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Italien riegelt seinen Norden ab – 16 Millionen Menschen betroffen

Nur wer «unaufschiebbare» Motive hat, darf die Lombardei und 14 nördliche Provinzen noch betreten oder verlassen. In der Nacht gab Premier Conte diese Corona-Massnahmen bekannt.

Oliver Meiler
Menschen eilen in Mailand und Padua an die Bahnhöfe, um die neue Sicherheitszone noch vor der Sperre zu verlassen. Video: Tamedia

Es ist, als würde Italien die Jalousien herunterlassen. Der Norden des Landes, das Herz seiner Wirtschaft, ist gesperrt. Die gesamte Lombardei sowie vierzehn Provinzen Venetiens, der Emilia Romagna, des Piemonts und der Marken gehören ab sofort in eine Sicherheitszone, die nur noch betreten und verlassen darf, wer «schwerwiegende», «unaufschiebbare» und «nachweisbare» Motive hat: Arbeit, persönliche Notfälle. So steht es in einem neuen Dekret der Regierung, mit dem die Italiener die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen versuchen. Betroffen sind 16 Millionen Menschen.

Es war zwei Uhr früh, mitten in der Nacht auf Sonntag, als Italiens Premier Conte nach langer Krisensitzung seines Kabinetts vor die Medien trat. Es handle sich nicht um eine «totale Blockade». Züge und Flüge werde es weiterhin geben, auch wolle er das Gebiet nicht «Zona rossa» nennen, rote Zone: «Aber ja, das sind sehr rigorose Massnahmen.»

Premier Guiseppe Conte gab das neue Dekret in der Nacht bekannt. Foto: Keystone
Premier Guiseppe Conte gab das neue Dekret in der Nacht bekannt. Foto: Keystone

Dazu gehört auch die Schliessung aller Museen, Theater, Kinos, Fitnesscenter, Kulturinstitute, Schwimmbäder und Skiorte. Die Schulen, die ursprünglich bis Mitte März hätten geschlossen bleiben sollen, werden in der Sicherheitszone nun frühestens Anfang April wieder öffnen. Konkret sind neben der Lombardei folgende Provinzen gemeint: Venedig, Treviso, Padua, Modena, Parma, Piacenza, Reggio Emilia, Rimini, Pesaro, Urbino, Novara, Alessandria, Asti, Verbano Cusio Ossola und Vercelli. Verboten sind Hochzeitsfeste, Bestattungsfeiern und religiöse Prozessionen.

Bars und Restaurants können weitermachen, jeweils von 6 bis 18 Uhr, aber nur, wenn ihre Räumlichkeiten auch genügend gross sind, dass die Kunden mindestens einen Meter Distanz zueinander halten können. Die Polizei kann ein Lokal, das die Vorschriften nicht erfüllt, büssen und notfalls schliessen.

Und sie darf Personen, die im Auto unterwegs sind, anhalten und fragen, warum sie unterwegs sind – selbst wenn sie sich innerhalb der Sicherheitszone bewegen. Für ganz Italien gilt ausserdem ein Öffnungsverbot für Pubs, Diskotheken und Casinos, vorerst bis 3. April.

Nach Hause bevor alles blockiert ist

Er sei sich der Tragweite des Dekrets bewusst, sagte Conte: «Ich trage dafür die volle politische Verantwortung.»

Die Präsidenten der Regionen Lombardei, Veneto und Emilia Romagna zeigten sich zunächst irritiert über das Paket. Es schaffe mehr Verwirrung als Klärung, sagten sie. Niemand wisse, was man noch tun dürfe und was nicht.

Welcher Grund ist zum Beispiel gut genug, um eine Geschäftsreise zu rechtfertigen? Was ist mit dem Güterverkehr? Und wie soll der Staat überhaupt sicherstellen, dass auch wirklich niemand die Zone verlässt oder betritt, der das nicht tun sollte – etwa mit Armee auf Autobahnen und Provinzstrassen? Das gesperrte Gebiet ist viel zu gross, als dass es sich kontrollieren liesse.

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Ein Teil der allgemeinen Konfusion rührte auch daher, dass bereits in den Stunden vor Contes Medienauftritt geleakte Entwürfe des Dekrets durchs Netz gingen. Dutzende Süditaliener, die in Mailand leben, machten sich sofort auf zur Stazione Centrale, dem Hauptbahnhof, um schnell noch an ihren Heimatort zu kommen, bevor alles blockiert würde. Viele hatten nicht einmal eine Fahrkarte. Conte versicherte nun, dass Familienzusammenführungen in Notfällen auch weiterhin möglich seien.

Mehr medizinisches Personal aufgeboten

Die Verschärfung ihres Kurses erscheint der Regierung deshalb notwendig, weil die Zahl der Ansteckungen in den vergangenen Tagen stärker angewachsen ist als angenommen – der Höhepunkt scheint noch eine Weile weg zu sein. Das Gesundheitssystem im Norden gerät zusehends an seine Grenzen, vor allem in jenen Krankenhäusern, die Infizierte auf der Intensivstation behandeln.

Conte kündigte an, dass er 20'000 Ärzte und Pflegepersonen aus anderen Regionen des Landes und aus privaten Kliniken aufgeboten habe. Sie sollen die Stresslage lindern.

Im ehemaligen Militärspital im Bezirk Baggio in Mailand können bis zu 60 Infizierte behandelt werden. Foto: Mourad Balti Touati, Keystone
Im ehemaligen Militärspital im Bezirk Baggio in Mailand können bis zu 60 Infizierte behandelt werden. Foto: Mourad Balti Touati, Keystone

Im Moment sind in Italien Stand Sonntagabend 7375 Infektionsfälle bekannt, die meisten Erkrankten kommen aus der Lombardei. Seit Ausbruch der Epidemie sind 366 Menschen an oder mit dem Virus gestorben. Angelo Borrelli, der Chef des nationalen Zivilschutzes und Sonderkommissar in der Krise, erklärte am Wochenende, das Durchschnittsalter der verstorbenen Personen liege bei 81 Jahren. Männer zwischen 80 und 100 seien die anfälligste Bevölkerungsgruppe.

Nur zwei Prozent der Opfer seien vor der Ansteckung mit Covid-19 gesund gewesen, sagte Borrelli. Alle anderen waren bereits schwer krank, als sie sich ansteckten, sie litten an Herz- und Lungenproblemen.

Borrelli schwor die Italiener auf einen «Pakt der Verantwortung» ein. Es sei Zeit, dass der oberflächliche Umgang mit dem Risiko, wie man ihn da und dort beobachten könne, endlich aufhöre. So wurde zum Beispiel bekannt, dass ein betagtes Ehepaar aus Codogno, dem wahrscheinlichen Ursprungsherd der Virusverbreitung in Italien, die beschlossene Sperre der dortigen «Zona rossa» missachtete und ins Trentino zum Skilaufen fuhr. Beide sind mit dem Erreger infiziert und liegen in Trento in Behandlung.

Sonntägliches Papstgebet nur noch im Stream

Angesteckt hat sich auch Nicola Zingaretti, der Vorsitzende des mitregierenden Partito Democratico und Gouverneur der Region Latium. Er meldete sich über Facebook von zuhause, es gehe ihm gut, er kämpfe gegen die Krankheit. Da Zingaretti in jüngerer Vergangenheit zu vielen Kollegen Kontakt hatte, stellten sich nun auch andere Politiker und Minister unter Selbstquarantäne. Wie es im Parlament weitergehen soll, jetzt, da die Senatoren und Abgeordneten aus dem Norden nicht mehr nach Rom reisen sollen, ist nicht so klar.

In Rom gab es am Sonntag noch eine weitere Premiere. Der Papst sprach das Angelusgebet nicht wie üblich vom Fenster des Apostolischen Palastes, sondern aus einer Kapelle. Von dort wurde es in die Welt gestreamt. Eine Präventivmassnahme sei das, sagte Franziskus. Um Menschenansammlungen zu verhindern, wird er sich nun für eine Weile nicht mehr am Fenster zeigen. Die Piazza San Pietro war fast leer.

Nur der Fussball soll weitergehen, vorderhand wenigstens. Ohne Zuschauer zwar, aber doch. Die Mailänder Zeitung «Corriere della Sera» fand, das sei richtig so, die Fussballer sollten den Italienern ein bisschen Freude bereiten in unerfreulichen Zeiten. Doch diese Meinung ist umstritten. Der Präsident der Spielergewerkschaft, Damiano Tommasi, fordert einen sofortigen Abbruch der Meisterschaft der höchsten Liga, der Serie A. Andere verlangten eine Pause von mindestens einem Monat. Und Sportminister Vincenzo Spadafora riet den Bezahlsendern, sie möchten doch wenigstens die Begegnungen für alle freischalten. Viel Erfolg war dem Wunsch jedoch nicht beschieden.

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