Die Street-Art, die Corbyn zum Verhängnis wird

Eine antisemitische Karikatur sechs Monopoly spielender Männer sollte in London übermalt werden. Dagegen sprach sich der Labour-Chef aus. Die Hintergründe.

«Ich bedaure aufrichtig, dass ich das Wandbild nicht genauer betrachtet habe»: Die Hanburystreet in London. Bild: Twitter / Funk Mainstream

«Ich bedaure aufrichtig, dass ich das Wandbild nicht genauer betrachtet habe»: Die Hanburystreet in London. Bild: Twitter / Funk Mainstream Bild: Reuters

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Dass sich die politischen Extreme oft berühren, weiss man nicht erst, seit Horst Mahler, Zahnarztsohn, Rechtsanwalt und späterer Mitbegründer der RAF, in den Neunzigerjahren vom Linksterroristen zum Neonazi mutierte. Was radikale Rechte und Linke teilen, ist der Glaube an Verschwörungstheorien. Die Einbildung, man habe der Welt ihr Geheimnis entrissen, sei mit der Wahrheit im Bunde, verbindet die äussersten Randzonen des Politischen. Einig sind sich die beiden Lager auch in der Frage, wie man mit internen Abweichlern zu verfahren habe. Diese sind in jedem Fall zu neutralisieren. In Rechtsstaaten wird das Problem durch Mobbing oder Parteiausschluss gelöst. In Diktaturen durch Auftragsmord oder Schauprozess mit anschliessender Exekution.

Die Unterschiede zwischen den linken und rechten Extremen liegen vorab auf der semantischen Ebene. Rassistisch bis ins Mark, sehen Rechtsradikale die Welt von Juden beherrscht. Bei der radikalen Linken geht das Zersetzende nicht von den Juden aus, sondern vom raffgierigen, global organisierten Kapital.

Das jüngste Anzeichen dafür, dass sich die Extreme zuweilen an gewissen Punkten touchieren, liefert ausgerechnet einer der gegenwärtigen Hoffnungsträger der sozialistischen Linken in Europa. Er heisst Jeremy Bernard Corbyn und ist 68 Jahre alt. Seit 1983 sitzt er für den Londoner Stadtkreis North Islington im britischen Unterhaus. Der ganz grosse Durchbruch gelang ihm, weitgehend unerwartet, 2015. Nachdem die Labour Party bei den nationalen Wahlen eingebrochen war, erkor die stark verjüngte und radikalisierte Basis den Altlinken Corbyn zum Parteiführer.

Sympathien für autoritäre Regimes

Jeremy Corbyn hatte während seiner gesamten Laufbahn am linken Parteirand politisiert. Innenpolitisch kämpfte er gegen die Austeritätspolitik und für die Verstaatlichung öffentlicher Einrichtungen wie etwa der Eisenbahn. Aussenpolitisch sympathisierte er immer schon mit autoritären Regimes, solange sie sich zum Sozialismus bekannten. Auf Protestversammlungen setzte er sich für Befreiungsbewegungen in der ganzen Welt ein, solange sie radikal links und antiwestlich ausgerichtet waren.

Viele der noch in der Partei verbliebenen Juden empfanden Corbyns Reaktion als zu beliebig.

Seit seiner Jugend kämpft er gegen den globalen Imperialismus, wozu er neben den USA und dem britischen Establishment vor allem auch Israel zählt. Corbyn ist ein erklärter Freund von Hamas und Hizbollah. Vor seiner Wahl zum Parteiführer lobte er Raed Salah, einen der Führer des Islamic Movement in Israel, der die Legende vom jüdischen Ritualmord vertritt. Diese besagt, dass Juden beim Pessachfest ihre Mazzen in das Blut getöteter Christenkinder tunken. Dem Vorwurf jüdischer und nichtjüdischer Parteimitglieder, die Labour-Linke habe ein Antisemitismusproblem, begegnete Corbyn bislang stets mit derselben Formel: Für Rassismus, egal welcher Art, gebe es in seiner Partei keinen Platz.

Viele der noch in der Partei verbliebenen Juden empfanden Corbyns Reaktion als zu beliebig. Als es am 18. April im britischen Unterhaus zu einer Debatte zu Labours Antisemitismusaffäre kam, verliess Corbyn wiederholt den Saal. Während der Debatte berichteten die gemässigten Labour-Abgeordneten Luciana Berger und John Mann von den wüsten antisemitischen Hetzereien und Drohungen, denen sie und ihre Familien sich aufgrund ihrer Kritik an der Parteiführung seit Monaten ausgesetzt sehen. Beide Politiker erhalten täglich Hunderte antisemitischer Tweets. Viele sind mit dem Hashtag #JeremyCorbyn4PM (Jeremy Corbyn for Prime Minister) versehen. Die moderateren Tweets beschuldigen die parteiinternen Abweichler, Jeremy in den Dreck ziehen zu wollen; in anderen ist von einer jüdischen oder zionistischen Verschwörung die Rede; die radikalsten stossen Drohungen aus.

Die von sephardischen und askenasischen Juden abstammende Berger bemerkte in ihrer Rede, in der Parteilinken gehöre Antisemitismus heute zur Normalität. Wer es wage, darauf hinzuweisen, werde versteckt oder offen gemobbt oder gar bedroht.

Die falsche Frage

Handelt es sich bei Corbyn und seiner beachtlichen Fangemeinde um Antisemiten? Ausser in Fällen, wo sich jemand ausdrücklich antisemitisch äussert, lässt sich diese Frage nicht beantworten. Jeder verantwortungsvolle Psychiater wird Ihnen versichern, dass man Menschen nicht in die Seele schauen kann. Bei der Frage, ob eine Person Antisemit sei, handelt es sich also in der Regel um die falsche Frage.

Kämpft gegen den globalen Imperialismus, wozu er neben den USA vor allem auch Israel zählt: Jeremy Corbyn. Foto: Reuters / Toby Melville

Die einzig relevante Frage, die sich bei diesem Thema stellt, lautet: Hat sich jemand antisemitischer Denkmuster oder Bilder bedient oder die Benutzung solcher Denkmuster oder Bilder als legitim bezeichnet? Im Falle Corbyns und vieler, die ihn seit Wochen durch dick und dünn verteidigen, lässt sich die zweite Frage leicht beantworten. Der Labour-Parteichef hatte sich 2012 auf Facebook gegen die Entfernung eines Wandbilds des amerikanischen Graffitikünstlers Kalen Ockerman alias Mear One ausgesprochen. Nachdem Anwohner sich über das Gemälde an der Brick Lane im Londoner East End beschwert hatten, liessen es die Stadtbehörden von Tower Hamlets entfernen.

Auf dem mehrere Quadratmeter grossen Wandgemälde sind sechs alte, grimmig dreinschauende weisse Männer zu sehen, die miteinander eine Art Monopoly spielen und Geldscheine zählen. Vier von ihnen haben auffällig grosse oder hakenförmige Nasen. Auf dem Brett, auf dem die sechs Männer ihr geldgieriges Spiel treiben, sieht man auch Raketen, Waffen, rauchende Schlote, Fabriken, villenartige Häuser sowie die amerikanische Freiheitsstatue. Darunter befinden sich nur schemenhaft dargestellte, geknechtete Gestalten von dunkler Hautfarbe. Sie sind nackt. Am oberen Bildrand sieht man das Symbol der Geheimgesellschaft Illuminati. Mit anderen Worten: Beim Wandbild mit dem Titel «Freedom for Humanity» handelt es sich, für den historisch nicht völlig unbedarften Betrachter gut erkennbar, um eine antisemitische Karikatur.

Video: Eine jüdische Weltverschwörung Unübersehbare Nasen: «Freedom for Humanity» von Mear One. Video: Youtube/MearOneHD

Nach den Vorwürfen bedauerte Corbyn, das Werk von Mear One nicht genau genug betrachtet zu haben. Über BBC News liess er am 23. März dieses Jahres verlauten: «Ich bedaure aufrichtig, dass ich das Wandbild, zu dem ich mich damals äusserte, nicht genauer betrachtet habe. Die Aussage des Bildes ist tief verstörend und antisemitisch.» Dass seine Partei ein Antisemitismusproblem habe, bestritt er. Der Antisemitismus, so bemerkte er in den letzten Wochen wiederholt, sei ein Übel und müsse aus der Gesellschaft ausgemerzt werden. Ausserhalb des Kreises der Corbyn treu Ergebenen überzeugte seine Antwort kaum jemanden.

«Die Aussage des Bildes ist tief verstörend und antisemitisch.»Jeremy Corbyn, Vorsitzender der Labour Party

Corbyn wusste wohl, welche Botschaft das Gemälde mit den Monopoly spielenden Greisen enthielt. Genauso wie er wusste, worum es ging, als er sich im Unterhaus, sechs Monate vor 9/11, gegen ein Verbot von al-Qaida und anderen terroristischen Organisationen aussprach. Oder als er im Februar 2006 auf einem Protestmarsch in London die Mohammed-Karikaturen des dänischen «Jyllands-Posten» mit grosser Vehemenz verurteilte. Das Werk von Mear One hatte Corbyn 2012 mit Bezug auf die Meinungsfreiheit verteidigt. Bei der islamkritischen Karikatur, die in der dänischen Zeitung 2006 erschienen war, hatte er das Argument der Meinungsfreiheit noch als rassistisches Täuschungsmanöver taxiert.

«Angriff ist die beste Verteidigung»

Dagegen gab sich Kalen Ockerman ganz unverkrampft, als ihm Kritiker vorwarfen, er habe mit seinem Wandgemälde eine jüdische Weltverschwörungsszene darstellen wollen. Auf die Losung «Angriff ist die beste Verteidigung» setzend, meinte er 2015 auf Facebook: «Einige der älteren weissen Juden unter den Bewohnern hatten ein Problem damit, dass ich die von ihnen verehrten Rothschilds und Warburgs etc. als die Dämonen dargestellt habe, die sie nun einmal sind.»

Es geht also in dieser Geschichte nicht um das Gewissen Jeremy Corbyns oder um den Zustand der britischen Linken.

«Weisse Juden» – die Formulierung ist interessant und aufschlussreich. Warum sprach Ockerman nicht einfach von «Juden», sondern von «weissen Juden»? Der Grund dafür lässt sich unschwer eruieren. Er wirft ein Schlaglicht auf die Weltsicht der radikalen Nachkriegslinken, die der Graffitimaler in seinen viel beachteten Gemälden zum Ausdruck bringt. In Ockermans Bildsprache verkörpern die alten Juden die Kulmination des reichen, a priori imperialistischen und deshalb mit unauslöschlicher Schuld beladenen Westens.

Ein besonders subtiler Kommentar zur Verknüpfung von modernem Antisemitismus und postkolonialistischer Befreiungsideologie stammt vom kritischen Marxisten Moishe Postone. Der jüngst verstorbene Ideenhistoriker der University of Chicago sah in der «pseudoemanzipatorischen Dimension» dieses Antisemitismus den Hauptgrund, weshalb er auf die Linke eine so grosse Anziehungskraft ausübe: «Vor einem Jahrhundert bezeichnete die Rechte in Deutschland die globale Weltherrschaft als ein Produkt von Juden und Briten. Aus der Optik der heutigen Linken ist sie dagegen das Produkt Israels und der USA. Das Denkmuster ist dasselbe. Wir haben es mit einer Form des Antisemitismus zu tun, der sich progressiv und ‹antiimperialistisch› gibt. Das macht ihn für die Linke zu einer echten Gefahr.»

Corbyn und Gleichgesinnte glauben an die unantastbare Wahrheit und Tugendhaftigkeit der eigenen politischen Sache.

Es geht also in dieser Geschichte nicht um das Gewissen Jeremy Corbyns oder um den Zustand der britischen Linken. Es geht nicht darum, jemanden zu diffamieren oder reinzuwaschen. In einer Zeit, da jüdische Schulen und Institutionen weltweit nur unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ihr Tagwerk verrichten können, sollte man sich auch nicht darüber streiten, ob der Antisemitismus im Ansteigen begriffen sei. Corbyn und Gleichgesinnte gehen von der Prämisse aus, ins Reich des Guten führe nur die Zerstörung des Bösen. Sie glauben an die unantastbare Wahrheit und Tugendhaftigkeit der eigenen politischen Sache. Dieser Überlegenheitsglaube kennzeichnet die radikale Linke. Seine Nährstoffe bezieht er aus der mit militant antiwestlichen Ressentiments gespickten politischen Landschaft der Nachkriegszeit.

Kalen Ockerman hat sein Wandgemälde nicht zufällig «Freedom for Humanity» genannt. Die Vorstellung, wonach die Befreiung der geknechteten Menschheit am ehesten gelinge, indem man Monopoly spielenden Greisen mit unübersehbaren Nasen den Kampf ansagt, scheint Corbyn irgendwie eingeleuchtet zu haben. Mear One und Jeremy. Zwei weisse Männer – ein Geheimnis.

(Das Magazin)

Erstellt: 15.05.2018, 10:53 Uhr

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