Im Labor der katholischen Kirche

In Rom geht die Synode zum Amazonas zu Ende. Bleiben wird der Richtungsstreit um den Zölibat und die Rolle der Frau.

Dienst an der Umwelt: In Anwesenheit des Papstes und des emeritierten Kurienkardinals Claudio Hummes pflanzen Indigene einen Baum. Foto: Yara Nardi (Reuters)

Dienst an der Umwelt: In Anwesenheit des Papstes und des emeritierten Kurienkardinals Claudio Hummes pflanzen Indigene einen Baum. Foto: Yara Nardi (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der goldglänzenden Kirche Santa Maria in Traspontina, gleich beim Vatikan, kann man erleben, wie hart der Kampf ist. Die Vertreter eines indigenen Selbsthilfeprojekts machen dort auf ihre Lage am Amazonas aufmerksam, zeigen Fotos ihrer bedrohten Heimat: verdrecktes Trinkwasser, zerstörte Häuser, Schwerverletzte nach einem Angriff von Holzfällern.

In einer Seitenkapelle haben sie der heiligen Barbara zu Füssen gelegt, was sie mitgebracht haben, Federschmuck, das Modell eines Fischerboots, bunte Tücher. Frauen und Männer halten ein regenbogenbuntes Netz und singen. Eine Frau und zwei Männer aber wollen nicht mitsingen. Sie knien auf dem Marmorboden und beten, so laut sie können. Sie laufen laut betend an den Indios vorbei. Sie wollen stören. Für sie ist die Religiosität der Indigenen Heidentum, ihr Protest gegen die Zerstörung des Regenwaldes Kommunismus.

In der Nacht haben Männer Holzfiguren von nackten Frauen gestohlen und in den Tiber geworfen.

In der Nacht zum Montag haben zwei Männer aus der Kirche Holzfiguren nackter, schwangerer Frauen gestohlen und in den Tiber geworfen. Das Video von der Tat wird in den Foren des reaktionären Katholizismus gefeiert.

Es kann gut sein, dass die organisierten Kampfbeter am Samstagabend noch wütender sind. Dann wird das Abschlussdokument der Amazonassynode veröffentlicht. Drei Wochen haben 280 Bischöfe, Beraterinnen und Berater vor dem Papst diskutiert, der meist schwieg; einmal ermunterte er die Teilnehmer, doch mutiger zu reden. Am Freitag hat die komplizierte Abstimmung über den Abschlusstext begonnen – jeder einzelne Absatz davon braucht eine Zweidrittelmehrheit der Bischöfe. Und so, wie es aussieht, könnte er einige Weichenstellungen für die katholische Kirche mit sich bringen, auch wenn er formal nur eine Empfehlung an den Papst ist.

Eine kleine Revolution

Er wird zum Ärger des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro und seines bolivianischen Kollegen Evo Morales ­erklären, dass der Schutz des Regen­waldes und der Menschen dort eine kirchliche Aufgabe ist, dass sie Partei nehmen muss für die bedrohte Schöpfung. Der Text wird zudem vorschlagen, dass im Amazonasgebiet dort, wo ­bisher nur ein- bis zweimal im Jahr ein Priester vorbeischaute, erstmals ­verheiratete und in der Gemeindearbeit bewährte Männer, sogenannte Viri probati, zum Priester geweiht werden.

Und selbst über eine Weihe für Frauen zur Diakonin soll diskutiert werden – eine kleine Revolution: Vor 25 Jahren hat Papst Johannes Paul II. solche ­Debatten für beendet erklärt. Damit geht die Bedeutung der Synode weit über den Regenwald hinaus: Braucht die Kirche eine «Option für die Schöpfung»? Und wenn im Amazonasgebiet mit seinem dramatischen Priestermangel es ­möglich ist, verheiratete Männer und Frauen in irgendeiner Form zu weihen – ­warum nicht auch in Europa?

Selten habe es in einer Bischofs­synode im Plenum und in den Arbeitsgruppen so offene Debatten gegeben, berichten Teilnehmer, «von der Naturmedizin bis zum Frauenpriestertum war alles ­dabei», sagt Pater Michael Heinz, Hauptgeschäftsführer des katholischen Hilfswerks Adveniat, der als Experte geladen war. Immer wieder hätten die indigenen Teilnehmer, vor allem die Frauen, aus ihrem Leben erzählt; Menschen würden mit dem Tod bedroht, wenn sie sich den Ausbeutern des Waldes in den Weg ­stellen – und bei den indigenen Völkern gelte ein unverheirateter Mann ohne Kinder wenig. Bei der möglichen Weihe der Viri probati gab es auf der ­Synode breite Zustimmung.

Matteo Matzuzzi, der junge Kirchenexperte der Zeitung «Il Foglio», zum Beispiel glaubt, dass die Ultraprogressiven unter den Synodenvätern in der Mehrheit seien.

Offen ist aber die Frage, ob der Dispens vom Zölibat lediglich im Einzelfall genehmigt wird oder ob am Amazonas tatsächlich eine neue reguläre Form des Priesterlebens entsteht. Beim Frauendiakonat war die Debatte kontroverser. Einige Bischöfe wünschten, darüber in einer gesonderten Synode zu reden, die Mehrheit aber brachte das Thema in den Entwurf des Abschlussdokuments.

Das ist ein Risiko: Es hadert ja durchaus eine Reihe von Bischöfen mit der Weihe verheirateter Männer zum Priester oder von Frauen zur Diakonin. Sie befürchten, dass dies der Anfang vom Ende des zölibatären, den Männern ­vorbehaltenen Priestertums ist, das für sie zur Identität der katholischen ­Kirche gehört. Konservative Kritiker der Synode werfen gerade den Deutschen vor, weniger den Regenwald als vielmehr das aufmüpfige Kirchenvolk daheim im Sinn zu haben.

Einige prominente italienische «Vaticanisti», wie man die ständigen Beobachter des Innerkirchlichen und Innerkurialen nennt, sind da dabei. Matteo Matzuzzi, der junge Kirchenexperte der Zeitung «Il Foglio», zum Beispiel glaubt, dass die Ultraprogressiven unter den Synodenvätern in der Mehrheit seien.

«Etwa 60 oder 65 Prozent von ihnen dürften für eine weitreichende reformerische Öffnung sein.» Das sei auch nicht weiter erstaunlich, wurden die Teil­nehmer mit Stimmrecht doch ausgewählt. Die alten Spannungen aber, die es seit der Familiensynode 2015 gibt, seien so virulent wie nie.

Zwischen Amazonas und Rhein

Für die Gegner des Papstes stelle die ­Synode ein Manöver der deutschen ­Bischofskonferenz dar, von Kardinal Reinhard Marx in primis. Es heisst, sie strebe in dieser regionalen Sondersynode «totale Veränderungen» für die ­gesamte Weltkirche an. Die deutsche ­Bischofskonferenz sei sehr wichtig, sehr reich und mächtig, sagt Matzuzzi. «Sie kann sich leicht Gehör verschaffen in Rom.» Darum kursiere jetzt das Bonmot, diese Synode werde an den Ufern des Rheins mehr auslösen als an jenen des Amazonas. Es sei ja auch so, dass viele hohe Prälaten, die im Amazonasgebiet tätig seien, ursprünglich aus Deutschland stammten.

Die Gefahr eines Schismas, wie es neuerdings immer wieder beschworen wird, indirekt auch vom Papst selbst, hält Matzuzzi allerdings für gering. «Die Gefolgschaft wäre nur sehr klein.» Die Gegner von Franziskus hätten wahrscheinlich eher vor, auch weiterhin ­stetig zu sticheln, um das Pontifikat zu stören, die Reformen zu behindern. Viel brauche es dafür nicht, der Reform-Elan stocke schon lange.

«Die Spaltwilligen sagen sich mittler­weile wohl, dass es gar kein Schisma braucht.» Mehr Sorgen bereite ihnen, dass Franziskus jedes Jahr viele neue Kardinäle ernenne, die alle «seinen Stempel» trügen: Die meisten kommen aus der Peripherie, aus den Missionen, sie seien für eine grössere Öffnung zur Welt. Damit, so denken sie, wolle Ber­goglio für ein Fortleben seines Vermächtnisses sorgen, wenn er einmal nicht mehr sei.

Ist alles «vorherbestimmt»?

Doch wie schwierig solche Prognosen sind, zeigten schon frühere Papstwahlen. Johannes XXIII., der als Papst des Konzils in die Geschichte eingehen sollte, wurde von Kardinälen gewählt, die in ihrer grossen Mehrheit von Pius XII. ernannt worden waren, und der war nun wirklich kein Reformer.

Die konservativen Positionen waren bei dieser Synode eine Minderheit. ­Dennoch könnten besonders strittige Passagen die nötige Zweidrittelmehrheit verfehlen. Entsprechend angespannt waren die Beratungen über den Entwurf des Abschlussdokuments, der auf ­heftige Kritik aus allen Lagern stiess.

Die einen monierten, der aus Brasilien stammende emeritierte Kurien­kardinal Claudio Hummes, ein Freund des Papstes, habe als Diskussionsleiter der Synode den Text weitgehend vorgegeben. Sandro Magister vom Nachrichtenmagazin «L’Espresso» etwa hält den Ausgang der Synode für programmiert. «Alles ist vorherbestimmt», sagt er.

Franziskus’ Alter Ego

Bei einem öffentlichen Briefing diese Woche habe das auch Kardinal Christoph Schönborn bestätigt, der war vom Papst in die Kommission berufen worden, die das Schlussdokument formulieren soll. Schönborn sagte, weder er noch andere Mitglieder der Kommission hätten am Entwurf mitgearbeitet. ­Geschrieben habe den Hummes und dessen Mitarbeiter.

«Hummes ist das Alter Ego von Franziskus in dieser Synode», sagt Magister. Im Vorfeld habe er als «Deus ex Machina» fungiert, nun, während der Synode, vereine er zwei Rollen in seiner Person: Hauptreferent und Präsident der Kommission, die das finale Papier ­verfasst. Und darum könne man davon ausgehen, dass am Ende die Priesterweihe für verheiratete Männer und eine Aufwertung der Stellung der Frauen in der Kirche in dem Dokument stehen werden. «Das war von Beginn weg das Ziel dieser Operation», sagt Magister, davon ist er überzeugt.

Doch andere fanden das Dokument an vielen Stellen zu unkonkret und überhaupt einen blutarmen Bürokratentext. Es gab zahlreiche Änderungsanträge. Eine Redaktionsgruppe versuchte dann in den letzten Stunden vor den Abstimmungen, den Wust zu einer Erklärung zu ordnen, die konservative Bischöfe nicht vor den Kopf stösst und doch die Gläubigen aller Welt inspiriert; die Hölle ins Paradies zu verwandeln, erscheint dagegen einfach. Das Schlussdokument wird dem Papst unterbreitet, und der kann damit machen, was er will. Er kann es auch ignorieren.

Eine Frage des Lebensstils

Birgit Weiler, eine Ordensfrau, die seit fast 30 Jahren im Amazonasgebiet lebt, arbeitet am Dokument mit. Wie der Text jetzt aussieht, am Tag vor der Abstimmung? Sie lächelt und schweigt. Und redet dann doch: Statt dass nur zwei- bis dreimal im Jahr ein zölibatärer Priester vorbeischaue und die Messe feiere, bräuchte es vor Ort geweihte verheiratete Frauen und Männer.

Das allein aber genüge nicht – insgesamt müsse sich das Verständnis vom Amt ändern: «Wir brauchen keinen ­Klerikalismus für alle», sagt sie, «es geht um den Dienst am Menschen.» Und um Dienst an der Umwelt: «Kippt das Ökosystem Regenwald, hat das Auswirkungen auf die ganze Welt», sagt sie. Und das Gold im Bankdepot, die Soja, die an die Rinder verfüttert werde, das alles trage zur Zerstörung des Waldes und seiner Bewohner bei. «Wir müssen unseren Lebensstil ändern», sagt sie, «auch da ist der Amazonas ein Laboratorium für die ganze Kirche.»

Erstellt: 25.10.2019, 21:37 Uhr

Artikel zum Thema

Verheiratete Priester als Notfall

Analyse Der Papst könnte die Zölibatspflicht lockern. Für die Sache der Frau wäre damit nichts gewonnen. Mehr...

Der Papst kratzt am Zölibat

Franziskus will auf der Amazonas-Synode auch über verheiratete Priester debattieren lassen. Rechte Katholiken sind in Aufruhr. Mehr...

Franziskus spielt mit dem Feuer der Reform

Analyse Die katholische Kirche will sich reformieren, der Druck der kirchlichen Basis wächst. Doch leider wird es wohl bei der Kosmetik schöner Worte bleiben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...