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Italien will kein Lazarett werden

Ein sprunghafter Anstieg von Coronavirus-Infektionen hält die italienische Regierung in Atem. Premier Conte versucht derweil, das Volk zu beruhigen.

Oliver Meiler, Rom
Ein Dutzend Gemeinden betroffen: Sanitäter in der italienischen Stadt Codogno. Foto: Keystone
Ein Dutzend Gemeinden betroffen: Sanitäter in der italienischen Stadt Codogno. Foto: Keystone

In Norditalien wächst die Angst vor einer raschen Verbreitung des Coronavirus. Alle paar Stunden gibt es neue Zahlen, neue Fälle, 132 Menschen sollen schon infiziert sein. Und was die Sorge noch vergrössert: Man weiss noch nicht, wie das Virus, das die Epidemologen Sars-Cov-2 nennen, nach Codogno in der Lombardei und nach Vo‘ in Venetien gelangt sein könnte. So heissen die beiden Gemeinden, von denen die Experten denken, sie seien die Zentren zweier Herde. Betroffen sind auch zehn Gemeinden rund um Codogno und Vo‘ herum, insgesamt ungefähr 50 000 Einwohner. Drei Menschen sind gestorben, ein älterer Mann und zwei ältere Frauen. Von allen nimmt man an, dass sie an Covid-19 starben, so nennt man die Krankheit.

Das Dutzend Gemeinden wurde am Wochenende auf Geheiss der italienischen Regierung abgeriegelt - nach dem «Modell Wuhan». Niemand darf rein, niemand darf raus. Damit die Menschen genügend Lebensmittel und Medikamente erhalten, wurden «sterilisierte Korridore» eingerichtet. An allen Einfahrten zu der Zone hat der Staat Polizei und Carabinieri postiert. Wer dennoch versucht, das Gebiet zu verlassen, dem drohen drei Monate Haft und eine Geldstrafe bis 206 Euro.

Nur mit totaler Isolation, so glaubt die Regierung, lässt sich die Lage vielleicht unter Kontrolle bringen. Premier Giuseppe Conte trat nach der Krisensitzung in Rom für einmal ohne Krawatte auf, nur in Hemd und Pullover. Conte wollte wohl möglichst väterlich beruhigend wirken. Italien, sagte er, werde kein Lazarett werden.

Video: Leere Gassen in Codogno

Miniaturausgabe von Wuhan: Die Strassen von Codogno sind fast menschenleer. Video: AP

Man habe die Gefahren auch nie unterschätzt. Italien war eines der ersten europäischen Länder, das Flüge von und nach China untersagte. Wenn nötig, sagte Conte weiter, sei man auch bereit, das Militär aufzubieten, um den «Gürtel um die betroffenen Orte» fester anzuziehen. Von einer Aussetzung von «Schengen», der europäischen Personenfreizügigkeit, sehe man vorderhand aber ab. Das sei nicht nötig. Diese Präzisierung hat einen politischen Hintergrund: Die oppositionelle Lega, Matteo Salvinis Rechtspartei, hatte die Regierung aufgefordert, das Land dichtzumachen. Allzu polemisch kann sie sich aber nicht gebärden, denn die Gouverneure der nun besonders geprüften Lombardei und Venetiens, Attilio Fontana und Luca Zaia, sind Salvinis Parteifreunde.

Conte gab auch zu bedenken, dass die nun offenbarten Zahlen über Infektionen in Norditalien vor allem bewiesen, wie gut das Land Bescheid wisse über die Verbreitung des Virus. Oder anders: Wenn in anderen Ländern im Westen die bekannten Fälle weniger zahlreich seien, könne das auch daran liegen, dass diese Länder weniger gut aufpassten. Mit über hundert Fällen gilt Italien nun als das am stärksten betroffene Land ausserhalb Asiens, es zählt nun auch mehr als Singapur.

Weitaus am meisten Infektionen soll es in der Lombardei geben, einem wirtschaftlichen Powerhouse Italiens mit Mailand als Zentrum, nämlich 89. Giuseppe Sala, der Mailänder Bürgermeister, liess alle Schulen der Stadt für eine Woche schliessen. Er wolle damit nicht Alarmismus verbreiten, sagte auch er. Die Massnahme dünke ihn einfach vernünftig. Die Regionalverwaltungen zogen nach und weiteten den Entscheid auf alle Schulen in der Lombardei und im Veneto aus. Auch die Universitäten bleiben zu.

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Die Modemacher Giorgio Armani und Laura Biagiotti beschlossen unterdessen, ihre schon lange programmierten Schauen vom Sonntag ohne Publikum zu veranstalten, es läuft eben gerade die Modewoche in Mailand. Damit eine nicht unbedingt nötige Menschenansammlung vermieden würde, sollten die Defilees nur im Netz gestreamt werden. Sogar der Fussball stand still, und das will etwas heissen in Italien. Vier Sonntagsbegegnungen aus der Serie A, der höchsten Liga, wurden verschoben. Alle hätten im Norden stattfinden sollen: in Mailand, Bergamo Verona und Turin.

In den Kirchen im Veneto wurde vom Friedensgruss abgeraten. Die Diözesen wiesen die Pfarrer an, die Hostie bei der Feier der Eucharistie für einmal den Gläubigen nicht auf die Zungen zu legen, sondern in die Hand. In Venedig wurden zwei Infektionen publik, so wurde auch der weltberühmte Karneval abgesagt.

Besonders eindrücklich waren die Bilder, die aus Codogno und Casalpusterlengo im Lodigiano kamen, die Strassen waren leer, die Läden und Lokale geschlossen. In die Apotheken wurden Personen nur einzeln vorgelassen. Zunächst glaubte man, die Ansteckungskette nachverfolgen zu können. Als Patient 0 galt ein 41-jähriger italienischer Manager, der die meiste Zeit des Jahres in China verbringt und Anfang Februar mit China Airlines von Shanghai nach Mailand flog, für einen Heimurlaub. Er hatte grippeähnliche Symptome, wie man sie auch vom Coronavirus kennt. Er steckte, so dachte man, einen Freund an, den die Zeitung «Corriere della Sera» aus Mailand «Mattia» nennt: 38 Jahre alt, aus Codogno, Forscher bei der Firma Unilever in Casalpusterlengo.

Stadt Codogno gar nicht Ausgangspunkt?

Dieser «Mattia», ein ausserordentlich sportlicher Mann, passionierter Läufer und Fussballer, soll Patient 1 sein. Seit einigen Tagen liegt er im Krankenhaus auf der Intensivstation. Auch seine Frau hat sich angesteckt, sie ist im achten Monat schwanger. In grossen Graphiken zeigen die italienischen Zeitungen, wo «Mattia» im Februar überall war: Er nahm an mehreren Rennen teil, ging mit Freunden ins Pub, werktags arbeitete er im Unternehmen. Insgesamt 250 Menschen sollen in der kurzen Zeit vor seiner Einlieferung in direktem Kontakt mit Patient 1 gewesen sein.

Bei Patient 0 zeigte sich nun aber, dass er nur eine normale Grippe hatte. Auf Sars-Cov-17 testete er negativ. Das war am Samstagabend. Und so erfreulich das für den Manager ist: Für die Bekämpfung der Epidemie ist es ein Rückschlag, man steht wieder am Anfang.

Vielleicht ist Codogno gar nicht der Ausgangspunkt der Epidemie in Italien. Vielleicht kommt das Virus von anderswo. Und was ist mit Städten wie Florenz und Rom, wo auch in den vergangenen Wochen Touristen aus aller Welt unterwegs waren – auch solche aus China?

In Italien ringt man gerade mit vielen Fragen, von denen man nicht recht weiss, wie besorgniserregend sie wirklich sind.

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