In Irland soll noch ein Tabu fallen

Die Homo-Ehe ist auf der katholischen Insel seit kurzem legal, nun wollen reformwillige Iren das Abtreibungsverbot aufheben.

«Euch kümmert es nicht, wenn Frauen sterben»: Gegner des Abtreibungsverbotes demonstrieren.

«Euch kümmert es nicht, wenn Frauen sterben»: Gegner des Abtreibungsverbotes demonstrieren. Bild: Shawn Pogatchnik /Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nachdem eine Mehrheit der irischen ­Bevölkerung im vergangenen Mai einem Referendum zur Einführung der Homo-Ehe zugestimmt hat, wittern Irlands ­Reformer jetzt eine weitere Liberalisierungschance. Ein Vorstoss soll dafür sorgen, dass auch das drakonische Abtreibungsverbot auf der Grünen Insel aus der Verfassung getilgt wird. Gegenwärtig reisen jährlich mehr als 4000 Frauen und Mädchen nach England, um dort eine Abtreibung vornehmen zu ­lassen.

Reformpolitiker wie die sozialistische Dubliner Abgeordnete Ruth Coppinger wollen die neue Bereitschaft zur «Öffnung der irischen Gesellschaft» nutzen, die ihrer Ansicht nach das breite Ja zur Homo-Ehe offenbart hat. Mit der Menschenrechtsorganisation Amnesty International haben die Reformer eine starke Verbündete gefunden. Auch nach Einschätzung Amnestys haben sich «in den letzten Jahren irische Ansichten zur Abtreibung wesentlich verändert. Die Iren selbst sind ihren Regierenden da weit voraus.»

Bis zu 14 Jahre Gefängnis

Bei der traditionellen jährlichen Pro-Life-Grosskundgebung der Abtreibungsgegner in Dublin, an der vergangenen Monat über 10 000 Teilnehmer aufmarschierten, traten Reformbefürworter aus dem Pro-Choice-Lager den christlich-konservativen Status-quo-Verteidigern mit eigenen Plakaten entgegen. «Euer Pro-Life-Slogan ist doch eine Lüge», skandierten die Gegendemonstranten. «Euch kümmerts nicht, wenn Frauen sterben.»

Der Streit, in dem jahrzehntelang Abtreibungsgegner und Kirchenfürsten die Oberhand hatten, ist in den letzten Jahren zunehmend bitter geworden. Es geht dabei um eine Klausel, die auf Betreiben der damals noch dominanten ­katholischen Kirche 1983 in die Verfassung aufgenommen wurde. Dieser Klausel zufolge ist das Recht eines Fötus auf Leben prinzipiell dem Lebensrecht einer Schwangeren gleichgestellt. Abtreibung ist damit ein krimineller Akt. Ein Arzt, der in Irland eine Abtreibung durchführt, muss mit bis zu 14 Jahren Gefängnis rechnen.

Was dieses Verbot in der Realität ­bedeutet, ist den Iren in jüngster Zeit mehrfach drastisch vor Augen geführt worden. So wurde einer in kritischem Zustand in eine Klinik eingelieferten indischen Ärztin trotz inständiger Bitten ein Schwangerschaftsabbruch verweigert, «weil wir ein katholisches Land sind», wie eine Krankenschwester ihr erklärte. Die Frau starb wenig später an den Folgen der Fehlgeburt. 20 000 Menschen zogen nach ihrem Tod empört auf die Strasse. Sie protestierten gegen «­barbarische Verhältnisse» und Kirchendiktatur».

In einem anderen Fall verboten die Behörden einer jungen vergewaltigten Immigrantin eine Abtreibung. Als sie versuchte, sich das Leben zu nehmen, wurde sie eingeliefert und zur Austragung gezwungen. In einem dritten Fall wurde es den Eltern einer klinisch toten schwangeren Frau gerichtlich verboten, ihre Tochter in Frieden sterben zu lassen. Obwohl der Fötus selbst keine Überlebenschance hatte, wagte lange Zeit kein Arzt, dem Wunsch der Familie zu folgen und die Maschine abzuschalten, mit der die Frau künstlich am Leben ­erhalten wurde.

Leidenschaftliche Proteste nach diesen Vorfällen sind nicht ganz folgenlos geblieben. Vor zwei Jahren suchte die Regierung das Totalverbot leicht abzumildern. Ein Eingriff ist nun erlaubt, wenn das Leben der Schwangeren unmittelbar und nachweislich in Gefahr ist. Besteht die Gefahr, dass eine Schwangere so verzweifelt ist, dass sie sich das Leben nehmen könnte, kann sie sich einer Gruppe von Ärzten und Psychiatern vorführen lassen, die über dieses Risiko entscheiden muss. Gegebenenfalls sind sieben Ärzte an einem derar­tigen Beschluss beteiligt.

Noch immer strikt verboten ist Abtreibung aber, wo ein nur «relatives», kein lebensgefährdendes Gesundheits­risiko für die Schwangere besteht. Auch Vergewaltigung oder schwere Missbildung beim Fötus sind weiterhin kein Abtreibungsgrund. «Wie lange noch», fragt nun die Parlamentarierin Ruth Coppinger, «hält das politische Establishment in unserem Land an einem barbarischen, mittelalterlichen Gesetz fest, das eine Frau mit einem Fötus gleichsetzt und zu solchen Situationen führt?»

Regierung unter Druck

So deutlich haben in der Vergangenheit wenige irische Politiker eine Änderung gefordert. Immer mehr prominente Irinnen und Iren wagen jetzt, zumal nach dem jüngsten «Regenbogen»-Referendum, ein offenes Wort. Zwar scheiterte kürzlich noch Coppingers eigener par­lamentarischer Vorstoss, mit dem sie ein neues Abtreibungsreferendum aufs ­Programm setzen wollte. Doch Gesundheitsminister Leo Varadkar aus dem bürgerlich-bäuerlichen Fine-Gael-Lager hat ein solches Referendum für die nächste Legislaturperiode nicht ausgeschlossen – und die Parlamentswahlen finden schon bald, spätestens im April nächsten Jahres, statt.

Derweil sucht Amnesty International den Druck auf die Regierenden zu verstärken. Es gehe nicht an, dass Frauen und Mädchen «wie Verbrecher behandelt, stigmatisiert und zur Reise ins ­Ausland gezwungen werden», meint der Verband: «Der irische Staat kann diese Realität nicht länger ignorieren.»

Einer just von Amnesty veröffentlichten Meinungsumfrage zufolge hätte eine Reform jetzt erstmals sogar Erfolgsaussichten. Der Umfrage nach würden nicht weniger als zwei Drittel aller Iren generell für eine «Entkriminalisierung» von Abtreibung stimmen. Die Hälfte der ­irischen Bevölkerung unter 35 Jahren fände es sogar richtig, wenn Frauen «­Zugang zu Abtreibung in Irland nach ­eigener Wahl» hätten.

Erstellt: 31.08.2015, 04:41 Uhr

Artikel zum Thema

Vatikan: Ja zur Homo-Ehe ist eine «Niederlage für die Menschheit»

Das katholische Irland legalisierte die Homo-Ehe – der Vatikan sieht die Prinzipien der Kirche verraten. Mehr...

62 Prozent der Iren sind für die Homo-Ehe

Jetzt ist es definitiv: Irland hat die Homo-Ehe legalisiert. Das freut auch den schwulen Gesundheitsminister Leo Varadkar. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Chinas Aufstieg zur digitalen Macht

Geldblog Wann sich eine Lohnausfallversicherung lohnt

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...