Ist die Queen für den Brexit?

Ein Londoner Boulevardblatt behauptet, die EU-Absichten von Elizabeth II. zu kennen. Dann ging das Gewitter los.

Politisch stets neutral: Queen Elizabeth weiht in London die erste Haltestelle einer nach ihr benannten U-Bahn-Linie ein.

Politisch stets neutral: Queen Elizabeth weiht in London die erste Haltestelle einer nach ihr benannten U-Bahn-Linie ein. Bild: Richard Pohle/Keystone

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Mit einem «Bombenschlag» hat das Londoner Boulevardblatt «The Sun» am Mittwoch Politiker und brave Bürger im Vereinigten Königreich aufgeschreckt. Die Queen, verkündete die Zeitung auf ihrer Titelseite, wolle den britischen Austritt aus der EU. Das habe sie bei einem Gala-Essen in Windsor Castle vor fünf Jahren dem damaligen Vizepremier Nick Clegg gegenüber deutlich gemacht – weil ihrer Ansicht nach die EU in «die falsche Richtung» ziehe.

Clegg, dazu befragt, konnte sich an eine solche Konversation «nicht erinnern». Das Ganze «sei Unsinn», fügte er eilends hinzu. Hier suchten Leute, «die uns aus der EU raushaben wollen», doch nur, «um ihrer eigenen Zwecke willen die Königin ins EU-Referendum hineinzuziehen». Auch ein Palast-Sprecher dementierte. «Die Königin ist heute genauso politisch neutral, wie sie es seit 63 Jahren immer gewesen ist», hiess es bei Hofe. Auf «unechte, anonyme» Quellen wie die von der «Sun» zitierten gebe man im Buckingham Palace wirklich nicht viel.

Komplott der EU-Gegner?

EU-Befürworter auf der Insel witterten denn auch prompt ein Komplott der Gegenseite. Nicht nur ist «Sun»-Verleger Rupert Murdoch für seine Brexit-Sympathien bekannt. Auch Murdochs zweites britisches Blatt, die Londoner «Times», beteiligte sich beflissen an der Detonation der «Bombe». Und andere Blätter, die täglich gegen die EU schiessen, wie «Daily Mail» und «Daily Telegraph», stürzten sich mit ebensolcher Freude auf die Nachricht wie prominente Tory-Politiker des Brexit-Lagers. Nichts könnte so viel Wind in ihre Segel blasen wie ein freundliches Wort der Monarchin: Zumal die Mehrheit des Establishments an der EU festhalten will.

Argwohn erweckte auch die Information, dass einer der Minister, die das damalige Gespräch der Queen mit Nick Clegg mitgehört haben sollen, der Tory-Rechte Michael Gove war – heute einer der Anführer der Brexit-Kampagne. Hatte Gove sich hier etwas Cleveres ausgedacht? Zuletzt wurde er vorigen Samstag auf Murdochs Hochzeit mit Jerry Hall gesehen.

Die «Sun» fand solche Einwände unfair. Sie wisse mit Bestimmtheit, meldete die Zeitung, dass die Queen dem Pro-Europäer Clegg «zornig», «emotional» und «eine ganze Weile lang» ihre Meinung gesagt habe. Sie habe keinen Zweifel «an ihren leidenschaftlichen Gefühlen betreffs Europa gelassen» und einmal sogar erklärt: «Ich verstehe Europa nicht.» Die umsitzenden Gäste seien «stumm vor Staunen» gewesen. Das war, hiess es, im April 2011.

Auch Prinz William in Brexit-Kritik

Witzigerweise waren der Queen noch im vorigen Sommer Vorhaltungen aus genau gegensätzlicher Richtung gemacht worden. Bei einem Staatsbankett in Berlin hatte sie erklärt, Spaltungstendenzen Europas seien «gefährlich», und ihr Land habe «immer eine Schlüsselrolle in Europa» gespielt. Vor kurzem noch hatte auch Prinz William Europa-Freundliches in eine Rede einfliessen lassen und damit bei Brexit-Befürwortern Ärger erregt.

Was die Royals freilich privat denken, weiss niemand genau zu sagen. Wenige Tage vorm schottischen Unabhängigkeitsreferendum im Herbst 2014 hatte die Königin ihre Untertanen ja immerhin gemahnt, bei der Entscheidung besser «sehr sorgsam über die Zukunft nachzudenken». Als Premier Cameron ihr später die Nachricht vom Erhalt des Königreichs mitteilte, soll sie – so Cameron – «geschnurrt» haben vor Vergnügen.

Aber das war nicht für Öffentlichkeit gedacht. In der Öffentlichkeit fällt die Maske selten. Da hat sich die Monarchin im Griff. Bei den Wettbüros auf der Insel glaubt jedenfalls kaum jemand, dass Elizabeth II. – falls das wirklich ihr Wunsch und Begehr wäre – je öffentlich für Brexit in die Bresche springen würde. Die Chancen stehen dort 100 zu 1.

Erstellt: 09.03.2016, 15:02 Uhr

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