In der Hauptstadt der Plünderer

Kaum irgendwo ist so viel Schwarzgeld versammelt wie in London. Auf einer Stadtrundfahrt zeigt ein Russe die unzähligen Villen der Kleptokraten.

Nur die Wolkenkratzer ragen aus der Londoner Nebeldecke, unter die unzählige Steuerhinterzieher und Geldwäscher geschlüpft sind. Foto: Metropolitan Police, EPA, Keystone

Nur die Wolkenkratzer ragen aus der Londoner Nebeldecke, unter die unzählige Steuerhinterzieher und Geldwäscher geschlüpft sind. Foto: Metropolitan Police, EPA, Keystone

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Für den Anführer einer Protestbewegung ist er bemerkens­wert gelassen. Während er es mit den Reichsten der Welt aufnimmt, strahlt Roman Borisowitsch, ein stämmiger Mann Mitte 40, Ruhe aus. Das mag auch an seiner Körperfülle liegen – das blau karierte Hemd spannt eng am Bauch, das Gesicht ist verquollen –, aber vor allem daran, dass er sich gar nicht erst bemüht, etwas zu beweisen. Im Kampf gegen internationale Geldwäsche schwingt Borisowitsch keine grossen Reden. Er beschimpft niemanden und moralisiert nicht. Das hat er nicht nötig. Er gibt nur Fakten wieder und seine darüber hinausgehende Botschaft reduziert sich auf ein einziges, vier Buchstaben langes Wort. Es ist brandgefährlich. «Doch.»

Das ist die ruhige Replik des Russen auf die Behauptung der britischen Regierung, in Grossbritannien sei kein Platz für schmutziges Geld. Um sie zu untermauern, organisiert er die subversivsten Stadtrundfahrten der Welt. «Kleptocracy Tours» nennt er die dreistündigen Ausflüge durch die schicksten Stadtteile Londons: Rundreisen durch die Herrschaft der Plünderer. Er variiert gern und zeigt immer neue Sehenswürdigkeiten. Mal legt er den Schwerpunkt auf Russland, mal auf andere ehemalige Sowjetrepubliken, mal auf Afrika, mal auf den Mittleren Osten.

Die Villen der «Gangster»

Strassenzug für Strassenzug lässt er den Reisebus abfahren und erklärt dabei mit der Geduld eines detailversessenen Stadtführers, welche Villa mit welchen Annehmlichkeiten für wie viele Millionen von welchem Gangster wann erworben wurde.

Über das zornige Hupen schwarzer Limousinen hinweg, die hinter dem langsamen und für die hübschen Gässchen viel zu breiten Bus stecken bleiben, hört sich das dann so an: «Hier sehen wir das Marriott Hotel auf der Park Lane, das Juwel im Port­folio des Königs von Bahrain. Wie jeder weiss, der gern Monopoly spielt, ist Park Lane die beste Adresse. Der König hat es für 100 Millionen Pfund über mehrere Strohfirmen in Guernsey und Jersey gekauft. Ala’a Shehabi wird Ihnen jetzt erklären, wie die Königs­familie die 900 Millionen Pfund, die sie in London angelegt hat, stehlen konnte.»

Früher verwaltete er das Geld der Reichen, heute bekämpft er die Korruption: Roman Borisowitsch auf einer seiner Bustouren. Foto: «Tribune de Genève»

Dann übernimmt der Gründer der Nichtregierungsorganisation Bahrain Watch das Mikrofon und erklärt so lang die jüngsten bahrainischen Landreformen, bis Borisowitsch die nächste Villa entdeckt: «Rechts kommt Nummer 88. Fünf Etagen, acht Badezimmer, Swimmingpool, Kino, Personalwohnungen, ausgebauter Keller. Das Haus soll dem Sohn des ehemaligen russischen Eisenbahnchefs gehören, Wladimir Jakunin.»

Keine Industrie, dafür viele Banken

Vor dem Hintergrund des internationalen Anti­korruptions­gipfels, der am letzten Donnerstag in London stattfand, werfen Borisowitschs Rundfahrten das denkbar schlechteste Bild auf die britische Hauptstadt. In Vorbereitung auf den Gipfel hat David Cameron, der britische Premierminister, sich zusehends verzweifelt gegen den wachsenden Verdacht wehren müssen, dass Grossbritannien sich zur zentralen Drehscheibe des internationalen Geldwäschegeschäfts entwickelt hat.

Diesen Schluss legten zuletzt die Panama Papers nahe, die veröffentlichten internen Dokumente der panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca, in denen Camerons eigener Vater der aggressiven Steuervermeidung überführt wurde. Wie Ian Camerons Briefkastenfirma ist rund die Hälfte der in den Panama Papers genannten Scheinfirmen in britischen Überseegebieten registriert. Die britischen Jungferninseln in der Karibik und die Kanalinseln leben davon, bei Steuer­hinter­ziehung, Steuervermeidung und Geldwäsche be­hilflich zu sein.

Die Dienstleistung gipfelt häufig darin, das steuerfreie Geld über anonyme Stiftungen im Mutter­land anzulegen, meistens in Immobilien, meistens in London. Mittlerweile besitzen ausländische Strohfirmen ein Portfolio im Wert von 122 Milliarden Pfund in England und Wales. Allein in London gehören anonymen, in Übersee registrierten Firmen mehr als 36'000 Liegenschaften. Als Cameron den Antikorruptionsgipfel vor zwei Jahren ausrief, galt Schwarzgeld noch als Problem korrupter Entwicklungsländer. Doch spätestens seit den Panama Papers hat sich diese Sichtweise geändert. Schemenhaft beginnt die Öffentlichkeit das globale Dienstleistungssystem zu begreifen, das den Reichsten der Reichen erlaubt, ihr Geld vor staatlichen Behörden zu verstecken.

Angesichts der Sehenswürdigkeiten mit ihren abstossenden Vorgeschichten herrscht im Reisebus eine merkwürdige Mischung aus Galgenhumor, ­verschwörerischer Kameraderie und Niedergeschlagenheit. Auch drei Mitglieder des Oberhauses haben Borisowitschs Einladung angenommen. «Warum wir Briten willfährige Komplizen der Plünderer sind?», fragt der Liberaldemokrat William Wallace und lächelt traurig. «Weil es zur kolonialen Vergangenheit passt. Sehen Sie sich doch unsere Geschichte an. Bis heute gehört England jenen ­alten Familien, die mit Sklaven und Zucker reich ­geworden sind.»

«Darüber hat man nicht gesprochen»

Vor einigen Jahren hatte er die Beihilfe zur Steuerhinterziehung auf den Kanalinseln zum Thema machen wollen. Dafür erntete er Schmähartikel in den Lokalzeitungen der Insel und in London nur eisiges Schweigen. Jeffrey William Rooker von der Labour-Partei neben ihm nickt. «Bis vor kurzem hat man über so was in höflicher Gesellschaft nicht gesprochen.» Er denkt kurz nach: «Ausserdem haben wir ja kaum noch Industrie hier. Wenn man von Finanzdienstleistungen lebt, fragt man besser nicht zu genau nach, woher das Geld kommt.»

Borisowitsch lässt den Fahrer anhalten. Die Busladung steigt aus. Ausnahmsweise sind die An­wohner der lieblichen, nach Flieder duftenden, von blühenden Kirschbäumen gesäumten, mit Porsche und Range-Rover zugeparkten Sackgasse Westover Hill in Hampstead nicht zu beneiden. Knapp 30 Neugierige machen Fotos vor ihren Villen, starren in ihre Sicherheitskameras, bleiben argwöhnisch und mit gezückten Notizblöcken vor dem letzten Haus stehen.Hausnummer 7 hat Borisowitsch heute «auf besonderen Wunsch» in die Tour aufgenommen. Dafür musste eine Villa der libyschen Ghadhafi-Familie aus dem Programm fallen. Zum protzigen Palast der korrupten kasachischen Diktatorenfamilie ­Nasarbajew, zur sogenannten Toprak Mansion, wird es der Bus auf dieser Runde auch nicht schaffen, ebenso wie zu den Liegenschaften von Nasarbajews Schwiegersohn auf der Baker Street, Rachat Alijew, der im vergangenen Jahr tot in seiner Gefängniszelle in Österreich aufgefunden wurde. Auch Witanhurst, das grösste Wohnhaus nach ­Buckingham Palace, kann Borisowitsch nur er­wähnen. Es ist mehr als 300 Millionen Pfund wert und gehört über ein kompliziertes Firmengeflecht dem Ex-Geschäftspartner von Oligarch und Putin-Gegner Michail Chodorkowski. Die Auswahl an Gangsterpalästen ist in London einfach zu gross – Borisowitsch kann nie alles zeigen.

Mit dem Erlös aus dem Verkauf eines Hauses könnten 230'000 Kinder in Nigeria gegen sieben tödliche Krankheiten geimpft werden.

Dafür heute die Adresse Westover Hill 7: Die Villa mit sieben Schlafzimmern gehörte bis Januar dieses Jahres über Scheinfirmen dem ehemaligen, mittlerweile inhaftierten nigerianischen Gouverneur James Ibori. Eine junge Aktivistin von One, der von Bono gegründeten Nichtregierungsorganisation, erzählt, dass mit dem Erlös aus dem Verkauf des Hauses 230'000 Kinder in Nigeria gegen sieben tödliche Krankheiten geimpft werden könnten. Die Entwicklungsgelder, die vom Norden in den Süden fliessen würden, sagt sie, betrügen nur einen Bruchteil dessen, was an gestohlenem Geld aus dem Süden im Norden angelegt werde.

Borisowitsch hört ihr mit zufriedenem Gesichtsausdruck zu. Für ihn schliesst sich mit den Kleptocracy-Touren ein Kreis. Dass er in seinem früheren Leben Banker war, sieht man seinem gut geschnittenen Jackett und den braunen Wildlederschuhen bis heute an. Er arbeitete jahrelang in New York und London, bis er zurück nach Moskau ging und dort mit dem Rechtsanwalt und mehrmals verurteilten Oppositionellen Alexei Nawalny Bekanntschaft schloss. Sechs Monate nachdem er sich dessen Nichtregierungsorganisation Fond zur Bekämpfung der Korruption angeschlossen hatte, wurde er des Landes verwiesen.

Makler versprechen Diskretion

Im Londoner Exil gründete er so etwas wie das britische Pendant, die logische Ergänzung zu Nawalnys Organisation: Während er sich als Korruptionsbekämpfer in Russland damit beschäftigt hatte, wer wo und wie viel Geld stiehlt, versucht er in London herauszufinden, was mit dem illegalen Ver­mögen passiert. Seine hiesige Organisation trägt den zungenbrecherischen Namen «Komitee zur Gesetzgebung gegen Geldwäsche durch Immobilien von Kleptokraten», kurz ClampK.

In Grossbritannien bekannt wurde Borisowitsch mit einem 45 Minuten langen Dokumentarfilm, in dem er fünf Londoner Immobilienmakler auf spektakuläre Weise blossstellte. Er spielte einen Interessenten für Luxusimmobilien in Chelsea, Kensington und Notting Hill, die er für seine Geliebte kaufen wollte. Als «Boris» und «Nastja» gaben er und eine ukrainische Journalistin vor versteckten Kameras eine Art Slapstickvorstellung, sie bedienten alle gängigen Klischees über zwielichtige Russen. Sie trug ultrakurze Miniröcke und viel zu viel Schminke und stiess euphorische Jauchzer aus, wenn die Makler ihnen Badelandschaft oder Ankleide­zimmer zeigten.

Bis zur moralischen Erschöpfung

«Boris» zog die Makler dann zur Seite und erklärte ihnen, dass er russischer Minister sei – mit geringem Gehalt, aber zuständig für den Einkauf von Medi­kamenten. Er gab ihnen klar zu verstehen, dass er die Wohnung mit illegalem Geld kaufen wollte und deshalb nirgendwo als Eigentümer genannt werden dürfte. Alle fünf Makler – denen jeweils fünf- bis sechsstellige Provisionen winkten – versprachen absolute Diskretion und verwiesen ihn an Kanzleien, die die nötigen Formalien problemlos erledigen würden.

Dem Film folgte ein nationaler Aufschrei. David Cameron versprach wenige Monate später, dass Immobilienbesitzer ihre Identität in Zukunft in einem öffentlichen Register offenbaren müssen. Kriminelle wie «Boris» sollen sich nicht länger hinter anonymen Scheinfirmen verstecken können. Auch am Antikorrupitonsgipfel bekräftige Cameron, dass er den anonymen Immobilienbesitz in Grossbritannien verbieten werde. Bei der Ankündigung des Gesetz­entwurfs sagte Cameron: «London ist nicht der Ort, um schmutziges Geld zu lagern.»

Roman Borisowitsch zitiert diesen Spruch am Ende jeder Stadtrundfahrt. Dann legt er eine Kunstpause ein, guckt in seine moralisch erschöpfte Reisegruppe und sagt mit ruhiger Gewissheit: «Doch.»

Erstellt: 16.05.2016, 21:49 Uhr

In Zusammenarbeit mit Lena, der Allianz führender europäischer Tageszeitungen.
© «Die Welt»

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