Ihre Verzweiflungstat könnte die russische Justiz verändern

Drei Schwestern wurden wegen Mordes angeklagt, weil sie ihren Vater töteten. Der Generalstaatsanwaltschaft hat den Entscheid nun gekippt.

Sie leben heute getrennt unter Hausarrest (v.l.): Kristina, Maria und Angelina Chatschaturjan. Fotos: Keystone

Sie leben heute getrennt unter Hausarrest (v.l.): Kristina, Maria und Angelina Chatschaturjan. Fotos: Keystone

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An dem Tag, der schliesslich zur Katastrophe führte, sprühte Michail Chatschaturjan seinen Töchtern Pfefferspray ins Gesicht, weil die Wohnung seiner Meinung nach nicht sauber genug war. Danach töteten Maria, Angelina und Kristina, damals 17, 18 und 19 Jahre alt, den Mann, der sie jahrelang missbraucht und misshandelt hatte.

Als der Vater schlief, griffen sie ihn gemeinsam mit Pfefferspray, Messer und einem Hammer an. Dutzende Male stiessen und schlugen sie zu. Die Untersuchungsbehörde erklärte, die beiden älteren Schwestern würden des Mordes angeklagt, die Jüngste sollte in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden.

Missbrauch nicht berücksichtigt

Doch nun hat die russische Generalstaatsanwaltschaft die Mordanklage gekippt. Die Tat vom Sommer 2018 solle als Notwehr eingestuft und die Ermittlungen eingestellt werden, sagt ein Anwalt der Schwestern, der die Dokumente einsehen konnte. Der jahrelange Missbrauch durch den Vater sei in den Ermittlungen nicht berücksichtigt worden, hiess es als Begründung.

Später habe der Generalstaatsanwalt persönlich nachgedoppelt und verlangt, den Fall in diesem Sinne neu aufzurollen. Die Untersuchungsbehörde hätte bereits einen neuen Vorschlag unterbreiten sollen, sagt Alexei Lipzer, der Anwalt der ältesten Tochter Kristina, im Interview mit dem Onlineportal «Medusa». Vermutlich werde die Frist dafür verlängert, obwohl der Fall schon vor einem Jahr hätte geschlossen werden können.

Tausende demonstrierten für die Mädchen und deren Recht auf Selbstverteidigung.

Er und seine Mandantin seien nun «vorsichtig optimistisch» sagt Lipzer. Doch noch seien die Vorwürfe nicht fallen gelassen worden. Die Schwestern leben getrennt unter Hausarrest und dürfen keinen Kontakt haben untereinander.

Ihr Schicksal hat in Russland eine emotionale Debatte ausgelöst. Tausende vor allem junge Leute demonstrierten für die Mädchen und verlangten, deren Recht auf Selbstverteidigung anzuerkennen. Die Schwestern hätten keine Wahl gehabt. Lipzer glaubt, dass das Schicksal der Chatschaturjans nach dem Entscheid der Generalstaatsanwaltschaft zu einem Präzedenzfall werden könnte.

Die drei Schwestern haben ihre Landsleute mobilisiert. Foto: Reuters

Die Debatte um das Schicksal der drei jungen Frauen hat auch die Diskussion um ein Gesetz gegen häusliche Gewalt angefeuert, das seit Jahren blockiert ist. Beim Föderationsrat liegt nun ein neuer, fertiger Entwurf. Aktivisten kritisieren, dass in dieser Version einige Artikel verwässert wurden. Es stehe nicht mehr der Schutz des Opfers im Zentrum, bemängeln sie.

Doch andere sind überzeugt, dass die Verabschiedung eine deutliche Verbesserung bringen würde. Sie verweisen insbesondere auf das geplante Annäherungsverbot, etwas, das es in Russland bisher nicht gibt.

Wenn misshandelte Frauen bei der Polizei Hilfe suchen, werden sie – wie im Fall der drei Schwestern – oft abgewiesen. Doch Polizisten beklagen, dass ihnen die Hände gebunden seien, wenn sie einschreiten wollten: Sie können den Mann mitnehmen und in einer Zelle ausnüchtern lassen. Doch dann kehrt er nach Hause zurück, und die Misshandlungen beginnen von vorne.

Häusliche Gewalt ist ein grosses Problem in Russland.

Vor vier Jahren hat Russland zudem das Prügeln in der Familie faktisch erlaubt. Wenn das Opfer nicht gerade stirbt oder bleibende Schäden davonträgt, bleibt der Täter straffrei. Vorher konnten Bussen und Gefängnisstrafen von bis zu zwei Jahren verhängt werden.

Dabei ist häusliche Gewalt in Russland ein grosses Problem. Offiziell wird in jeder vierten Familie geschlagen, laut Schätzungen in jeder zweiten. Experten gehe davon aus, dass jedes Jahr etwa 14'000 Frauen von Familienangehörigen getötet werden, meistens vom Ehemann – das sind fast 40 Tote pro Tag. Rund 80 Prozent der Frauen, die in Russland wegen Mordes im Gefängnis sitzen, haben einen Lebenspartner getötet, der sie vorher misshandelt hat.

Angst um russische Familien

Das neue Gesetz hat aber auch Kritik ausgelöst, vor allem in traditionalistischen und religiösen Kreisen. Die Gegner sind überzeugt, dass Russland diese Regelung nicht nötig hat. Und sie betrachten das Gesetz nicht nur als überflüssig, sondern vor allem auch als gefährlich: Es werde die russischen Familien und damit die Zukunft des Landes zerstören.

Beobachter sagen, dass dieser Widerstand zwar stark und vor allem laut sei. Zahlenmässig sehen sich die Gegner aber inzwischen deutlich in der Minderzahl. Aus verschiedenen Umfragen haben die Journalisten bei «Medusa» berechnet, dass 90 Prozent der Russen Gewalt in der Familie ablehnen und 70 Prozent der Meinung sind, dass das Land auch ein entsprechendes Gesetz braucht.

Erstellt: 10.02.2020, 18:34 Uhr

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