Von hier kommt Europas Kokain

Die Mafia verdient im Balkan Milliarden. Experten zeigen nun, wo sich die verschiedenen Clans bekriegen.

In der Hafenstadt Durres fand die Polizei im vergangenen Jahr 613 Kilogramm Kokain. Die Drogen waren versteckt in Bananencontainern aus Kolumbien. Foto: Christian Charisius (Keystone)

In der Hafenstadt Durres fand die Polizei im vergangenen Jahr 613 Kilogramm Kokain. Die Drogen waren versteckt in Bananencontainern aus Kolumbien. Foto: Christian Charisius (Keystone)

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Drei Gespenster gehen um auf dem Balkan. Sie heissen: organisierte Kriminalität, Korruption und schlechte Regierungsführung. Und sie sind die Hauptursache vieler Übel, welche die Region lähmen und der Bevölkerung zunehmend zusetzen. Wie die Lage konkret aussieht, zeigt nun die Global Initiative Against Transnational Organized Crime (Gitoc) in einem ausführlichen Bericht.

Das in Genf ansässige Netzwerk wird von der Schweiz, Norwegen und Grossbritannien massgeblich unterstützt mit dem Ziel, globale Lösungen für das Problem der grenzüberschreitenden Kriminalität zu finden. Ein Team von 20 Experten hat über 350 Interviews mit Polizisten, Staatsanwälten, Richtern, investigativen Journalisten und Politikern des Balkans geführt, vor Ort recherchiert, Statistiken ausgewertet und Medienberichte analysiert.

Entstanden ist eine geografische Darstellung des organisierten Verbrechens und der Schattenwirtschaft, die erklärt, warum seit Ende 2018 vor allem in Serbien, in Montenegro und in Albanien die Bürger auf die Strasse gehen. Die Wut richtet sich gegen die autoritären und mutmasslich korrupten Staatsführer. Laut der Studie werden in den meisten Balkanstaaten die Freiheitsrechte der Bürger seit Jahren eingeschränkt, die Bestechung grassiert, die EU-Integration ist zum Erliegen gekommen. Im Folgenden eine Übersicht der Hotspots, die von Clans und Kartellen dominiert werden und eine Bedrohung nicht nur für die Region, sondern auch für Westeuropa sind.

Montenegro: Drogenbandenkämpfen um die Häfen

Seit 2014 tobt ein blutiger Konflikt zwischen zwei montenegrinischen Banden, die mit Drogen handeln. Damals soll eine Gruppe der anderen 200 Kilogramm Kokain gestohlen haben, das in einer Wohnung im spanischen Valencia gebunkert war. Der Skaljari- und der Kavac-Clan kämpfen vor allem um die Kontrolle der wichtigsten Häfen von Montenegro, die als Umschlagplätze für Kokain aus Lateinamerika gelten.

Das Rauschgift wird meist in Schiffscontainern versteckt, die offiziell Bananen transportieren. 2014 beschlagnahmte die Polizei in der Hafenstadt Bar 250 Kilogramm Kokain zwischen Bananenkisten aus Ecuador, eine kleinere Menge wurde im vergangenen Jahr entdeckt. Wöchentlich erreichen etwa 50 Container mit Bananen die montenegrinische Küste. Bar ist bekannt auch für den Zigarettenschmuggel. 2018 wurden dort 43 Millionen Stück konfisziert. Die Banden geniessen oft die Unterstützung der Zöllner und Grenzpolizisten. Zu bestimmten Tageszeiten schauen die Beamten weg, und die Schmuggler können mit ihrer Ware durchfahren. Im Jargon der Mafia heissen diese Stunden «happy hours».

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Die Auseinandersetzungen werden inzwischen auch ausserhalb des Landes ausgetragen. Die meisten der 52 Mordfälle, die sich seit 2012 in der serbischen Hauptstadt Belgrad ereignet haben, sollen im Zusammenhang mit dem Drogenkrieg zwischen der Skaljari- und der Kavac-Bande stehen, die ihren Hauptsitz in der montenegrinischen Küstenstadt Kotor haben. Dort sollen die Verbrecher Kameras installiert haben, um die Polizei zu überwachen.

Der Mafiakrieg reicht längst bis nach Westeuropa. Mitte Mai wurden im norddeutschen Bundesland Brandenburg zwei Männer tot aufgefunden. Ende Dezember erschoss ein Unbekannter vor einem Wiener Innenstadtlokal einen montenegrinischen Mafioso, ein anderer erlitt schwere Verletzungen. Die Spur dieser Gewaltverbrechen führt laut Ermittlern nach Montenegro. Dort, in der alten Königsstadt Cetinje, ging am Dienstag der Krieg weiter: Im Garten eines Restaurants wurde ein 37-jähriger Mann erschossen, er soll Mitglied des Skaljari-Clans gewesen sein.

In Cetinje forderte der Clan-Krieg ein Todesopfer. Die Stadt gilt auch als Hochburg der Diebesbande Pink Panther. Foto: Keystone

Erst im vergangenen Dezember verurteilte ein Gericht in Belgrad den Drogenkönig Dusko Saric zu 15 Jahren Haft. Er soll 5,5 Tonnen Kokain aus Lateinamerika nach Europa geschmuggelt haben. Saric soll umgerechnet bis zu 3 Milliarden Franken in der Region investiert haben. Das Geld wusch er offenbar über eine Bank, die dem Bruder des montenegrinischen Langzeitherrschers Milo Djukanovic gehört. Auch der derzeitige serbische Aussenminister Ivica Dacic wird verdächtigt, Kontakte mit der Saric-Bande gepflegt zu haben.

Kosovo: Serbische Unterweltkönige terrorisieren den Norden

Mitte Januar 2018 erschossen bisher unbekannte Täter den Politiker Oliver Ivanovic vor dem Büro seiner Partei in der zwischen Serben und Albanern geteilten Stadt Mitrovica im Norden Kosovos. Ivanovic lehnte eine Teilung Kosovos ab, und er beklagte sich über die Herrschaft der serbischen Mafia.

Seit dem Ende des Krieges vor 20 Jahren ist es weder der Regierung in Pristina noch der internationalen Gemeinschaft gelungen, für Recht und Ordnung im Norden des Landes zu sorgen. Kriminelle Gruppen, die von Belgrad kontrolliert werden, verhindern jeden Fortschritt. Das Ziel ist klar: ein Anschluss des nördlichen Zipfels an Serbien.

Nach Angaben der Global Initiative blüht in Mitrovica der illegale Handel mit Treibstoffen, Autos, Zigaretten, Lebensmitteln und Baumaterial. Westliche Geheimdienste bezeichnen Zvonko Veselinovic und Milan Radoicic als Unterweltkönige Nordkosovos. Beide sollen hinter dem Mord am moderaten Politiker Oliver Ivanovic stecken – und beide sind unterdessen nach Serbien abgehauen, wo sie von Staatschef Aleksandar Vucic in Schutz genommen werden. Serbische Schmuggler haben keine Berührungsängste mit ihren kosovo-albanischen Partnern. Und so kann es geschehen, dass die Lastwagen eines serbischen «Bauunternehmers» zuerst für die Blockade der Brücken über den Fluss Ibar in Mitrovica eingesetzt werden, danach transportieren sie aber im Auftrag der kosovarischen Behörden Felsbrocken zum Bau der Autobahn, die Kosovo mit Albanien verbindet.

Albanien: Kokain und Marihuana für ganz Europa

Neben Montenegro gilt Albanien zunehmend als Einfallstor für Kokain aus Südamerika. Die Ware wird dann in mittelgrossen Mengen nach Westeuropa gebracht und im Kleinhandel verkauft. In der Hafenstadt Durrës fand die Polizei im vergangenen Jahr 613 Kilogramm Kokain – auch dort kam die Droge mit Bananencontainern aus Kolumbien. Unter dem aktuellen sozialistischen Regierungschef Edi Rama stieg das kleine Balkanland zum vermutlich grössten Marihuana-Lieferanten Europas auf.

Als die Regierung in der albanischen Stadt Lazarat 2014 gegen Marihuana-Bauern vorgehen wollte, stiessen sie auf erbitterten Widerstand: Die Gefechte dauerten fünf Tage. Foto: Keystone

Das Gras wird mit Schnellbooten an die italienische Küste gebracht, manche Drogenbarone verwendeten auch Kleinflugzeuge. Erst kürzlich stellte sich der Dealer Klement Balili den Behörden. Er erhielt im Eilverfahren zehn Jahre Haft. Der Cannabisanbau ist zuletzt erheblich zurückgegangen, weil das Land Beitrittsgespräche mit der EU aufnehmen will. Doch innenpolitisch droht Albanien im Chaos zu versinken. Die Opposition boykottiert das Parlament und wirft Rama vor, die Wahlen mithilfe der Drogenmafia manipuliert zu haben. Das sollen Abhörprotokolle der Ermittler beweisen.

Bosnien: Autodiebe ermorden Polizisten

Im vergangenen Herbst eröffneten Autodiebe das Feuer auf zwei Polizisten in Sarajevo. Einer starb auf der Stelle, der andere im Spital. Zuvor waren zwei Beamte während eines Einsatzes gegen Autodiebe verletzt worden. Dem Bericht von Global Initiative zufolge wurde 2017 in Sarajevo fast täglich ein Fahrzeug geklaut. Die multiethnische Mafia soll in den letzten Jahren etwa 56 Millionen Franken am Autodiebstahl verdient haben. Bei der Bekämpfung der Gangster arbeiten die Behörden der bosnisch-serbischen Teilrepublik und der bosnisch-kroatischen Föderation kaum zusammen. Ein Aktivist der Zivilgesellschaft in der nordbosnischen Stadt Tuzla sagte, keine der Banden sei so gefährlich wie die Politiker, die das Land «systematisch ausplündern». Diese Plage teilt Bosnien-Herzegowina aber mit allen Staaten der Region.

Das Grundproblem: Kriminelle und Politiker unter einer Decke

Die Autoren der Studie beklagen eine symbiotische Beziehung zwischen den politischen Eliten und dem organisierten Verbrechen auf dem ganzen Balkan. Das geht so: Kriminelle stellen den Parteien ihr Geld und Gewaltpotenzial zur Verfügung, um Stimmen zu kaufen oder die Bürger zu überzeugen, bestimmte Kandidaten zu unterstützen. Nach der Machtergreifung sorgt die neue Regierung dafür, dass die Gauner ungehindert ihre illegalen Aktivitäten fortsetzen können. Polizei, Justiz und Geheimdienste bleiben meist untätig.

Es ist ein perverser Gesellschaftsvertrag, der einen demokratischen Machtwechsel oft unmöglich macht. Wer sich gegen das weitverzweigte Klientelsystem auflehnt, muss um seinen Job fürchten. Ein Richter in Kosovo entschuldigte sich bei einem Politiker, nachdem er ihn wegen Amtsmissbrauchs verurteilt hatte. Die EU-Kommission schreibt in einem Bericht, man sehe auf dem Balkan klare Anzeichen, dass die organisierte Kriminalität ganze Staaten «gekapert» habe. Nach Angaben der UNO verdienen allein die Drogenhändler in Südosteuropa jährlich umgerechnet etwa 1,7 Milliarden Franken. Das Problem dürfe von der EU und den USA nicht ignoriert werden, heisst es in der Studie der Global Initiative Against Transnational Organized Crime. Auf dem Balkan sind demnach oberflächlich stabile Autokratien entstanden, die auf Dauer eine Gefahr darstellen – nicht nur für die dortigen Völker.

Erstellt: 13.06.2019, 21:30 Uhr

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