In London geht die Angst vor dem Brexit um

Währungsschwankungen, ein enormer Geldabfluss von der Themse – und Bangen um die Weltrangstellung des britischen Finanzzentrums: Die Briten machen sich Sorgen.

Für die Bank of England hätte ein Ja zum Brexit unvorhersehbare Folgen. Foto: Toby Melville (Reuters)

Für die Bank of England hätte ein Ja zum Brexit unvorhersehbare Folgen. Foto: Toby Melville (Reuters)

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Noch knapp zwei Wochen bis zum EU-Referendum. Den Meinungsumfragen zufolge liegt die Möglichkeit eines britischen Austritts aus der Europäischen Union jetzt bei 50 Prozent. Damit hatten Banker, Börsenmakler, Versicherungsleute und andere Experten in der City of London, dem britischen Finanzzentrum, bis vor kurzem noch nicht gerechnet. Besorgt fragt man in London, was nun kommt. Ob die City bald nicht mehr «in Europa» liegt.

Unruhig schwankt bereits, je nach den letzten Umfrageergebnissen, die britische Währung. Für den Fall eines Brexit haben Finanzhäuser wie HSBC und Goldman Sachs zusätzlich zu den bisherigen Verlusten einen Einbruch des Pfundes um 20 Prozent vorausgesagt. Die Ratingagentur Finch erwartet sogar ein Absacken des Sterlings gegenüber Euro und Dollar um ein Drittel seines gegenwärtigen Wertes.

Und nicht nur das. Letzte Woche enthüllte Daten der Zentralbank zeigen, dass in letzter Zeit in banger Erwartung eines Brexit ein enormer Geldabfluss aus Grossbritannien begonnen hat. Im März allein sollen es bereits fast 60 Milliarden Pfund gewesen sein, die Investoren aus dem Königreich abzogen, um das Geld anderswo «in Sicherheit» zu bringen. Zwei Milliarden Pfund nur waren es über einen Zeitraum von sechs Monaten im vorigen Jahr.

«Das Schlimmste befürchten»

Wenn es aber schon vor einem Brexit solche Geldbewegungen gebe, warnen Londoner Kommentatoren, dann müsse man «das Schlimmste befürchten» nach einem solchen Entscheid. Finanzminister George Osborne, der an der Seite von Premierminister David Cameron für den Verbleib in der EU kämpft, meint: «Was wir hier sehen, ist nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt.»

Eine weitere Befürchtung Osbornes ist, dass Hauspreiseinbrüche und Hypothekenengpässe wie beim Credit Crash von 2008 wieder Grossbanken in Schwierigkeiten bringen könnten. Die Bank of England (BoE), die Zentralbank der Insel, ist schon seit dem Vorjahr bemüht, ihre «Kriegskasse» aufzustocken, um wenigstens einen plötzlichen Mangel an Liquidität ausgleichen zu können.

Mit rund 100 Milliarden Dollar lagen diese Währungsreserven zum Zeitpunkt der letzten Veröffentlichung um ein Drittel über denen vom Vorjahr – und auf dem höchsten Stand seit 15 Jahren. Die BoE steht nach eigenem Bekunden in «täglichem Kontakt» mit den in der City operierenden Banken.

Drei zusätzliche Sterling-Auktionen, die das Bankensystem «flüssig» halten sollen, sind geplant für den 14., 21. und 28. Juni, also für die Zeit kurz vor und kurz nach dem Referendum. Doch wo schon kurzfristige Entwicklungen derartige Probleme aufwerfen, ist die Lage noch schwerer abzuschätzen, was die langfristigen Perspektiven angeht.

Die wirkliche Sorge in London ist, dass sich Finanzhäuser aus aller Welt nach einem EU-Austritt aus Grossbritannien absetzen könnten. Entsprechende Überlegungen sollen viele Institutionen bereits vertraulich der Zentralbank gemeldet haben. Sie gehen aber auch aus öffentlichen Verlautbarungen hervor.

Die Megabank HSBC etwa hat gewarnt, dass sie daran denke, bei einem Brexit gleich einmal rund 1000 Arbeitsplätze von London nach Paris zu verlegen. Dazu, hat HSBC-Aufsichtsratschef Douglas Flint erklärt, sei seine Bank ohne weiteres imstande. J. P. Morgan, die grösste US-Bank, hat signalisiert, dass sie erwägt, bei einem Brexit 4000 britische Jobs zu streichen.

Im Januar hatte J.-P.-Morgen-Generaldirektor Jamie Dimon sogar erklärt, die Bank könnte ganz abziehen aus Grossbritannien: «Britannien ist immer eine prima Basis für Finanzunternehmen gewesen. Und die EU-Mitgliedschaft hat London eine Menge gebracht. Wir würden ja gern hierbleiben. Aber wenn das nicht geht, geht es eben nicht.»

Auch andere kontinentaleuropäische, japanische und Wallstreet-Banken sähen sich bereits ernsthaft um nach Alternativen zu London, hat die Londoner «Times» kürzlich gewarnt. Die Deutsche Bank zum Beispiel denke daran, ihr Investmentgeschäft von der Themse an den Main zu verlegen. Die Credit Suisse erhöhe bereits ihr Personal in der irischen Republik.

Nicht alle sind pessimistisch

Offenbar erwägen Banken von ausserhalb Europas, die London bis heute als «Zugangsort» zur Europäischen Union schätzen, «im Fall des Falles» ihr Hauptgewicht ins EU-Territorium selbst zu verlagern. Banken aus dem europäischen Raum wiederum, glaubt man in der City, sähen wenig Grund dafür, in gleicher Weise wie bisher in Grossbritannien präsent zu sein.

Nicht alle Cityleute sind so pessimistisch. Über hundert, darunter einige superreiche Hedgefonds-Bosse, haben in einem offenen Brief erklärt, «nur ausserhalb der EU» könne der britische Finanzsektor «wachsen und gedeihen». Mit all seinen Vorschriften erdrossle Brüssel den freien Fluss des Kapitals in Europa. Der Ex-Arbeitsminister und frühere konservative Parteichef Iain Duncan Smith hält es auch für verhängnisvoll, «dass wir in der EU an eine äusserst unstabile Eurozone gefesselt sind».

Minister Osborne andererseits, mit dem Duncan Smith lange Jahre im Kabinett sass, sieht unmittelbare Gefahr für «Zehntausende von Cityjobs» durch einen Brexit. In der Tat sind über 100 000 Cityjobs direkt mit dem EU-Geschäft verknüpft. Andrew Bailey, der Vizegouverneur der Bank von England, hat sogar zu bedenken gegeben, dass London «kein gottgegebenes Recht» habe, für alle Zeiten ein Finanzzentrum von Weltrang zu bleiben – so Grossbritannien wirklich den Hut nimmt und die EU verlässt.

Einen überaus gefährlichen «Schrumpfprozess» für einen Sektor, der über 2 Millionen Menschen beschäftigt, alle zwölf Monate 66 Milliarden Pfund an Steuern abwirft und immer wichtiger für die britische Wirtschaft geworden ist über die Jahre, prophezeit auch die «Financial Times», das Sprachrohr des Kapitals und seiner Kapitäne in Grossbritannien. Der City of London, dem «Finanzkoloss des Vereinigten Königreichs», könne ein Brexit «nur Schaden zufügen», meint die Zeitung nachdrücklich. Die Briten müssten um Himmels willen in der EU bleiben – und dieses «wertvolle Terrain» verteidigen, bevor es verloren sei.

Erstellt: 13.06.2016, 18:45 Uhr

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