Zum Hauptinhalt springen

In Wien will jeder raus – kaum einer darf

Österreich hat wegen des Coronavirus eine landesweite Ausgangssperre verhängt. So geht es den Menschen damit.

Hier läuft nichts mehr: Geschlossene Fahrgeschäfte im Prater. Foto: Herbert P. Oczeret, APA/Keystone
Hier läuft nichts mehr: Geschlossene Fahrgeschäfte im Prater. Foto: Herbert P. Oczeret, APA/Keystone

Es ist ein Dienstagvormittag, der sich anfühlt wie ein sehr früher Sonntagmorgen: Die Strassen sind fast menschenleer, ab und an quietscht ein Tram um die Ecke, ein paar Vögel hört man zwitschern. Es wird Frühling in Wien, endlich, zartes Grün spriesst an den Bäumen, und die Sonne schickt die ersten warmen Strahlen des Jahres. Es ist, als wolle der Himmel – oder wer auch immer – die Menschen in Versuchung führen. Jeder will raus. Kaum einer darf.

«Ausgangsbeschränkung» heisst das im österreichischen Amtsdeutsch, und die Regierung in Wien hat das seit Montag landesweit verhängt. «Ausgangssperre» wollte sie wohl nicht sagen, zumindest jetzt noch nicht.

Bundeskanzler Sebastian Kurz, der ein Meister darin ist, mit einprägsamen Begriffen Politik zu machen, hat nur drei Gründe genannt, die Wohnung verlassen zu dürfen: unaufschiebbare Arbeit, notwendige Einkäufe und Hilfsdienste für andere Menschen.

Ein klein wenig Platz hat er dennoch gelassen. Wen es dringend ins Freie ziehe, sagte er, «der darf das ausschliesslich alleine machen oder mit den Personen, mit denen er in der Wohnung gemeinsam zusammenlebt». Damit da am Ende keine Fragezeichen mehr bleiben, hat er später noch präzisiert, dass sich auch Lebenspartner, die keine gemeinsame Wohnung haben, noch sehen können. Das bleibe jedem selbst überlassen.

Zum Inhalt

So viel Freiheit darf noch sein in Zeiten des Abwehrkampfs gegen das Coronavirus, und wer hinuntergeht zum Donaukanal, der trifft tatsächlich noch auf ein paar keuchende Jogger, auf Radfahrer in Funktionskleidung und auf Menschen mit Hunden. Doch frei fühlt sich niemand mehr im Freien. Es ist, als hätte sich dem klaren Himmel zum Trotz ein dunkler Schatten über alles und jeden gelegt.

Vereinzelt schleichen die Menschen durch die prächtigen Kulissen der Stadt, unbedingt auf Abstand bedacht, mindestens einen Meter. Komm mir nicht zu nah, lautet die Botschaft. Steck mich nicht an. Jedes Geräusch kann erschrecken – die Müllabfuhr; ein Kind, das schreit; ein Mensch, der lacht. Auch das gibt es noch, aber wer lacht, fällt auf.

Ein Riss ist durch die Zeit gegangen. Was gestern noch selbstverständlich war, ist heute verboten. Von den Nachbarländern aus kann man durch diesen Riss in die Zukunft schauen, in die eigene, sehr nahe Zukunft. Denn alles, was in Österreich in den vergangenen Tagen Schlag auf Schlag verfügt worden ist – die Schliessung der Schulen, der Läden, der kleinen Zufluchtsorte – ist mit leichter zeitlicher Verzögerung auch in der Schweiz angekommen.

«Segnen geht auch übers Telefon»

«Minimalbetrieb» nennt das Kanzler Kurz, und am besten lässt sich das wohl da beobachten, wo sonst der maximale Trubel herrscht: rund um den Stephansplatz im 1. Bezirk. Die Fiaker sind verschwunden, nicht mehr zu sehen und nicht mehr zu riechen, bis auf Weiteres bleiben die Kutschpferde in den Ställen.

Ausser jenen Läden, die zur unmittelbaren Versorgung der Bevölkerung notwendig sind, haben alle Geschäfte, Restaurants und Kaffeehäuser geschlossen. Das Trachtengeschäft Lanz hat zu, bei Sluka, «k. & k. Hoflieferant und Conditorei seit 1891», gibt es keinen Kuchen mehr.

Jeder schliesst dabei auf seine Art. Die einen haben grimmig und kommentarlos die Gitter hinuntergezogen, andere weisen per Aushang darauf hin, dass «aufgrund der staatlich verordneten Corona-Schutzmassnahme» vorerst nicht geöffnet werden könne. Und dann gibt es noch jene, die sich mit gezeichneten Herzen von ihren Kunden verabschieden: «Wir sind wieder zurück, sobald es geht. Bleibt gesund.»

Geschäfte, die nicht zur Grundversorgung nötig sind, bleiben geschlossen. Foto: Herbert P. Oczeret, APA/Keystone
Geschäfte, die nicht zur Grundversorgung nötig sind, bleiben geschlossen. Foto: Herbert P. Oczeret, APA/Keystone

Das tut gut in Zeiten, die so düster sind, dass selbst die Gotteshäuser dichtmachen. Am Stephansdom, dem Steffl, dem Wahrzeichen Wiens, dient jetzt das versperrte eiserne Tor als Selfie-Hintergrund. Mit dünnem Draht sind dort zwei Zettel angebracht, auf Englisch und Deutsch: «Derzeit keine Dombesichtigung möglich. Für persönliches Gebet, Aussprache und Beichte sind Sie herzlich willkommen.»

Vor dem Eingang stehen zwei Wachposten. «Wie lange wir noch offen haben, das wissen wir auch nicht», sagt einer von ihnen. Drinnen kann man noch Kerzen anzünden, für fromme Wünsche und für einen Euro das Stück. Man kann beten, und, tatsächlich, beichten kann man auch. «Ich fände es schade, das jetzt ganz zu canceln», sagt Pater Hermann Sandberger. «Die Leute müssen wissen, da gibt es jemanden, mit dem sie reden können.»

Über die äussere Form müsse man sich wohl Gedanken machen, meint er, «Sicherheitsabstand ist wichtig». Aber via Telefon, wie das auch schon vorgeschlagen wurde, sei das Beichten nicht möglich. «Das ist kirchenrechtlich ausgeschlossen», sagt er. «Die Beichte muss als Sakrament persönlich gespendet werden.» Die gute Nachricht für Notzeiten: «Segnen geht auch übers Telefon.»

Polizei am Stephansplatz in der Wiener Innenstadt. Foto: Helmut Fohringer, APA, Keystone
Polizei am Stephansplatz in der Wiener Innenstadt. Foto: Helmut Fohringer, APA, Keystone

Neue Herausforderungen sind das für Priester – und auch auf Polizisten kommt einiges zu. Sie müssen die Ausgangsbeschränkungen und das Versammlungsverbot überwachen, das Zusammenkünfte von mehr als fünf Menschen verbietet.

In Wien sieht man die Sicherheitskräfte mit den tiefblauen Uniformen an manchen Ecken stehen. «Wir sind nicht mehr als sonst», sagt einer von ihnen am Eingang zum Museumsquartier, «wir fallen nur mehr auf, weil weniger Zivilisten da sind.» Gemeinsam mit einem Kollegen hat er gerade die Versammlung einiger Obdachloser aufgelöst. Nur fünf dürfen sitzen bleiben mit Bierdosen und selbstgedrehten Zigaretten, ein paar andere ziehen schimpfend ab. «Verständnis ist nicht überall da», sagt der Polizist. «Aber in der Regel halten sich die Leute an die Vorgaben.»

Eine Urlaubssperre für alle 25'000 Polizisten im Land war eine der ersten Massnahmen, mit denen die Regierung in der vergangenen Woche den Umschwung ihrer Anti-Corona-Politik signalisierte. Anfangs war auch in Österreich noch abgewartet und abgewogen worden, danach folgte die Verschärfung im Tagesrhythmus, immer verkündet von Kanzler Kurz, flankiert meist von zwei oder mehr Ministern.

Der Kanzler ist in diesen Tagen überall, vielleicht hat er die Gabe der Bilokation, denn man sieht ihn live bei einer Ansprache im Parlament und schon im nächsten Augenblick in einem Fernsehstudio oder im Kanzleramt. Die Heilserwartungen haften dem 33-jährigen Regierungschef ja seit Längerem an. Die Bild, die ihm schon immer zu Füssen lag, setzte vor Kurzem über einen Beitrag zum «Corona-Klartext-Kanzler» den Titel: «So einen brauchen wir auch». Und der Spiegel zitiert in einem Artikel über den «coolen Kanzler» einen westlichen Diplomaten mit der Einschätzung: «Kurz wirkt zurzeit so, als könne er übers Wasser gehen, als sei er in Drachenblut gebadet.»

«Team Österreich» im Wettlauf mit dem Virus

Jung-Siegfried also, doch das ist Auszeichnung und Bürde zugleich. Denn in dieser Lage muss sich der Kanzler, der früher einen Hang zum Populismus zeigte, als Staatsmann beweisen. Und tatsächlich, es gelingt ihm. Bislang hat er stets den richtigen Ton getroffen – ruhig, klar, schnörkellos. Er hat die Gratwanderung geschafft, den Ernst der Lage deutlich zu machen und gleichzeitig die Menschen zu beruhigen.

73 Prozent der Österreicher halten die getroffenen Massnahmen für angemessen. Seine ÖVP erreicht in Umfragen gerade mehr als 40 Prozent, das hat es seit Kanzler Wolfgang Schüssel zu Beginn dieses Jahrtausends nicht mehr gegeben. Und auch für den Koalitionspartner steigt die Zustimmung, in Umfragen liegen die Grünen jetzt bei 17 Prozent.

Die türkis-grüne Koalition regiert erst seit Januar und steht schon in einer unvergleichlichen Bewährungsprobe. Doch die Krise schweisst die beiden ungleichen Partner offenbar zusammen. Kurz wirbt bei den Menschen um Verständnis und Vertrauen.

Sebastian Kurz nach einer Sitzung in Wien. Foto: Georg Hochmuth, APA/Keystone
Sebastian Kurz nach einer Sitzung in Wien. Foto: Georg Hochmuth, APA/Keystone

Sein grüner Vizekanzler Werner Kogler, der neben ihm immer so ungekämmt und ungeglättet wirkt, darf auch mal poltern, wenn zum Beispiel ein Sportverein immer noch nicht aufs Training verzichten will. Und dann spielt auch noch der Grüne Rudi Anschober eine immer wichtigere Rolle. Der Gesundheitsminister war früher Volksschullehrer, vielleicht kann er deshalb selbst die härtesten Massnahmen noch sehr sanft und sachlich erklären.

Kurz und Anschober, das sind die politischen Protagonisten dieser Krise, und diese beiden sind es auch, die in der Not nach einer Tugend rufen: Solidarität. Die Jungen sollen sich einschränken, damit die Alten geschützt werden. Helden des Alltags werden ausgesucht – Ärzte, Krankenschwestern, Mitarbeiter in den Supermärkten. Und weil das Ganze auch ein Label braucht, ist «Team Österreich» jetzt im Wettlauf mit dem Virus.

Wien wäre nicht Wien, wenn nicht auch gegrantelt würde

Die Menschen nehmen alles dankbar auf, was ein wenig Licht ins Dunkle bringt. In vielen Hausfluren hängen jetzt Zettel wie dieser: «Liebe Nachbarn der Berggasse 29! In der Zeit, da uns das Corona-Virus zwingt auseinanderzugehen, halten wir es für wichtig, doch zusammenzufinden.» So bieten Nachbarn einander an, Besorgungen zu machen oder sonstige Hilfe zu leisten.

Nach italienischem Vorbild hatten sich Wiener Musiker am Sonntag um 18 Uhr auch zu Balkon-Konzerten verabredet. Lourenço Finatti, der Pianist von nebenan, hat das Fenster geöffnet, und zu hören waren Bachs Goldberg-Variationen. Es gab Applaus im Innenhof.

Doch Wien wäre nicht Wien, wenn andernorts nicht auch gegrantelt würde. Im Netz sind gerade Videos sehr beliebt, auf denen Balkon-Konzerte zu sehen sind – und einer ruft: «Ruhe! So schee is des net.» Woanders soll schon mit der Polizei gedroht worden sein.

Hunderte Skiurlauber angesteckt

Mitten in der Beschwörung des Zusammenhalts gibt es aber auch noch eine Debatte um Schuld und Versäumnisse. Ischgl, der Tiroler Ski- und vor allem Après-Ski-Ort, ist als Ausgangspunkt einer Infektionskette ausgemacht worden, die sich quer durch Europa zieht.

Hunderte Skiurlauber, vielleicht sogar noch weit mehr, sollen sich dort angesteckt haben. Es waren vor allem Skandinavier, aber auch Deutsche. Den Tiroler Behörden wird vorgeworfen, viel zu spät reagiert zu haben. Nicht aus Unwissen, sondern womöglich aus Geldgier, also aus Rücksicht auf die Einnahmen aus dem Tourismus.

In einem Lokal namens «Kitzloch», wo gefeiert wird auf engstem Raum, war ein Barkeeper am 7. März positiv auf das Coronavirus getestet worden. Vom Gesundheitsamt hiess es daraufhin, dass eine Übertragung auf Gäste «aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich» sei, ohne Symptome sei keine weitere Abklärung nötig. Die Bar wurde erst zwei Tage später geschlossen. Da war Ischgl von den Isländern längst zum Risikogebiet erklärt worden.

Zum Inhalt

Seit vergangenem Freitag steht der Ort unter Quarantäne, aber noch am Montagabend ist in der ORF-Nachrichtensendung ZiB 2 zu sehen, wie der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg jeden Fehler von sich weist: «Die Behörden haben alles richtig gemacht», sagt er mit einem Lächeln. «Die ausländischen Medien machen den Eindruck, dass das Coronavirus in Ischgl entstanden ist. Das ist aber nicht so.»

Darüber regen sich viele Menschen auf, in Österreich und jenseits der Grenzen. Doch wirklich weiterhelfen tut die Rückschau niemandem. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen, Unsicherheiten, Gefahren. Und fast jeder hat seine eigenen Fronten, an denen er zu kämpfen hat. Es geht um die Gesundheit, um viele Existenzen und für jeden zunächst einmal darum, die Versorgung zu sichern.

«Brot ist ein Lebensbedürfnis, die Leute brauchen das»

In der Mercerie, einem französischen Café in der Wiener Berggasse, gleich beim Sigmund-Freud-Museum ums Eck, ist der Zugang versperrt von einem quer gestellten Tisch. In den besseren Zeiten hat man hier, das nur am Rande, häufig den Gesundheitsminister Anschober antreffen können. Er liebt den Kaffee und das Flair. Heute aber darf hier niemand mehr rein. Wenigstens die Baguettes und Croissants gibt es noch vom Tisch weg im Strassenverkauf.

«Für mich als Franzose sind drei Dinge wichtig: Wasser, Luft und Brot», sagt der Besitzer Gregory Couillard. «Brot ist ein Lebensbedürfnis, die Leute brauchen das.» Der Tisch soll jetzt jeden Tag im Eingang stehen. Couillard erzählt von Stammkunden wie der Dame von gegenüber, 85 Jahre alt, die sich jeden Morgen bei ihm ihr Baguette holt. «Wenn ich das nicht mehr mache, woher kriegt sie das dann?»

Cafés bleiben wegen der Ausgangssperre geschlossen. Foto: Thomas Kronsteiner, Getty Images
Cafés bleiben wegen der Ausgangssperre geschlossen. Foto: Thomas Kronsteiner, Getty Images

Für die von der Regierung angeordneten Schliessungen hat der Café-Besitzer Couillard Verständnis. Doch mit all den Problemen, die daraus folgen, fühlt er sich alleingelassen. Die Website der Wirtschaftskammer, von der er sich Informationen erhofft, ist längst zusammengebrochen. Er zeigt es auf seinem Smartphone: «Server Fehler 500». Telefonisch ist niemand zu erreichen. «Bei mir sind zehn Leute beschäftigt», sagt er. «Wenn ich keinen Umsatz mehr mache, kann ich keine Gehälter zahlen. Dann müssen wir kündigen.»

Derzeit verdoppelt sich die Zahl der Infizierten alle drei Tage

Mit jedem Tag, der vergeht, werden die Sorgen nur noch grösser, und auch die Reden der Politiker klingen zunehmend bedrohlich. In Frankreich spricht Präsident Emmanuel Macron von einem «Krieg» gegen das Virus. In Österreich stimmt Kanzler Kurz auf Schlimmes ein: «Die Krankheit bringt Leid und vielen Menschen den Tod.» Dies sei «die grösste Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg». Sein Vizekanzler Kogler warnt, dass bei den Infektionen demnächst schon die Hunderttausender-Grenze erreicht werden könne.

Das klingt alarmistisch und noch fern bei aktuell rund 1000 Corona-Fällen – es ist aber schnell nachzurechnen. Derzeit verdoppelt sich die Zahl der Infizierten alle drei Tage. 100'000 wären bei diesem Tempo schon in weniger als drei Wochen erreicht.

Wie sich Wien dafür wappnet, kann man im 2. Bezirk sehen. Bei der U-Bahn-Fahrt dorthin sind die Waggons fast leer, in die Stille hinein schallt es aus den Lautsprechern: «Waschen Sie regelmässig Ihre Hände und husten Sie in die Armbeuge oder in ein Taschentuch.»

Notbetten für Patienten mit milden Kra
Notbetten für Patienten mit milden Kra

Gleich neben dem Prater, wo das Riesenrad still steht, liegt das Messegelände, grosse Hallen aus Stahl und Glas. Hier wird ein Notquartier hergerichtet mit 880 Betten. Untergebracht werden sollen darin Patienten mit milden Krankheitsverläufen, um die Spitäler zu entlasten.

In der Halle A sind alle Fensterflächen blickdicht verschlossen. Durch ein paar Ritzen kann man noch hineinschauen. Stellwände sind zu sehen, Stühle, einzelne Pritschen. Es ist ein trauriger, ein trostloser Anblick.

Zum Inhalt

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch