In Nordirland geht wieder die Angst um

Bei Strassenkrawallen haben maskierte Männer eine Journalistin erschossen. Viele fragen sich, ob der 21 Jahre alte Karfreitags-Vertrag noch zu retten ist.

Eine Polizeiaktion führte am Donnerstag zu schweren Zusammenstössen. Video: Tamedia

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In Nordirland wächst die Angst, nachdem in der Nacht auf Karfreitag bei Krawallen in der Stadt Derry eine junge Journalistin von maskierten Schützen getötet worden ist. Nancy Pelosi, die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, die sich an dem Tag zufällig mit einer Kongress-­Delegation in Derry aufgehalten hatte, warnte am Freitag im nordirischen Parlamentsgebäude von Stormont vor einem erneuten Aufflammen der Gewalt.

Der Tod der 29-jährigen Berichterstatterin und Buchautorin Lyra McKee löste in ganz Nordirland Bestürzung aus. Unionisten-Chefin Arlene Foster sprach von einer «herzzerreissenden Nachricht». Michelle O’Neill, die Vorsitzende Sinn Feins in Nordirland, beschuldigte abtrünnige Republikaner einer «Attacke auf uns alle, auf unseren Friedensprozess und auf unseren Karfreitags-Vertrag».

Verantwortlich für die Bluttat von Derry sollen Mitglieder der New IRA sein – eines nordirischen Kampfverbandes gegen das Belfaster Friedensabkommen von 1998, den sogenannten Karfreitags-Vertrag, der unter Mitwirkung Sinn Feins und der ursprünglichen IRA zustande kam. Republikanische Dissidenten haben sich mit diesem Friedensschluss nie abgefunden. Sie suchen immer neue Konflikte anzuzetteln, meist mit Angriffen auf die – inzwischen freilich längst gemischtkonfessionelle – nordirische Polizei.

Zum jüngsten Vorfall war es gekommen, als Polizeieinheiten am späten Donnerstagabend mehrere Häuser in Derrys Stadtteil Creggan nach Waffen durchsuchten. Die Polizei hatte einen Hinweis erhalten und wollte die Waffen beschlagnahmen, bevor sie bei neuen Zusammenstössen, die man zu Ostern erwartet, eingesetzt werden konnten.

Sobald die Polizeiaktion in Gang war, sammelten sich Familien aus der Nachbarschaft und Demonstranten auf den Strassen. Rund 50 Benzinbomben hagelten auf die Polizei nieder. Zwei Autos gingen in Flammen auf. Als maskierte Männer auftauchten und auf Polizeibeamte schossen, gingen Zuschauer und Presseleute in Deckung. Doch Lyra McKee, die neben einem Land Rover der Polizei stand, wurde von einer Kugel getroffen.

Schüsse mitten in der Menge

Die Journalistin, die zeitweise für den protestantischen «Belfast Telegraph» gearbeitet hatte und später durch unabhängige und viel gelobte Berichte von sich reden machte, starb auf dem Weg ins Spital. In ihrem letzten Tweet, wenige Minuten vor ihrem Tod, hatte sie die Tumulte im Bild festgehalten und kommentiert: «Derry heute Nacht. Absoluter Wahnsinn.»

Eine Augenzeugin des Vorfalls sagt, der Schauplatz der Polizeiaktion in Creggan sei zu dem Zeitpunkt voller Neugieriger gewesen: «Junge Leute waren da, Kinder liefen in der Strasse herum, Teenager hatten sich versammelt – und dann feuerte ein Schütze einfach die Strasse hoch» – in Richtung der Polizei.

Eine Polizistin in Derry: Hier wurde in der Nacht auf Freitag die Journalistin Lyra McKee erschossen. Foto: Charles McQuillan (Getty Images)

Inmitten einer solchen Menschenmenge eine Schusswaffe zu benutzen, sei «eine brutal kalkulierte und eiskalte Handlung», sagte Polizei-Vizepräsident Mark Hamilton. Die Urheber hätten es «auf eine Gewalttat angelegt». Für rücksichtslose Aktionen ist die New IRA bekannt. Sie formierte sich vor acht Jahren als Sammelbewegung republikanischer Dissidenten, zu der auch die Real IRA gestossen ist.

Die Real IRA steckte hinter der Autobombe in der Stadt Omagh im August 1998, dem Jahr des Friedensschlusses. Bei dem Anschlag waren 31 Menschen getötet und über 200 teilweise schwer verletzt worden. Heute gilt die New IRA als wichtigster Kampfverband republikanischer Friedensgegner. Sie wird für die Ermordung eines Polizisten und zweier Gefängniswärter verantwortlich gemacht.

Im Januar dieses Jahres liess die Organisation ausserdem eine Autobombe vor dem Gericht der Stadt Derry hochgehen. Nur durch Zufall wurde niemand verletzt. Noch kurz vor der Explosion waren Dutzende von Passanten an dem Fahrzeug vorbeispaziert. Der New IRA werden auch mehrere Briefbomben zugeschrieben, die in diesem März in London und Glasgow eintrafen und Angst auslösten. Erst kürzlich entdeckte die Polizei eine Rohrbombe der New IRA in der Grafschaft Down.

Nancy Pelosi droht London

Die Polizei befürchtet neue Anschläge über Ostern. Wie jedes Jahr finden am Ostermontag in einer Reihe republikanischer ­Gebiete, darunter auch in Derry, Protestmärsche zum Gedenken an den irischen Osteraufstand von 1916 statt. Vize-Polizeipräsident Hamilton appellierte «an die ganze Bevölkerung, vor allem an diesem Osterwochenende, Ruhe zu bewahren». Wer irgendwelchen Einfluss habe, solle diesen nutzen, «um für ein friedliches Wochenende zu sorgen».

«Zutiefst betrübt» über die jüngsten Ereignisse zeigte sich Nancy Pelosi, die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, die sich mit einer Kongress-Delegation in Derry und Belfast aufhielt, um inmitten der Brexit-Tumulte die Bedeutung des Karfreitags-Vertrags herauszustreichen. Pelosi machte deutlich, dass die britische Regierung nach dem Brexit keinen Handelsvertrag mit den USA erwarten könne, wenn sie das Friedensabkommen für Nordirland gefährde: «Wir müssen sicherstellen, dass im Brexit-Trubel nichts passiert, was den Karfreitags-Vertrag bedroht.»

Erstellt: 19.04.2019, 19:29 Uhr

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