Im Namen der Ordnung

Ob sie «Transferzentren» oder «Ausschiffungsplattformen» heissen: Europa legt die Hemmungen ab. Wir wollen wieder Menschen in Lager stecken.

In Deutschland sollten die Grenzgefängnisse «Transferzentren» heissen. Klingt freundlich. Ein Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos in Griechenland.

In Deutschland sollten die Grenzgefängnisse «Transferzentren» heissen. Klingt freundlich. Ein Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos in Griechenland. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Lager sollen die Lösung sein. Bereits in Afrika, also vielleicht in Libyen oder Niger, sollen Migranten festgesetzt werden, bevor sie ihre gefahrvolle Reise übers Meer nach Europa antreten. So hat es die EU am Brüsseler Gipfel beschlossen. Auf jene, die es dann trotzdem in ein EU-Land schaffen, sollen ebenfalls Lager warten – Lager auf europäischem Boden. Wo, ist offen, es müssen aber geschlossene, bewachte Einrichtungen sein, denn die Insassen sollen «registriert» und Unberechtigte zurückgeschickt werden. Das geht nicht, wenn sie weglaufen.

Das Interesse am Lager erfasst auch nationale Politiker. In Deutschland will die CDU/CSU-Koalition das Niemandsland an der deutsch-österreichischen Grenze ausdehnen, sodass Flüchtlinge gestoppt und überprüft werden können, bevor sie Deutschland offiziell betreten und damit Anspruch auf ein reguläres Asylverfahren bekommen. Es wird eine «Fiktion der Nichteinreise» geschaffen, wie es in der Vereinbarung völlig korrekt heisst. Der Staat als Trickser.

Inzwischen hat Kanzlerin Angela Merkel erklärt, niemand werde länger als 48 Stunden so festgehalten, selbst im Niemandsland nicht. Und ob Österreich wirklich mitmache, sei unklar. Der Plan ist also eher eine Lagerfantasie als machbare Politik. Was ihn nur schlimmer macht.

Sag ja nicht Lager

Natürlich dürfen all diese umzäunten Migrantensammelstellen nicht Lager heissen. Das würde furchtbare Assoziationen wecken: die Konzentrationslager der Nazis, das Gulag-System der Sowjets, die Multigenerationen-Flüchtlingslager der Palästinenser, das US-Straflager Guantánamo.

Nein, in Deutschland sollten die Grenzgefängnisse erst «Transit-» und nun «Transferzentren» heissen. Klingt freundlich, effizient, praktisch, nach dem Transitbereich eines Flughafens, wo der Reisende das Flugzeug wechselt. So etwas ersinnt, wer auch die Flucht vor Krieg und Armut als «Asyltourismus» bezeichnet.

Die EU-Politik derweil ist noch unentschlossen, was ihre Lager-Terminologie angeht. Von «Schutzzentren» war zu lesen, aber auch von «Anlande- und Ausschiffungsplattformen», was nach Abenteuer und Seereise klingt.

Klingt freundlich, effizient, praktisch. Nach dem Transitbereich eines Flughafens, wo der Reisende das Flugzeug wechselt.

All das ist Sprachlack. Die Realität darunter: Europa ist sich nicht mehr zu edel, geschlossene, bewachte Lager für Menschen zu schaffen, die keine Verbrechen begangen haben. Lager sollen ein Element des Tagesgeschäfts werden, Normalfall. Möglichst an entfernten, scheusslichen Orten, notfalls daheim. Internieren, zählen, registrieren.

Die Leichtigkeit, mit der dies vorangetrieben wird, verblüfft. Nur zwei Jahre nachdem die europäische Öffentlichkeit Australien für seine brutalen, von privaten Sicherheitsfirmen betriebenen Gefangenlager auf den Pazifikinseln Nauru und Manus verurteilt hat, sind wir selber bereit, die Hemmungen abzulegen. Warum nicht den Libyer dafür bezahlen, dass er uns die Menschen abfängt und einlagert?

Problematische Menschen verwahren

In «Lager» steckt ein altes deutsches Wort für «liegen», auf dem Lager wird geruht. Heute klingt immer auch etwas Temporäres mit: Das Lager ist nur für kurze Zeit, darf darum auch etwas rustikaler sein, etwa im Klassen- oder Massenlager. Notlager werden nach Katastrophen eingerichtet, nach Überschwemmungen, Bergstürzen, Kriegen. Sie sollen Leid lindern, nicht permanent sein.

Macht sich die Politik aber ohne Katastrophe aktiv daran, Menschen in Lager zu internieren, so geht es ihr um anderes. Um Kontrolle, Ordnung, Umerziehung, Herrschaft. Mit Lagern operierten die Kolonialmächte, von den Stacheldrahtcamps der Briten in Kenia zu den Herero-Lagern in Deutsch-Südwestafrika. In Lager sperrten die USA im Zweiten Weltkrieg Amerikaner japanischer Herkunft. Diesen Lagerherren lag nicht die Unterbringung am Herzen, sondern das Verwahren und Verwalten von in ihren Augen problematischen Menschen.

«Lager sind Orte extremer Gewalt und kühler Verwaltung.»

In solchen Lagern gingen und gehen extreme Gewalt und die Entmenschlichung der Insassen zusammen mit kühlem Management. Der Betrieb eines Lagers erfordert Organisation, Distanztechnologie hilft dem Personal beim Ausführen von Grausamkeiten, macht bisher gewöhnliche Menschen zu Tätern. In seinem Aufsatz «Das Jahrhundert der Lager?» hat der verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman das Lager deshalb als ein Symptom der Moderne bezeichnet. Für ihn ist gerade das Zusammenspiel von Ausgrenzungsbrutalität und gärtnerhafter Ordnungseffizienz kennzeichnend für unsere Zeit.

Dass Bauman die Konzentrationslager der Nazis für seine These zu einem «Destillat» einer grösseren, modernen Problematik macht, hat ihm zu Recht Kritik eingetragen. Er ignoriert die Singularität des Holocausts. Anders als Kolonialcamps waren die KZs ja Vernichtungslager, in denen es um die Zurichtung von Gruppen oder Umerziehung gar nicht mehr ging, ja nicht einmal um Abschreckung. Sondern um «Gewalt um ihrer selbst willen», wie der Soziologe Wolfgang Sofsky schreibt. Um Reinheitswahn und die Tilgung unerwünschter Menschen.

Der Schrecken wird normal

Von solchem Irrsinn wähnt sich Europa heute beruhigend weit weg. «Nie wieder Lager in Deutschland» sei eine lächerliche Parole, finden deutsche Regierungspolitiker, weil sie Bilder beschwöre, die mit der Gegenwart nichts zu tun hätten. Bei den diversen Migrantenlagern in Europa und ausserhalb gehe es ja sicher nicht um Auslöschung, sondern «nur» um Zutrittskontrolle und Abschreckung. Letztere ist explizit gewollt, die Kunde von Horrorlagern statt EU-Paradies soll sich verbreiten in der Welt.

Doch es gibt keinen Grund für Gelassenheit. Zygmunt Bauman ging es in seiner Analyse um den dünnen Anstrich der Zivilisation über der Barbarei. Für ihn war die Lehre der Lager des 20. Jahrhunderts: «Es gibt keine geordnete Gesellschaft ohne Angst und Erniedrigung.» Auch in scheinbar demokratischen Gesellschaften kann totalitäres Denken neu gedeihen.

Die Normalisierung von Lagerhaft in Europa – genau wie Migrantenkindercamps in den USA, die der irische Autor Fintan O’Toole einen «Markttest für die Barbarei» nennt – ist ein Indiz dafür, dass der Zivilisationsanstrich dünner wird. Man kann sich nicht genug dagegen wehren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2018, 20:13 Uhr

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