Ein Blinder auf dem Balkan

Nobelpreisträger Peter Handke verhöhnt die Opfer der Balkankriege und missbraucht die Sprache, um die Täter zu amnestieren. Er sollte geächtet und nicht gewürdigt werden.

«Als er starb, traf mich eine merkwürdige Trauer»: Peter Handke bei der Beerdigung des Despoten Slobodan Milosevic im Jahr 2006.

«Als er starb, traf mich eine merkwürdige Trauer»: Peter Handke bei der Beerdigung des Despoten Slobodan Milosevic im Jahr 2006. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was sind das für finstere Zeiten, wo ein Dichter, der seit fast 25 Jahren wie ein Blinder durch die blutige Geschichte des Balkans irrt, nun auch noch mit dem Literaturnobelpreis geadelt wird? Die Rede ist von Peter Handke, der Mitte der 1990er-Jahre nach Visegrad kam, um die Wahrheit zu suchen und zu finden – jene Wahrheit also, die seiner Meinung nach die verhassten westlichen Journalisten mutwillig verschwiegen hätten.

Das Städtchen Visegrad in Ostbosnien war Schauplatz eines der schlimmsten Massaker, die von serbischen Paramilitärs an dortigen Muslimen verübt wurden. Das zu einem Thermalbad gehörende Hotel Vilina Vlas ist zu einem Symbol menschlicher Bestialität und Perversion geworden. Hier liess Milan Lukic muslimische Männer foltern und hinrichten, hier vergewaltigten blutrünstige Banditen in Uniform Frauen und Mädchen, hier sprangen die Gefangenen übers Balkongeländer, um den Peinigern zu entkommen, und unweit vom Horror-Hotel wurden Opfer von der Brücke in den Fluss Drina geworfen. Lukic, damals 25-jährig, hatte 1992 seinen Wohnort in Zürich verlassen, um für ein Grossserbien zu kämpfen.

Handke beschäftigt sich mit der Sprache, ohne sich mit der Sache zu beschäftigen.

In einem seiner Machwerke macht sich Handke lustig über einen Journalisten der «New York Times», der beschrieben hatte, wie ein Milizenführer barfuss lief und vor den Augen aller Massenverbrechen begangen habe. Die westlichen Journalisten werden hämisch als «eingeflogene Aussagensammler» diffamiert, es wird offen bezweifelt, dass in Visegrad ein «paar Barfüssler Katz-und-Maus» spielten mit ihren Opfern. Kein Massaker also in dieser Stadt.

Hier kommt die Handke-Methode zum Vorschein: Er beschäftigt sich mit der Sprache ohne sich mit der Sache zu beschäftigen. Seine Verteidiger im deutschen Feuilleton mögen darin Tiefenschärfe ausmachen. Was Handke aber betreibt – und das trifft es wahrscheinlich am ehesten – ist pseudoelitärer Ästhetizismus. Der Autor schwadroniert höhnisch über «Wasserleichengeschichten», er fragt zynisch, ob «die serbokroatisch sprechenden, serbischstämmigen Muselmanen Bosniens denn nun ein Volk» seien. So wird ein ganzes Volk, die bosnischen Muslime, erniedrigt, degradiert und dehumanisiert.

Leichen im Stausee

Die Leichen, die lügen aber nicht. Als 2010 der Wasserspiegel eines nahe Visegrad gelegenen Stausees wegen Wartungsarbeiten abgesenkt wurde, entdeckten Ermittler über 200 Leichen. Der Kriegsverbrecher Milan Lukic wurde 2005 in Buenos Aires festgenommen und danach vom Haager Kriegsverbrechertribunal zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt.

Wer Handke auf seine Unterlassungen aufmerksam macht, dem schleudert er die folgende Antwort entgegen: «Gehen Sie nach Hause mit Ihrer Betroffenheit, stecken Sie sich die in den Arsch!» Der Autor, der lieber mit Pflanzen als mit Opfern spricht, rief pegidamässig «Lügenpresse» lange bevor es die rechtspopulistische und ausländerfeindliche Pegida-Bewegung gab. Er verspottet die Chronisten der jugoslawischen Zerfallskriege als whiskytrinkende Taugenichtse, welche die Sprache des Landes nicht beherrschten. Das sagt jemand, der in seinen Schriften fast jedes serbische Wort falsch schreibt und die Tatsache ignoriert, dass in den 1990er-Jahren bei Recherchen auf dem Balkan mindestens 40 Journalisten starben.

«Überhaupt, diese so genannten ‹Mütter von Srebrenica›: Denen glaube ich kein Wort, denen nehme ich die Trauer nicht ab.»Peter Handke

In seinem Stück «Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg» wütet der zivilisationsmüde Handke gegen Amerika und Europa, gegen die UNO und Nato, gegen Menschenrechtler und «Humanitätshyänen». Der Westen soll die alleinige Schuld für den Untergang Jugoslawiens tragen, die Serben stünden jetzt am «Pranger» des Weltgerichts.

Was bezweckt Handke mit diesem geschichtsklitternden Furor? Es geht ihm darum, den Kriegsverbrecher Novislav Djajic in seinem Bühnenwerk als unschuldigen «Waldläufer», «Irrläufer», «Nebensteher» erscheinen zu lassen, der «von einem deutschländischen Richter» zu fünf Jahren Haft verurteilt worden sei – wegen Beihilfe zum Mord an 14 bosnischen Muslimen. Das Gericht habe sich geirrt, schreibt Handke später in einem Essay. Damit nicht genug: 1999 war der dichtende Irrläufer Trauzeuge bei der Hochzeit des Kriegsverbrechers.


«Das, was ich schreibe, und das, was ich sage, kann man nicht trennen»: Peter Handke in seinem Atelier in Frankreich. Foto: Getty Images

Die Handke-Jünger, die gerne nach Paris pilgern, um die Tiraden des Pilzsuchers demutsvoll zu notieren, wenden ein, er habe doch 2006 das Massaker von Srebrenica als abscheulich bezeichnet. Angesichts der heftigen Kritik blieb ihm nichts anderes übrig. Aber er hat es auch geschafft, später den folgenden Satz zu schreiben: «Und hören wir schliesslich auf, die Massaker (...) dem serbischen (Para)-Militär zuzuschreiben». Tja, es waren wohl Ausserirdische, nicht die Truppen von General Ratko Mladic, die etwa 8000 muslimische Männer und Knaben im Juli 1995 niedergemetzelt haben.

2011 folgte dann die nächste Verharmlosung des Massenmordes. Handke empfing in Paris den in Basel wohnhaften Genozidleugner Boris Krljic alias Alexander Dorin. Das Interview erschien in der Rechtspostille «Ketzerbriefe». Darin spricht Handke vom «angeblich schlimmsten Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg». Angeblich – obwohl das höchste UNO-Gericht Srebrenica als Völkermord eingestuft hat. Die Haupttäter sind demnach die bosnischen Serben, aber auch Serbien trage eine Mitverantwortung.

Handke bleibt freiwillig in seiner utopischen Heimat namens Serbien gefangen, die er gerne mit dem alten Jugoslawien verwechselt.

Das «Ketzerbriefe»-Gespräch geht munter weiter in einem Plauderton, der sonst in rauchgeschwängerten und mit Schnapsdunst angefüllten balkanischen Kneipen zu hören ist. Handke mutmasst, vielleicht wollten die «moslemischen Soldaten» in Srebrenica einfach «heim zu Mama». Dass sie alle nach der Eroberung der ostbosnischen Kleinstadt erschossen wurden – nicht der Rede wert.

Der Fragesteller wirft immerhin ein, ihm tue eine «moslemische Mutter, die ihren Sohn verloren hat, nicht weniger leid». Auf diesen Elfmeter scheint Handke nur gewartet zu haben: «Überhaupt, diese so genannten ‹Mütter von Srebrenica›: Denen glaube ich kein Wort, denen nehme ich die Trauer nicht ab.» Das Massaker würde er nicht verurteilen, betont Handke. Es handle sich um eine Racheaktion der Serben. (Wahr ist, dass die eingekesselten und hungernden Bewohner Srebrenicas bei Raubzügen in der Umgebung Hunderte serbische Zivilisten getötet hatten.)

Nun beruft sich der so genaue Beobachter auf eine Erinnerungslücke: Über seinen Verlag Suhrkamp lässt Handke mitteilen, er habe das Gespräch nicht gegengelesen, nicht autorisiert, er könne sich nicht vorstellen, diese Sätze in dieser Form gesagt zu haben. Auch das ist eine Handke-Methode: Die Opfer beleidigen, alles in Zweifel ziehen, den Unterschied zwischen den Angreifern und den Angegriffenen ausblenden – und am Ende den Ahnungslosen mimen.

Wo die Reinheit noch atmet

Der selbsternannte Wahrheitssucher agiert wie ein Sprecher der serbischen Ultranationalisten, wenn er schreibt: «Und hören wir auf, die ‹Sniper› von Sarajewo blindlings mit den ‹Serben› zu verbinden». Schliesslich seien die meisten französischen Blauhelme in Sarajevo Opfer muslimischer Schützen gewesen. So lässt Handke die Belagerung Sarajevos (1425 Tage) und die Tötung von Zivilisten und Verteidigern durch die bosnisch-serbische Armee als Lappalie herunterspielen. Es starben über 11'000 Menschen, darunter 1600 Kinder.

Oder er fragt in seiner bekannten Manier: «Wie war das wirklich mit Dubrovnik? Ist die kleine alte wunderbare Stadtschüssel (...) im Frühwinter 1991 tatsächlich gebombt und zerschossen worden?» Hier erreicht Handke leider das Niveau des bosnisch-serbischen Lastwagenfahrers, Lokalpolitikers und Kriegsverbrechers Bozidar Vucurevic. Er hatte den Beschuss der Unesco-geschützten Altstadt von Dubrovnik so gerechtfertigt: Man werde nach der Eroberung eine noch ältere und noch schönere Altstadt wiederaufbauen.

ARD-Bericht über die umstrittene Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke. Quelle: Youtube/ttt

In den westlichen Medien ist oft von der Parteinahme Handkes für die Serben zu lesen. Handke hat sich in erster Linie mit dem kriminellen Regime Slobodan Milosevics solidarisiert und weltoffene Serben als Handlanger des Westens beleidigt. Die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic bezeichnte er in der österreichischen Zeitschrift Profil als «Westhure». Für Handke und viele linke und rechte Wirrköpfe im Westen ist Serbien seit den Balkankriegen eine Art antikapitalistische und antiamerikanische Trutzburg mit dudelnder Turbofolk-Musik.

In Serbien atme noch die Reinheit, so etwas gebe es in Frankreich und in Deutschland nicht, sagte Handke während eines Besuchs in Belgrad 2013. Endlich eine Grossstadt ohne McDonald's. Das stimmt natürlich nicht, die Fastfood-Kette hat schon 1988 in der damaligen jugoslawischen Hauptstadt das erste Restaurant eröffnet. Der Bic Mac, ein Symbol des Imperialismus, ist auch unter den Serben beliebt. Und es dürfte Handke kaum gefallen, dass Milosevics Sohn durch den Schmuggel einer bestimmten US-Zigarettenmarke reich geworden ist.

Handke bleibt bis heute freiwillig in seiner utopischen Heimat namens Serbien gefangen, die er gerne mit dem alten Jugoslawien verwechselt. Für Milosevic, den er in seiner Haager Zelle besucht hat und liebevoll «Slobodan» nannte, empfinde er Respekt. «Als er starb, traf mich eine merkwürdige Trauer.» Es ist nur konsequent, dass der Grossdichter dem Grossverbrecher auch die letzte Ehre erwies. Handkes Anhänger haben auch dafür eine müde Erklärung. Man müsse zwischen Kunst und Künstler unterscheiden. Das sieht selbst Handke ganz anderes: «Das, was ich schreibe, und das, was ich sage, kann man nicht trennen.» Gesagt in Belgrad, im April 2013.

Erstellt: 09.11.2019, 07:16 Uhr

Artikel zum Thema

«Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen!»

Literaturnobelpreisträger Peter Handke ist mit der Kritik von Saša Stanišic konfrontiert worden. Nun will er nicht mehr mit Journalisten reden. Mehr...

Der Deutsche Buchpreis geht an Saša Stanišic

In seiner Dankesrede kritisierte der Preisträger den Nobelpreis für Peter Handke wegen dessen Jugoslawien-Texten scharf. Mehr...

Handke: «Ist das wahr?»

Der Nobelpreis für Literatur geht an Olga Tokarczuk und Peter Handke. Als der Österreicher davon erfährt, verschlägt es ihm die Sprache. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Geldblog Warum auch Arbeitslose AHV-pflichtig sind

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...