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In Rom ist die Hoffnung bereits verdampft

Bürgermeisterin Virginia Raggi krallt sich trotz neuer Skandale und vieler Mysterien verzweifelt am Amt fest.

Cinque-Stelle-Politikerin Virginia Raggi. Foto: Giuseppe Lami (Keystone)
Cinque-Stelle-Politikerin Virginia Raggi. Foto: Giuseppe Lami (Keystone)

Wo Virginia Raggi in diesen schwierigen Tagen auch auftritt, überall rufen ihr drängende Journalisten zu: «Und, Sindaca, geben Sie jetzt auf?» Roms ­Bürgermeisterin von der Protestpartei Cinque Stelle lächelt jeweils müde zurück, auch ein bisschen gequält, und sagt: «Ich denke nicht daran.» Zumindest daran aber darf man zweifeln. Die 38-jährige Anwältin regiert die Stadt erst seit sieben Monaten, und bereits wetten alle, Freunde und Feinde, auf ihren baldigen Sturz. Die Skandale und Intrigen in Raggis Umfeld häufen sich; die Stadt mutet gänzlich unregiert an; die Wähler sind enttäuscht. Und nun ermittelt auch noch die Justiz gegen Raggi. Man verdächtigt sie des Amtsmissbrauchs und der Falschaussage.

Acht Stunden dauerte die erste Anhörung. Die Staatsanwaltschaft hatte sie dafür in eine Kaserne in der römischen Peripherie geladen. So sollten die Reporter in die Irre geführt werden. Doch in Rom spricht sich immer alles schnell herum. Als Raggi kurz vor Mitternacht die Kaserne verliess, war wieder eine ganze Traube Journalisten da: «Und, Sindaca, wie lange noch?»

«Vier Freunde in der Bar»

Im spezifischen Fall wird Raggi vorgeworfen, einen Personalentscheid zugelassen zu haben, der stark nach Nepotismus riecht. Raffaele Marra, einst Personalchef der Bürgermeisterin, soll ihr aufgetragen haben, seinen Bruder Renato, einen Stadtpolizisten, zum Verantwortlichen über Roms Tourismusbehörde zu machen und dessen Salär mal schnell um 20'000 Euro aufzubessern. Letzten Dezember wurde Raffaele Marra wegen einer alten Korruption­saffäre verhaftet. Die Polizei beschlagnahmte sein Handy, und darauf fanden die Ermittler erhellende Chats zwischen Marra, Raggi und zwei weiteren zentralen Figuren der Entourage – der «Quattro amici al bar», «Vier Freunde in der Bar». So nannte sich die Gruppe.

In den Chats, die mittlerweile von allen Zeitungen veröffentlicht wurden, erfährt man unter anderem, dass Marra den Lohn seines Bruders eigenmächtig erhöht hatte. Raggi jedenfalls beklagt sich, er beschädige damit ihren Ruf. Ihre Unterschrift setzte sie dann aber trotzdem darunter. Warum Marra so viel Macht über Raggi besass, ist bis heute unklar und Stoff für Spekulationen. Man nannte ihn auch den «Rasputin vom Kapitol». Als die Funktionäre der Antikorruptionsbehörde Raggi fragten, wer über die Promotion von Marras Bruder entschieden habe, sagte sie: «Ich ganz alleine.» In aller Autonomie. Doch gerade an Raggis Unabhängigkeit zweifelt man in Rom.

So rätselt man nun auch darüber, warum ein anderes Gruppenmitglied der «Quattro amici al bar», Salvatore Romeo, Raggi als Begünstigte von zwei ­Lebensversicherungen über insgesamt 33'000 Euro angab. Eine davon schloss er ab, da war Raggi noch nicht Bürgermeisterin. Kaum war sie im Amt, beförderte sie Romeo, der bis dahin ein einfacher Funktionär gewesen war, zum Chef ihres politischen Sekretariats und verdreifachte seinen Lohn – von 39'000 auf 110'000 Euro. Eine kuriose Geschichte, aus der noch niemand schlau wird.

Sollte Virginia Raggi wegen Amtsmissbrauchs und/oder Falschaussage verurteilt werden, würde sie aus der Partei ausgeschlossen, bereits nach einem Schuldspruch in erster Instanz. So steht es in den Statuten. Für die Cinque Stelle wäre das eine Niederlage mit unabsehbaren Folgen. In Rom läuft ja die Hauptprobe: Hier wollten Beppe Grillos Fünf Sterne allen beweisen, dass sie auch das ganze Land regieren könnten, wenn man sie nur liesse.

Bisher gestaltet sich die Beweisführung schwierig, die Dämmerung verläuft rasend. Als Raggi im letzten Mai in der Stichwahl mit 67 Prozent gewählt wurde, gehörte sie zu den populärsten Politikern im Land, obschon man sie kaum kannte: gewählt im Zorn über das Establishment, getragen von der Hoffnung auf eine neue politische Klasse. Eine neue Umfrage zeigt aber, dass Raggi auf der Rangliste der beliebtesten Bürgermeister grosser italienischer Städte nur noch Platz 103 belegt – von 104. Das dürfte sie persönlich doppelt schmerzen, denn Platz 1 holte sich eine Parteikollegin: Chiara Appendino, Bürgermeisterin von Turin. Ihr sagt man nach, sie agiere geschickt und baue auf Leute, die schon vorher da waren.

Doch Turin lässt sich nur leidlich mit Rom vergleichen. Turin funktionierte schon vor Appendino. Rom hingegen funktionierte schon vor Raggi nicht sonderlich gut. Alle Hoffnung auf Besserung – auf mehr Ordnung und Ehrlichkeit etwa, wie es die Cinque Stelle verhiessen – verdampfte in weniger als sieben Monaten.

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