«Ich glaube den britischen Behörden nicht»

Wiktoria Skripal will ihren Onkel und ihre Cousine so schnell wie möglich nach Russland holen.

Die Skripals sind nach bisherigen Erkenntnissen direkt an ihrer Haustür vergiftet worden: Bilder der Nachrichtenagentur Reuters. (4. April 2018)

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«Ich habe Angst, schreckliche Angst», sagt die Nichte des russischen Ex-Spions Sergei Skripal. Und dazu hat sie allen Grund, denn Wiktoria Skripal bewegt sich auf vermintem Gelände: Der Vorwurf Grossbritanniens, Moskau habe ihren Onkel und ihre Cousine mit einem Nervengift attackiert, hat einen wüsten Streit zwischen dem Westen und Russland ausgelöst und zu einer ernsten internationalen Krise geführt. «Ich will neutral bleiben», sagt die 45-Jährige, die in Russland für die bald 90 Jahre alte Mutter des einstigen Spions sorgt, «ich rede nicht über Politik.» Ihr gehe es einzig und allein um das Schicksal ihrer erkrankten Verwandten.

Julia Skripal habe sie inzwischen angerufen, berichtet Wiktoria. Sie hat das Telefongespräch aufgezeichnet, das tue sie oft, sie habe eine entsprechende App auf dem Handy, die sie bei ihrer Arbeit brauche. Im russischen Staatsfernsehen wurde das 90 Sekunden lange Gespräch prominent vorgeführt – ob echt oder nicht, sei unklar, hiess es. Wiktoria Skripal selber sagt, sie sei sich «100 Prozent» sicher, dass sie mit ihrer Cousine Julia gesprochen habe, die ihr versicherte, «alles ist gut, alle leben».

Julia hat normales Leben geführt

Auf die Frage nach Sergei Skripals Zustand antwortete die Stimme: «Alles okay, er ruht sich aus, er schläft.» Es gebe keine gesundheitlichen Probleme, es würden keine Schäden bleiben. «Ich komme bald aus dem Spital raus, alles okay», sagte die angebliche Julia zum Schluss. Das tönte überraschend harmlos. Denn laut britischen Angaben ist Skripal im Gegensatz zu seiner Tochter noch immer bewusstlos. Experten sagen, im Falle einer Vergiftung mit dem Nervengift Nowitschok würden schwerste gesundheitliche Schäden zurückbleiben.

Mit der Freigabe des Gesprächs habe sie Transparenz schaffen wollen, sagt Wiktoria Skripal. Denn es sei furchtbar, was alles über ihre Verwandten erzählt werde. Sie spreche mit allen, mit russischen, britischen oder auch amerikanischen Journalisten. Zwar schreibe ihr niemand vor, was sie zu sagen habe. Aber sie spüre schliesslich an den Fragen, was man von ihr hören wolle. Julia habe nie etwas mit Politik zu tun gehabt, beteuert sie. Sie habe ein völlig normales Leben geführt.

Sie wisse nicht, wer das ihren Verwandten angetan haben könnte. Die einen sagten, die britischen Geheimdienste, die anderen die russischen. Doch es könnte ihrer Meinung nach auch ein privates Motiv geben, es könnte um Geld gegangen sein: 200'000 Dollar, die der Vater auf einer russischen Bank für Julia deponiert habe. Der Freund ihrer Cousine sei ein «komischer Mensch», sagte sie dem Boulevardblatt «Moskowski Komsomolez» dazu etwas rätselhaft. «Der junge Mann ist wie ein Geist. Er hat kein einziges Wort gesagt, seit das alles passiert ist.»

Wenigstens Julia wolle sie nach Russland zurückholen, sobald sie transportfähig sei, sagt Wiktoria Skripal, diese habe schliesslich einen russischen Pass. Mit Sergei sei das viel schwieriger. «Ich fürchte, Onkel Sergei werden sie mir nicht übergeben, er ist einer ihrer Bürger. Aber ich werde trotzdem versuchen, ihn mitzunehmen.»

Kein Visum für Grossbritannien

Vorerst ist jedoch unklar, ob Wiktoria Skripal überhaupt nach Grossbritannien reisen darf. Das russische Aussenministerium hat sich für die Vergabe eines britischen Visums starkgemacht, bisher wurde jedoch noch keines ausgestellt. Britische Beobachter glauben, dass man in London nicht begeistert wäre von einem Besuch, offenbar werden die Skripals hermetisch abgeschirmt. In dem Telefongespräch sagte die Stimme, die Julia gehören soll: «Niemand wird dir ein Visum geben.» Ob sie Julia denn besuchen könnte, falls sie doch einreisen dürfe, fragte Wiktoria. Alles sei sehr schwierig, antwortete die Stimme, es müsse alles erst geklärt werden. Es tönte eher wie ein Nein.

«Manchmal will man einfach an ein Wunder glauben.»Wiktoria Skripal

Obwohl Wiktoria Skripal betont, sie sei neutral, macht sie deutlich, dass sie den britischen Behörden nicht glaubt, genauso wenig wie laut Umfragen der allergrösste Teil der Russen. Vielleicht sei es überhaupt kein Nervengift gewesen, sagt sie, vielleicht sei es einfach eine Lebensmittelvergiftung. Man komme schliesslich nicht so einfach an das Haus heran. Zudem müssten dann auch Skripals Haustiere, eine Katze und zwei Meerschweinchen, tot sein, sagt Wiktoria. Die Tiere wurden offenbar von der Polizei weggebracht, heute haben die Behörden erklärt, sie seien tot.

Die Polizei habe eine Tastatur, eine Computermaus und Türgriffe mitgenommen. «Das macht doch alles keinen Sinn.» Manchmal denke sie, dass es gar nicht ihr Onkel und ihre Cousine seien, die da vergiftet worden seien, dass alles nur eine Verwechslung sei, sagt Wiktoria Skripal in einem Anflug von Verzweiflung. «Manchmal will man einfach an ein Wunder glauben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2018, 18:30 Uhr

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