«Ich fürchte mich vor dem Ökofaschismus»

Kapitänin Carola Rackete wurde als Retterin von Flüchtlingen in Seenot weltberühmt. Die Deutsche fordert, die Grenzen für alle Migranten zu öffnen.

Carola Rackete: «Die nördlichen Industrieländer haben eine viel grössere Pflicht zur Solidarität.» Foto: Felix Brüggemann

Carola Rackete: «Die nördlichen Industrieländer haben eine viel grössere Pflicht zur Solidarität.» Foto: Felix Brüggemann

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Sie haben als Kapitänin 40 Flüchtlinge nach Lampedusa gebracht und sind berühmt geworden. Geniessen Sie das?
Ich habe mir diese Position nicht ausgesucht. Weder meine Organisation, die Sea-Watch, noch ich haben damit gerechnet, weil noch nie in der Seenotrettung ein einzelner Kapitän so viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Eigentlich sollte sie sich ja auf die Geretteten richten, nicht auf mich, die ich weiss und privilegiert bin.

Werden Sie auf der Strasse erkannt und um Selfies gebeten?
In Deutschland werde ich im Moment häufig erkannt, ja. Überrascht hat mich, dass die Reaktion der meisten Leute sehr positiv ist. Obwohl es viele gibt, die Seenotrettung ablehnen, bin ich noch nie auf der Strasse beschimpft oder kritisiert worden.

Greta Thunberg wird in sozialen Netzwerken aufs Übelste beschimpft.
In den sozialen Medien sind die Attacken auch auf mich sehr heftig. Es werden viele Unwahrheiten über mich verbreitet, es wird beleidigt und gedroht.

Wie gehen Sie damit um?
Ich ignoriere es grösstenteils. Theoretisch könnte ich gegen jemanden, der mich als kriminelle Schlepperin bezeichnet, klagen, weil die italienische Haftrichterin festgehalten hat, dass ich und meine Crew das Seerecht befolgt haben. Aber dazu fehlen mir die Zeit und die finanziellen Möglichkeiten.

Es heisst, Sie hätten keinen festen Wohnsitz, und all Ihr Besitz würde in Ihren Rucksack passen.
Na ja, ich bin am Wohnort meiner ­Eltern angemeldet und bezahle dort auch Steuern. Aber ich bin entweder auf dem Meer unterwegs oder betreue im Ausland ökologische Projekte. Deshalb lohnt es sich für mich schlicht nicht, in Deutschland eine Wohnung zu mieten. Ausserdem wird es mir schnell lang­weilig. Ich brauche Abwechslung.

Ein bürgerliches Leben mit Mann, Kind, Hund und festem Job werden Sie nie führen?
Das war noch nie mein Ziel. Ich kann mir vorstellen, mal einen festen Wohnsitz zu haben, aber nicht unbedingt in Deutschland. Patagonien oder Kasach­stan gefallen mir besser.

Sie geben Journalisten nur Interviews, wenn diese nicht mit dem Flugzeug anreisen. Das ist bevormundend.
Es geht mir ums Prinzip. Natürlich kann eine Einzelperson mit ihrem individuellen Verhalten die Klimakrise nicht lösen. Aber ich hoffe, einen Denkprozess anzustossen. Wenn die Leute dieses Interview lesen, nehmen sie vielleicht bei ihrer nächsten Reise nach Berlin den Zug. Es sollte in Europa überhaupt wieder viel mehr Nachtzüge geben.

Brechen Sie den Kontakt zu Freunden ab, wenn sich diese um die Klimakrise foutieren?
Grundsätzlich nicht. Aber in meinem Freundeskreis gibt es viele Wissenschaftler. Denen ist das Problem klar. Ich habe auch Freunde, die Fleisch essen oder in die Ferien fliegen. Bloss, wenn ich mit jemandem, der eine andere Meinung vertritt, einfach nicht mehr rede, werde ich die Person nie dazu bringen, ihre Meinung zu ändern.

Sie plädieren in Ihrem Buch dafür, alle Migranten aufzunehmen. Sind wir dazu wirklich verpflichtet?
Moralisch ja. Wir haben Afrika kolonisiert und ausgebeutet. Und wir sind bis heute die Nutzniesser der herrschenden globalen Ungerechtigkeit. Unsere Konsumgüter werden teilweise im Süden von Menschen produziert, die keine Sozialversicherungen haben und für erbärmliche Hungerlöhne arbeiten. Dafür exportieren wir dann noch unseren Müll dahin. Bei der Klimakrise ist es dasselbe. Wir im Norden haben seit Beginn der Industrialisierung viel mehr Ressourcen verbraucht und viel mehr CO2 ausgestossen. Der Klimawandel könnte zu einer Klima-Apartheid führen.

Was genau soll das sein?
Ein reicher Norden, der sich total abschottet, und der Rest der Welt, wo Hungersnöte, Wasserknappheit und bewaffnete Konflikte herrschen. Es gibt die Idee, denjenigen Klimapässe auszustellen, die vom Klimawandel am meisten betroffen sind.

«Mir persönlich ist es egal, ob die Spezies Mensch hier weiterlebt oder nicht.»

Konkret?
Leute, deren Felder wegen des Klimawandels austrocknen und die deshalb nicht mehr in einem bestimmten Gebiet leben können, müssen von jenen Ländern aufgenommen werden, die am meisten CO2 ausgestossen haben. Zum Beispiel von Deutschland, das historisch gesehen mehr emittiert hat als ganz Afrika zusammen. In Bremerhaven gibt es übrigens ein Flüchtlingsmuseum, weil über den Hafen der Stadt einst Millionen Europäer nach Amerika ausgewandert sind. Das waren auch alle Wirtschaftsflüchtlinge.

Alle Schuld am Elend Afrikas und des sogenannten globalen Südens den nördlichen Industrieländern zuzuschieben, ist viel zu einfach. Viele Übel sind selbst verschuldet.
Ich bestreite nicht, dass es in vielen Ländern korrupte Eliten gibt. Aber global gesehen haben wir eine viel grössere Verantwortung und deshalb eine viel grössere Pflicht zur Solidarität.

Ihre Migrationspolitik würde dazu führen, dass Rechtspopulisten noch mehr Zulauf hätten. Das sind jene Parteien, die den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel leugnen oder verharmlosen.
Meine Forderungen umzusetzen, ist politisch schwierig. Das wird auch nicht morgen passieren. Trotzdem sind sie moralisch richtig. Wenn alle Menschen weiter auf diesem Planeten zusammenleben wollen, müssen wir dessen Ressourcen gerecht verteilen. Es ist auch nicht so, dass übermorgen Millionen von afrikanischen Flüchtlingen nach Europa drängen. Die meisten Menschen, die vertrieben werden, fliehen innerhalb ihrer Länder oder in Nachbarländer.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die Menschheit könnte bis zum Ende dieses Jahrhunderts ausgestorben sein. Man muss kein Klimaleugner sein, um das als apokalyptische Schwarzmalerei zu empfinden.
Es ist wichtig, das Problem als das zu bezeichnen, was es ist: eine existenzielle Krise für die Menschheit. Wir steuern auf eine Erwärmung von drei bis fünf Grad zu, wir erreichen Kippelemente, die kaskadenartige Effekte haben und das ganze Klimasystem destabilisieren. Kein Wissenschaftler kann vorhersagen, wie viele Menschen auf unserem Planeten leben können, wenn sich die Durchschnittstemperatur um vier Grad erhöht. Was wir hingegen wissen, ist, dass schon 2050 ein Viertel der Menschheit keinen Zugang zu Wasser haben wird und ­deswegen Kriege ausbrechen werden. Ausserdem wird es viel häufiger Dürren, Überschwemmungen und andere Natur­katastrophen geben.

Sie sind Mitglied der Bewegung Extinction Rebellion. Deren Gründer hat kürzlich in einem Interview ­bezweifelt, dass ein demokratisches System fähig ist, angemessen auf die Klimakrise zu reagieren.
Unsere Demokratien schützen nicht die Mehrheit der Bürger, sondern verteidigen die Interessen und Privilegien von Eliten. Deshalb fordern wir, dass wie im alten Athen Bürgerversammlungen stattfinden, deren Mitglieder per Los ­bestimmt werden.

Und was soll das bewirken?
Ich bin davon überzeugt, dass Menschen von der Strasse eher gerechte Mass­nahmen beschliessen würden als die Mitglieder der Parlamente, die sich von Lobbyinteressen leiten lassen.

Solche Bürgerversammlungen sollen den ökonomischen Systemwandel hinkriegen, den Sie fordern?
Entweder werden wir weiter von Eliten regiert, oder es gibt eine starke Demokratiebewegung, die eine Erweiterung der demokratischen Mitspracherechte bewirkt. Darum geht es, über die konkrete Umsetzung dieser Forderung kann man diskutieren. Entscheidend ist: Das aktuelle System funktioniert nicht, weil es das Klimasystem dieses Planeten zerstört, viel zu viele Ressourcen verbraucht und ein gigantisches Artensterben provoziert. Es ist die Aufgabe von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft, ein anderes zu entwerfen. Dafür muss sich aber erst einmal die Einsicht durchsetzen, dass wir mit dem alten nicht weitermachen können.

Die Demokratie ist zu schwerfällig, um die Massnahmen durchzusetzen, die Sie für eine wirksame Bekämpfung des Klimawandels fordern. Wann erklingt aus Ihrem Lager der Ruf nach einer Ökodiktatur?
Nie. Ich befürchte eher, dass ein Öko­faschismus heraufziehen könnte.

Ein was?
Im Moment leugnen die Rechtspopulisten noch, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Aber das ändert sich allmählich und wird in die Forderung münden, die reichen Länder sollen sich noch mehr abschotten. So nach dem Motto: Wir betreiben Heimatschutz ­hinter einem hohen Zaun, und der Rest der Menschheit soll draussen bleiben und sehen, wie er zurechtkommt. ­Ökofaschismus ist eine ekelhafte Kombination aus Abschottung und rechtem Naturschutz. Ein Horrorszenario.

Denken Sie manchmal, dass die Menschheit den Kampf gegen den Klimawandel schon verloren hat?
Wir reden hier nicht von einem Schachspiel, das man gewinnt oder verliert. Der Klimawandel ist eine Realität, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Diese Realität wird uns ein Leben lang begleiten. Aber es ist jetzt entscheidend, Massnahmen zu treffen, um die Auswirkungen zu vermindern, die Erderwärmung zumindest zu verlangsamen und die Emissionen zu begrenzen.

Es gibt eine Geisteshaltung namens Antinatalismus. Ihre Vertreter meinen, es wäre besser, gar nicht erst geboren zu werden. Und da bisher noch fast jede Art irgendwann ausgestorben ist, ist es vielleicht nichts als natürlich, dass das auch dem Menschen widerfährt.
Mir persönlich ist es egal, ob die Spezies Mensch hier weiterlebt oder nicht. Aber wenn sie tatsächlich ausstirbt, werden unglaublich viele Menschen unglaublich leiden, sie werden von Hunger, Durst und Kriegen betroffen sein. Das müssen wir verhindern.

Wenn es einen Schalter gäbe, der die ganze Menschheit sekundenschnell und schmerzlos ins Nirwana befördert – würden Sie ihn drücken?
Warum sollte ich?

Erstellt: 02.11.2019, 11:04 Uhr

Kapitänin, Klimaaktivistin und Autorin

Carola Rackete hat im Sommer den damaligen italienischen Innenminister Matteo Salvini zur Weissglut getrieben, indem sie dessen Verbot missachtete, mit geretteten Flüchtlingen in Lampedusa anzulegen. Kommende Woche erscheint ihr Buch «Handeln statt Hoffen. Aufruf an die letzte Generation». Am 13. November um 20 Uhr stellt die 31-Jährige das Buch im Zürcher Kaufleuten vor und diskutiert über ihre Anliegen. (ben)

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