In Kroatien werden Hetzer und Schläger verniedlicht

Im EU-Land häufen sich Angriffe auf Angehörige der serbischen Minderheit. Die regierenden Politiker verharmlosen die Gewalt.

Kroatiens Staatschefin Grabar-Kitarovic (vorne in der Mitte) anlässlich des 23. Jahrestags der Operation «Sturm» in Knin. Foto: Getty Images

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Zoran Milanovic ist entsetzt. Der ehemalige Premierminister von Kroatien spricht von «Terrorismus» und einer «Kultur der Gewalt» in seinem Land. Milanovic, ein Sozialdemokrat in der Opposition und Kandidat für das Präsidentenamt, kritisiert die Angriffe auf Angehörige der serbischen Minderheit, die in letzter Zeit zugenommen haben. Kürzlich attackierten maskierte Männer mehrere Serben, die in einem Restaurant im Hinterland der Adria das Fussballspiel des serbischen Meisters Roter Stern Belgrad gegen die Young Boys in Bern verfolgten. Opfer wurden auch Frauen und Kinder. Am Wochenende bewarfen Unbekannte Häuser serbischer Rückkehrer mit Steinen.

Ein serbischer Gastwirt wurde beschimpft und bedroht, weil er in seinem Lokal angeblich keine Lieder von Marko Perkovic spielt. Perkovic nennt sich Thompson, nach der Marke der Maschinenpistole, die er im kroatischen Unabhängigkeitskrieg in den 90er-Jahren verwendete, und er gilt als Barde des Hasses. In seinen Songs offenbart er ein extrem rechtes Gedankengut. Die Schweizer Behörden haben in den vergangenen Jahren mehrmals Auftritte von Thompson verboten. 2009 verhängte das Bundesamt für Polizei sogar eine Einreisesperre gegen ihn.

Milanovic, der 2013 Kroatien in die EU führte, beklagt vor allem das Schweigen von Staatschefin Kolinda Grabar-Kitarovic nach den jüngsten Attacken. Gegenüber dem kroatischen Fernsehen HRT sagte die konservative Politikerin, sie sei halt keine Kommentatorin der Tagespolitik, und sie wolle die Spaltung der Gesellschaft nicht vertiefen.

«Purer Nationalstolz»

Grabar-Kitarovic will im Dezember wiedergewählt werden, darum biedert sie sich bei den Nationalisten an – und spaltet erst recht das Volk. Die Lieder von Thompson, sagt sie beispielsweise, seien «purer Nationalstolz». Sie hätte im August 1995 «am liebsten das Gewehr ergriffen und wäre auf das Schlachtfeld gezogen», um die von den Serben besetzten Gebiete unter kroatische Kontrolle zu stellen, erklärte sie bei einer Gedenkfeier zum Jahrestag der Militäroffensive in der Krajina.

In der Region hatten von Belgrad unterstützte Serben zu Beginn der 90er-Jahre einen Quasistaat errichtet, aus dem Kroaten vertrieben wurden. Als die serbischen Hardliner eine breite Autonomie innerhalb Kroatiens ablehnten, eroberte die kroatische Armee, mit Billigung des Westens, das Territorium zurück. Die Operation «Sturm» löste eine Massenflucht von etwa 200'000 Serben nach Bosnien und Serbien aus, mehrere Dutzend wurden erschossen oder massakriert. Der serbische Bevölkerungsanteil sank von zwölf auf vier Prozent. Heute leben in Kroatien knapp 190'000 Serben.

Der serbische Abgeordnete im kroatischen Parlament, Miloard Pupovac, spricht von einer Atmosphäre des Hasses, der Hetzjagd und der Beleidigungen. Immer wieder würden Nationalisten grölend mit der Ustascha-Parole «Za dom spremni» («Für die Heimat bereit») durch die Strassen ziehen, so Pupovac.

Grassierender Nationalismus

Die Ustascha war eine faschistische Bewegung, die während des Zweiten Weltkriegs unter dem Schutz Hitlers und Mussolinis den sogenannten Unabhängigen Staat Kroatien (NDH) gründete. Für Juden, Serben und kroatische Kommunisten war dieser Marionettenstaat die Hölle auf Erden. Allein im Konzentrationslager Jasenovac wurden etwa 80'000 Menschen ermordet. In einem Film eines kroatischen Propaganda-Regisseurs wird die Opferzahl heruntergespielt, das KZ als Arbeitslager beschrieben.

Der Abgeordnete Pupovac sagte unlängst in einem Interview, Kroatien destabilisiere die Region, schüre die Intoleranz und rehabilitiere das Ustascha-Regime. Premier Andrej Plenkovic von der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) wies die Vorwürfe als «höchst unangemessen und inakzeptabel» zurück, Staatspräsidentin Grabar-Kitarovic nannte sie «unverschämt und unverantwortlich», die Kriegsveteranen forderten Ermittlungen gegen Pupovac, weil dieser die Ehre des Staates verletzt habe. Der Zagreber Philosoph Zarko Puhovski meint, die Angriffe auf den führenden Politiker der serbischen Minderheit in Kroatien hätten zum Ziel, von den Zwischenfällen gegen Serben abzulenken.

Der grassierende Nationalismus versetzt viele Serben in Angst und Schrecken. Im Juni wurde nahe der Hafenstadt Rijeka ein serbischer Lokalpolitiker von einem mutmasslichen Kriegsverbrecher zu Tode geprügelt. Anfang Jahr griffen Hooligans in Split einen serbischen Wasserballer mit Eisenstangen an. Der junge Mann konnte sich nur mit einem Sprung ins Meer retten. Im Sommer berichteten kroatische Medien über Attacken gegen serbische Saisonarbeiter an der Adriaküste.

Die EU schweigt

Eine unrühmliche Rolle spielt auch die katholische Kirche. Sie propagiert ein revanchistisches Geschichtsbild, ihre Priester zelebrieren Messen für den Ustascha-Führer Ante Pavelic und andere Massenmörder, die im Zweiten Weltkrieg gewütet haben, profaschistische Publizisten dürfen ihre Werke in Kirchen vorstellen.

Angesichts der Gewaltwelle erstaunt das Schweigen der hochrangigen EU-Politiker. Die angehende EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete Kroatien bei ihrem Besuch in Zagreb Ende Juli als «Vorbild für viele Länder» und «Erfolgsgeschichte». «Ich bin auf eurer Seite», sagte von der Leyen ihren kroatischen Gastgebern.

Die Adriarepublik, die in vielen europäischen Staaten das Image eines Ferienparadieses geniesst, übernimmt am 1. Januar 2020 erstmals die Präsidentschaft der EU. Die Regierung plant die Aufnahme in die Schengen-Zone und die Einführung des Euro. Der 4-Millionen-Staat leidet unter der Massenabwanderung von gut ausgebildeten Menschen. Im vergangenen Jahr haben knapp 40'000 Bürger ihre Heimat verlassen.

Erstellt: 05.09.2019, 10:21 Uhr

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