entscheide über den künftigen Weg unseres Landes miteinzubeziehen. Nur so können wir die Gräben in der Gesellschaft wieder schliessen.

Erstellt: 25.06.2016, 14:37 Uhr

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