Im Stich gelassen

Mit 14 Jahren wurde Sammy Woodhouse vergewaltigt. Heute kämpft sie dagegen, dass der Vergewaltiger ins Leben des Sohnes eingebunden wird.

Setzt sich für Opfer von Grooming Gangs ein: Sammy Woodhouse. Foto: Dave Higgens/Picture Alliance

Setzt sich für Opfer von Grooming Gangs ein: Sammy Woodhouse. Foto: Dave Higgens/Picture Alliance

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sammy Woodhouse stand mit ihrer Anwältin im Familiengericht von Rotherham und war sich sicher, dass alles gutgehen würde. Im Rahmen des Möglichen, zumindest. Ihr 17-jähriger Sohn ist ein schwieriges, ein traumatisiertes Kind, er habe «komplexe Bedürfnisse», sagt Sammy Woodhouse.

Sie kam schon lange nicht mehr klar mit ihm, hatte selbst eine Depression gehabt, war suizidal gewesen, sie konnte ihrem Sohn nicht die nötige Unterstützung geben. Also hatte sie beim Jugendamt darum gebeten, dass der Teenager von Fachleuten betreut wird und Erziehungshilfe erhält.

Aber an diesem Tag lief nichts so, wie es sollte. Man habe den Vater des Sohnes informiert, hiess es, dass ein Pflegeverfahren eingeleitet worden sei und er einen Antrag stellen könne, den Sohn zu sehen. Woodhouse brach zusammen.

Dieser Vater? Dessen Name nicht in der Geburtsurkunde auftaucht? Und in keiner Akte? Würde er im Gericht erscheinen, würde sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen müssen?

Man habe so vorgehen müssen, sagte die Frau vom Jugendamt trocken, das schreibe das Gesetz vor.

Die Männer gehen immer nach dem gleichen Muster vor. Die Opfer sind immer Teenager.

Der Vater, Arshid Hussain, Spitzname «Mad Ash», ist ein Vergewaltiger. Er war Chef einer sogenannten Grooming Gang in Rotherham, die vorwiegend aus pakistanischstämmigen Männern bestand, sich mit weissen Mädchen anfreundete, sie beschenkte, ihren Familien entfremdete, dann zum Sex zwang, teils an Freunde zum Sex weiterreichte, teils zu Zwangsprostituierten machte, sie auf Raubzüge schickte.

Hussain ist 2016 zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden; Sammy hatte er gefügig gemacht, als sie 14 war. Er zeugte auch ihren älteren Sohn, dessen Namen die Mutter zu seinem Schutz geheim hält. Sie war 15, als er zur Welt kam.

Jahrelang hatten Behörden, Polizei, Gerichte weggeschaut, hatten Berichte von Sozialarbeitern, Hilferufe der Mädchen und ihrer Familien ignoriert. Die jungen Frauen galten als Schlampen, die Behörden wollten sich keinen Rassismus vorwerfen lassen, wenn sie im Milieu pakistanischer Einwanderer durchgreifen. Erst Recherchen der «Times» brachten die Verfahren ins Rollen. Viel zu spät.

Grooming Gangs wurden seither im ganzen Land ausgehoben, alle paar Wochen gibt es Berichte über neue Prozesse, neue Urteile. Als die Labour-Abgeordnete von Rotherham sagte, das Land habe ein Problem mit britisch-pakistanischen Männern, die weisse Mädchen vergewaltigten, brauchte sie Polizeischutz.

Mittlerweile immerhin hat der – pakistanischstämmige – Innenminister eine Untersuchung angekündigt, um dem Problem auf den Grund zu gehen. Denn die Männer gehen immer nach dem gleichen Muster vor. Die Opfer sind immer Teenager. Opfer sind, mittelbar, auch die Kinder, die ihre Serienvergewaltiger zeugen.

«Als Vergewaltigungsopfer wird mir immer wieder gesagt, der Vater habe eben auch Rechte.»Sammy Woodhouse, Vergewaltigungsopfer

Sammy Woodhouse wollte nicht, dass ihr Sohn Mad Ash jemals wiedersieht. Er habe ihn gequält, ihm «Unaussprechliches angetan», sagte sie. Und auch ihr Sohn wollte Mad Ash niemals wiedersehen. Bis das Jugendamt den Mann im Gefängnis anschrieb. «Hätte er Hafturlaub bekommen, wäre er im Familiengericht aufgetaucht», sagt die mittlerweile 32-Jährige.

Hussain reagierte nicht auf die Anfrage der Behörde. Sammy war dennoch wütend, verzweifelt. «Als Vergewaltigungsopfer wird mir immer wieder gesagt, der Vater habe eben auch Rechte. Was ist mit dem Recht meines Sohns auf seelische Unversehrtheit? Was ist mit meinem Recht darauf, nicht retraumatisiert zu werden?»

«Sammy's Law»

Woodhouse hatte sich vor anderthalb Jahren entschieden, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, um den Opfern der Grooming Gangs ein Gesicht zu geben. Sie hat ein Buch geschrieben, ist zur politischen Aktivistin geworden. Sie hat für «Sammy's Law» gekämpft, mit dem die Strafakten der jungen Frauen, die von den Gangs ausgebeutet und zur Kriminalität gezwungen werden, gelöscht werden.

Beschlossen ist es bis heute nicht. Sie hat sich dafür eingesetzt, dass die Opfer, die bei einer staatlichen Kommission Anträge auf Entschädigung wegen der verschleppten Ermittlungen und ihrer langen Leiden gestellt hatten, nicht mit der Begründung abgewiesen wurden, der sexuelle Kontakt sei möglicherweise «konsensual» gewesen. Immer noch werden regelmässig Anträge abgewiesen.

Nun setzt sie sich dafür ein, dass ein Serienvergewaltiger wie Mad Ash nicht automatisch von den Behörden eingebunden wird, wenn ihr Sohn und sie versuchen, die brüchigen Stücke ihres Lebens neu zusammenzusetzen. Das Jugendamt von Rotherham betont, das hätte natürlich nicht bedeutet, dass Arshid Hussain etwa das Sorgerecht bekommen hätte. Und man hätte nicht im Traum daran gedacht, den jungen Mann zu Besuchen im Gefängnis bei seinem Erzeuger zu zwingen. Aber der leibliche Vater habe nun mal das Recht, über ein Pflegeverfahren informiert zu werden.

Ein langer Weg

Woodhouse und ihre Anwältin verweisen allerdings darauf, dass die Ämter hier einen Ermessensspielraum haben. Sie hätten das Gericht über die besondere Lage informieren können. Sie will, dass das Gesetz grundlegend geändert wird. «Überall im Land werden Frauen von Gerichten in Sorgerechtsverfahren gezwungen, ihren Vergewaltigern gegenüberzutreten. Das ist grausam. Das muss ein Ende haben.»

Mitte Dezember hatte Woodhouse eine Einladung ins Justizministerium in London. Vor dem Termin war sie im Unterhaus. Als sie auf der Tribüne sass, stellte der Parlamentssprecher, John Bercow, sie vor und nannte sie eine «aussergewöhnliche, mutige Frau», die nicht nur für ihre eigenen Rechte, sondern für Rechte aller Frauen kämpfe, die erlitten hätten, was sie erlitt. Die Premierministerin schloss sich an. Woodhouse sei ein Vorbild, sagte Theresa May, und sie hoffe, dass jetzt das Nötige getan werde, um Vergewaltigungsopfer zu stützen.

Sammy Woodhouse hofft erst einmal nur, dass sich der Justizminister hinter ihr aktuelles Anliegen stellt. Sie ist erst am Anfang ihres Weges.

Erstellt: 04.01.2019, 20:59 Uhr

Artikel zum Thema

«Sex ohne Zustimmung ist Vergewaltigung, Punkt»

Frauen sind nicht genügend vor Vergewaltigung geschützt. Dies stellt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in ihrer neuen Studie fest. Mehr...

Ein gefährlicher Satz

Kommentar Zum Schutz vor Vergewaltigung rät ein Polizeipräsident: «Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen». Das verkennt und verharmlost die Realität. Mehr...

Islamforscher gibt sexuelle Beziehungen mit Klägerinnen zu

Zwei Frauen beschuldigen den Schweizer Tariq Ramadan der Vergewaltigung. SMS-Nachrichten sollen den 56-Jährigen entlasten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Hoher Blutdruck: Senken Sie das Risiko

Ein zu hoher Blutdruck kann gefährlich werden. Vor allem, wenn er lange nicht erkannt wird. Die jährliche Blutdruckmessung in der Rotpunkt Apotheke hilft mit, die Risiken zu senken.

Blogs

History Reloaded Die erste Frau im britischen Parlament

Mamablog Wem nützen Hausaufgaben eigentlich?

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...