Istanbuls Bürgermeister geht auf Betteltour

Ekrem Imamoglu treibt für Istanbul in Europa Geld auf. Denn von Erdogan gibt es nichts.

Umtriebiger Bürgermeister: Ekrem Imamoglu. Foto: Reuters

Umtriebiger Bürgermeister: Ekrem Imamoglu. Foto: Reuters

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In Berlin war er und in Kopenhagen. In Paris hat er die Bürgermeisterin umarmt, in London versonnen auf die Themse geblickt. Viele Istanbuler haben sich gewundert, was ihr Bürgermeister so treibt fernab der Heimat. Einige haben auch gelästert, dass Ekrem Imamoglu durch die halbe Welt reist, statt in seinem Rathaus zu sitzen. Nun wissen es alle: Bürgermeister Imamoglu war auf Betteltour.

Die Megametropole am Bosporus braucht dringend Geld. Die türkischen Staatsbanken aber wollen ihr keine Kredite mehr geben, seit im Juni der Oppositionspolitiker das Oberbürgermeisteramt erobert hat – nach einem Vierteljahrhundert Vorherrschaft von Recep Tayyip Erdogan und dessen Parteifreunden. «Unglücklicherweise sind die Türen der Staatsbanken für uns völlig verschlossen», sagte Imamoglu jetzt. Nicht mal für «tägliche Routinebedürfnisse» der Verwaltung gebe es Kredit. «Traurig» findet Imamoglu das. Deshalb habe er Geldquellen im Ausland gesucht. Mit Erfolg. Einen Kredit von 110 Millionen Euro gab die Deutsche Bank, auch französische Institute zeigten sich spendabel.

Was hat Goliath nicht alles versucht, um diesen David zu stoppen: Zweimal wurde in Istanbul gewählt, zweimal hat Imamoglu gewonnen. 

Damit werden zwei U-Bahn-Linien weitergebaut, auf der asiatischen Seite Istanbuls. Die Projekte waren schon vor der Kommunalwahl gestoppt worden, wegen der türkischen Finanzkrise. Mit einem Festakt wurde der Neustart gefeiert. Das ist nun wieder einigen nicht recht. «Gibt es in der Türkei denn keine Banken?», twitterte ein Kritiker des OB, ein anderer blaffte den Bürgermeister an: «Was hast du denen gegeben, damit sie dir Kredit gewähren?»

Das war die falsche Frage, denn Imamoglu hat überall nur seine Geschichte erzählt, die ja irgendwie märchenhaft ist. Vom unbekannten Provinzpolitiker, der sich mit dem mächtigsten Mann des Landes anlegt und am Ende die grösste Trophäe gewinnt, die es in der Türkei – nach dem Präsidentenamt – gibt. Und was hat Goliath nicht alles versucht, um diesen David zu stoppen: Zweimal wurde in Istanbul gewählt, zweimal hat Imamoglu gewonnen. Als Erdogan nach der Kommunalwahl die neuen Bürgermeister in seinen Palast lud, brach ausgerechnet der Stuhl, den man Imamoglu zugewiesen hatte, zusammen. Zufall?

Regierung braucht auch Geld

Der Bürgermeister wurde auch aus einer Kommission ausgeschlossen, die Lösungen für kommunale Probleme suchen soll. Die Chefin seiner säkularen Partei CHP in Istanbul wurde wegen ein paar alter Tweets vor Gericht gestellt und zu fast zehn Jahren Haft verurteilt; sie ist noch frei, weil sie in die Berufung ging. «Psychologisch motiviert» nannte Imamoglu die Weigerung der Regierung, mit ihm zusammenzuarbeiten. «Ein natürlicher Reflex nach einem Machtwechsel», aber in Ankara würden sie sich schon noch an die neuen Verhältnisse gewöhnen. Das klang, als glaube Imamoglu weiter an sein Wahlkampfmotto: «Alles wird gut.»

Wegen der Finanzkrise wirbt die Regierung selbst überall um ausländisches Kapital. Dass ausgerechnet Imamoglu Kredit bekam, dürfte sie besonders ärgern. Und die Metro ist populär. Früher fuhr sie bis Mitternacht, jetzt fährt sie an Wochenenden rund um die Uhr. Ein Geschenk an die feierfreudige Istanbuler Jugend. Imamoglu hat es so entschieden. 

Erstellt: 28.11.2019, 19:30 Uhr

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