Das erstaunlichste Städteprojekt Italiens

Die Camorra beherrscht Neapels Quartieri Spagnoli. Jetzt wagt eine Stiftung eine soziale Revolte – mit Kultur und Gratis-Bildung.

Mitten in Neapel herrschen Armut, Vernachlässigung und Camorra.  Die Gegend gilt als Unort, den man meidet. Das soll sich ändern. Foto: Peter Eastland (Alamy Stock Photo)

Mitten in Neapel herrschen Armut, Vernachlässigung und Camorra. Die Gegend gilt als Unort, den man meidet. Das soll sich ändern. Foto: Peter Eastland (Alamy Stock Photo)

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Dieses Grün. Da oben, am Ende der Via Portacarrese a Montecalvario, Nummer 69, hängt eine Tafel, die ist so grell grün, so strahlend hell, dass man sie von ganz unten schon sieht. Sie haben sie an die Fassade des alten Klosters montiert. Schmal und rechteckig, vier Meter lang, hochkantig. Die Tafel sticht heraus. Aus der Wäsche, die an Leinen über der steilen Strasse hängt, Hemden, Hosen, Röcke, Leintücher, auch Unterhosen, rote, schwarze, weisse vor allem. Aus diesem Gewusel von Kabeln, Fähnchen und Heiligenschreinen. Aus dem lauten, komplizierten Leben. Es ist neun Uhr früh, aus allen Gassen dröhnt Motorengeheul.

Das Grün passt nicht zu Neapel, es kommt aus einem anderen Malkasten. Foqus steht auf der Tafel, und das ist kein Schreibfehler. Es steht für Fondazione Quartieri Spagnoli, eine Stiftung im gleichnamigen Viertel der Stadt. Ein Bekenntnis, ein Ausrufezeichen. «Das grosse Tor des Klosters war früher grau», sagt Renato Quaglia. «Grau wie das Tor von Poggioreale, dem Gefängnis. Furchtbar.»

Auch Quaglias Stimmton passt nicht nach Neapel. Er kommt aus Udine, dem äussersten Nordosten Italiens. Dort singen sie nicht beim Reden, werden auch selten laut, dort verschlucken sie keine Silbe. Er nennt sich selbst einen «Adoptivneapoletaner». Quaglia ist 59 Jahre alt, ein Mann mit breiten Schultern und weichem Lachen. Den grössten Teil seines bisherigen Berufsleben verbrachte er damit, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, auch sehr prominente. An der Biennale von Venedig etwa leitete er neun Jahre lang das Festival für Tanz und Theater.

Ein Ghetto, beherrscht von der Camorra, überfrachtet von tausend Problemen.

Nun führt er diesen grossen Häuserkomplex mit dem grünen Tor und der grünen Tafel, 10'000 Quadratmeter Fläche insgesamt, zwei Kreuzgänge mit weiten Innenhöfen und einer Dachterrasse, von der man alles sieht, den Vesuv, den Hafen, die Dächer der dichten Stadt, die Kathedrale. Ein Viertel im Viertel, eine kleine Hoffnungszentrale in der Misere.

Quaglia ist Generaldirektor von Foqus, es ist das wohl wichtigste, sicher aber erstaunlichste Projekt für «Urban Regeneration» in Italien, wie in der Fachwelt Modelle für Stadterneuerung genannt werden. Es wurde schon mehrfach ausgezeichnet und studiert. Die private Stiftung hat sich vorgenommen, das übel beleumdete Viertel im Zentrum Neapels, 14'000 Einwohner auf engstem Raum zwischen der vornehmen Einkaufsstrasse Via Toledo und dem Corso Vittorio Emanuele, aus seiner sozialen Randständigkeit zu befreien, es endlich in die Stadt zu holen. Mit einem Kindergarten, mit Start-ups, mit Konzerten und Filmfestivals. Quaglia kaufte eine grosse Leinwand und einen Projektor, jetzt hat das Viertel auch ein Kino.

Maradona ist allgegenwärtig: Wandmalerei in den Quartieri Spagnoli. Fotos: Reto Oeschger

Es gibt da Argo, ein Atelier für behinderte Menschen, gleich neben der Bar Mocambo und der Mensa. Dazu eine Dependance der Belle Arti, der Kunstschule der Universität, im zweiten Stock des hinteren Hauses. Gegenüber, auf der anderen Seite des Innenhofs, hat «Il Napolista» seine Redaktion, die wunderbare Onlinezeitung, die sich politisch und sportlich mit dem Fussballverein der Stadt beschäftigt, dem SSC Napoli. Der wiederum ist Sponsor von Foqus.

Pressefotografen haben sich in einem Kollektiv zusammengetan und schwärmen aus von hier, überallhin im Süden Italiens. Die Notarvereinigung richtet bei Foqus ihre Examen aus. Bei Foqus gibt es Tanzkurse, Yoga, Musiktherapie, Informatikunterricht, Ausstellungen, Lesungen. Für die Menschen der Quartieri ist alles gratis. «Im Durchschnitt gehen bei uns 1300 Menschen ein und aus, jeden Tag», sagt Quaglia.

Alle Schichten, alles durcheinander, eine Revolution. Die Quartieri Spagnoli sind eine Peripherie mitten in Neapel. Sie sind der Bauch der Stadt. Ein Ghetto, beherrscht von der Camorra, überfrachtet von tausend Problemen. Das organisierte Verbrechen stellt die Jungen als Drogenkuriere an, früh schon. Die Quartieri haben die höchste Quote an Schulabbrechern in ganz Italien: 34 Prozent. Das Viertel hat auch eine hohe Arbeitslosigkeit, eine trübe Kriminalitätsrate, viele Väter sitzen im Gefängnis. In den «bassi», den berühmten ebenerdigen Wohnungen, sind die hygienischen Standards so prekär wie vor hundert Jahren. Bis 1995 gab es in diesem Viertel nur Strom für die Kandelaber, in den Wohnungen gab es keinen. Quaglia nennt die Quartieri eine «Enklave».

Solidarität soll unbedingt sichtbar sein. Sie frisst der Camorra den Boden weg.

Den miesen Ruf habe einst Curzio Malaparte in seinem Buch «La pelle», Die Haut, gefestigt, sagt die Soziologin Enrica Amaturo. «Scheinbar für immer.» Malaparte beschrieb Neapel nach dem Krieg als Karneval des Horrors. Prostitution, Geldspiel, Kriminalität, Dreck. Die Quartieri waren darin der innerste Zirkel der Hölle, die Karikatur des Klischees. Die Neapolitaner hassten ihn, weil er so unerbittlich war. Malaparte war Toskaner, man lässt sich hier von Aussenstehenden nichts sagen.

Doch betuchte Neapolitaner sahen es immer wie er. Die Quartieri waren ein Unort, man mied ihn, und man tut es bis heute. Das geht ganz einfach, das Viertel lässt sich leicht umgehen. Die spanischen Besatzer, die es im 16. Jahrhundert gebaut hatten, legten es an wie eine Kaserne. Geometrisch kompakt, ein Karree aus Blöcken, ein bisschen wie New York. Alte Palazzi des Adels zerstörten sie und stellten Wohnhäuser hin. Die Spanier siedelten da nicht nur ihre ­Soldaten an, die ihren König unten im Palast beschützen sollten, sondern auch deren Frauen, Kinder, Eltern.

Auf dem Weg zum Match: Bei Foqus spielen die Kinder aus den Quartieri mit jenen der Banker.

«Neapel hatte damals dreimal so viele Einwohner wie Madrid», sagt Quaglia. Der Widerstand war gross, die Besatzung verbrauchte viel Energie. Die Form des Viertels war deshalb auch Schutz gegen aussen, eine Festung, und diesen Charakter behielt es. Um zum Vomero zu kommen, dem Hügel im Rücken hoch über der Stadt, wo «la Napoli bene» lebt, das wohlhabende Neapel, kann man die Standseilbahn nehmen. Sie führt unter den Quartieri hindurch. Wenn man hochfährt zum Hausberg Neapels, sieht man die engen Gassen nicht einmal.

Dieses grüne Tor ist für viele Bewohner des Viertels der Zutritt zu etwas Normalität. Gleich links neben dem Eingang geht es zum Kindergarten. Dazu gehört auch ein «Nido», ein Nest, wie die ­Italiener der Kindertagesstätten sagen. Gemacht ist sie für Kinder bis drei, und für die Quartieri Spagnoli ist das eine Premiere. Hier leben zwar zehn Prozent aller Kinder der Stadt, es gab bisher aber kein Nest für die Kleinsten. Bei Foqus spielen die Kinder aus den Quartieri mit jenen der Banker, die unten in der Banca Nazionale del Lavoro an der Via Toledo arbeiten.

«Wir wussten, dass das Niveau bei uns besser sein musste als anderswo, nur so liessen sich die sozialen Gruppen vermischen», sagt Rachele Furfaro, Präsidentin der Stiftung. «Damit die Bankangestellten die Grenze von Via Toledo überschreiten, muss das, was dahinter kommt, wirklich interessant sein.» Furfaro ist Neapolitanerin, sie kommt aus vermögenden Verhältnissen und leitet mehrere Privatschulen in der Stadt, früher war sie Gemeinderätin. «Wir sagen den wohlhabenderen Eltern jeweils, wie viel der Kindergarten kostet, und die geben auf unser Anraten hin etwas mehr.» Damit reicht es auch für die, die es sich sonst nicht leisten könnten.

«In Neapel hast du jeden Morgen das Gefühl, dass es auch an dir liegt, wenn die Stadt aufwacht.»Renato Quaglia, Generaldirektor von Foqus

Solidarität ist wichtig, sie soll unbedingt sichtbar sein. Grell grün. Sie frisst der Camorra den Boden weg, die ihre Macht über den Konsens in der Bevölkerung hält, über deren Enttäuschung und Zorn auf den Staat. «Bisher haben sie uns in Ruhe gelassen», sagt Quaglia. Es käme wohl auch nicht gut an, wenn die Camorra den Wohltätern Böses täte. Als Foqus das Kloster der barmherzigen Schwestern 2013 übernahm, war es fast ganz verwaist, alle Einrichtungen ­waren baufällig. Von der Stadt, die chronisch klamm ist, gab es keinen Euro. Dafür sprang eine berühmte Mineralwasserfirma ein, als Hauptsponsor.

Furfaro und Quaglia, die schon in anderen Projekten zusammengearbeitet hatten, stellten junge Architekten an, die alles neu dachten. Der erste Innenhof ist ein grosser Spielplatz geworden, im Sommer stellen sie da ein Planschbecken für die Kinder auf. Den zweiten Innenhof haben sie mit Pflanzen begrünt, wie man sie sonst in den Quartieri nicht sieht. In keinem anderen Stadtviertel in Italien gibt es weniger öffentliche Grünfläche als in diesem. «0,6 Quadratmeter pro Bewohner», sagt Quaglia. Er kennt sie alle auswendig, die Chiffren der Dringlichkeit.

Die Quartieri waren ein Unort, man mied ihn, und man tut es bis heute.

«Neapel hat mich verändert», sagt Qua­glia. Früher sei er einfach ein guter Manager gewesen, aber eben nur das: ein guter Manager. «Ich war wie ein Ingenieur, der Probleme löste, wo er hinkam.» Mechanisch. Neapel funktioniert nicht mechanisch. Aber es funktioniert, irgendwie und trotz allem. «In Venedig hatte ich das Gefühl, ich sitze in einem Aquarium», sagt Quaglia. «Die Touristen ziehen vorbei, und es ist, als wären sie blutlos.» Neapel sei noch eine richtige Stadt, aufgepumpt mit wahrer Energie. Die Jungen lehnen ihre Mofas an antike Säulen, weil die zu ihrem Leben gehören, weil sie ihre Welt sind. Seit Billigflieger in Neapel landen und Kreuzfahrtschiffe anlegen, ist auch etwas Massentourismus in die Stadt gekommen.

Aber verfälscht hat sie die Stadt noch nicht. «In Neapel hast du jeden Morgen das Gefühl, dass es auch an dir liegt, wenn die Stadt aufwacht.» Das sei ein kurioses Gefühl, sagt Renato Quaglia, ein schönes. Er fährt dennoch jeden Freitag mit dem Zug zurück nach Treviso im Veneto, wo er lebt, und kommt am Montag jeweils wieder zurück. In den Bauch Neapels, nah am Herzen.

Erstellt: 10.12.2019, 18:05 Uhr

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