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«Ich werde mich nicht verstecken»

Anna Gabriel am Mittwoch im Genfer Exil – in Spanien wird sie per Haftbefehl gesucht. Foto: Laurent Guiraud

Anna Gabriel, Sie hätten vor drei Stunden vor Gericht in Madrid erscheinen sollen. In welcher Rolle? Als Beschuldigte oder als Zeugin?

Spanien hat noch kein Auslieferungsgesuch gestellt. Womöglich folgt das in den nächsten Tagen, nachdem Sie nicht vor Gericht erschienen sind. Was werden Sie tun?

Und wenn ein Auslieferungsgesuch einträfe?

Vielleicht Ihr Ja, als das katalanische Parlament Ende Oktober die Unabhängigkeit Kataloniens erklärte? Das war gegen die spanische Verfassung.

Die Gegner der Unabhängigkeit hatten den Saal verlassen.

Sie haben den spanischen Staat stets beschuldigt, aggressiv und autoritär aufzutreten. Was jetzt passiert, muss Ihre Meinung bestätigen.

«Ich fürchte die spanischen, nicht die Schweizer Behörden.»

Einige Ihrer Mitstreiter sind nach der Befragung in Madrid zwar verhaftet worden, konnten das Gefängnis danach aber verlassen. Das wäre auch in Ihrem Fall möglich.

Wir wird man eigentlich zur Unabhängigkeitskämpferin?

In den Wahlen 2015 und 2017 lagen die Befürworter und Gegner der Unabhängigkeit Kataloniens in etwa gleichauf – eine schwache Basis für eine so radikale Forderung. Werden Sie weiterhin dafür kämpfen?

Und wenn 51 Prozent dafür sind ? reicht das?

Warum versuchen Sie nicht, die Verfassung zu ändern, damit eine Abstimmung über die Unabhängigkeit legal wird?

Die Strategie, Madrid via Strasse und Urne unter Druck zu setzen, damit die Regierung verhandelt, hatte wenig Erfolg: Vier Politiker sitzen im Gefängnis, fünf sind im Exil in Brüssel, jetzt sind Sie im Exil in Genf. Sollte die Unabhängigkeitsbewegung ihre Strategie ändern und vorsichtiger agieren wie der neue katalanische Parlamentspräsident Roger Torrent bei seinem Amtsantritt im Januar? Mehr Soft Power?

«Ich suche hier ein Refugium garantierter Grundrechte.»

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Wird er gewaltfrei bleiben?

Es gab auch viel Hass und Morddrohungen gegen Gegner der Unabhängigkeit.

Wie sehen Sie Ihre neue Rolle hier in Genf?

Das droht Ihnen hier in der Schweiz kaum. Es sieht auch nicht so aus, dass die Schweiz Sie an Spanien ausliefern wird, weil Ihr politischer Status unbestritten ist.

Und wenn man Sie für einige Jahre nicht zurückreisen lässt, bleiben Sie in der Schweiz, oder suchen Sie sich einen spannenderen Ort?

Wenn die Schweiz Ihnen Asyl gewährt, haben Sie das Recht auf Familiennachzug.

Hätten Sie Angst vor dem Gefängnis?

Ihr Fall wäre ein klassischer Fall für Asyl.

Ist das nicht ein Widerspruch, dass Sie als Antikapitalistin ausgerechnet in der Schweiz Schutz suchen, einem der kapitalistischsten Länder der Welt?

Wieso haben Sie eigentlich damals die Faust gereckt? Dieses Bild ging um die Welt.

Damals waren Sie auch in der äusseren Erscheinung Aktivistin ? jetzt spekulieren die spanischen Medien, ob Sie für das diplomatische Parkett Ihr Outfit verändert haben.

Gibt es noch andere katalanische Politiker oder Aktivisten, die unter der strafrechtlichen Bedrohung ausreisen werden?

Haben Sie mit ihr besprochen, dass Sie jetzt für unbestimmte Zeit ausreisen werden?