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Italiens Angst vor dem Ausverkauf

Sie kommen aus China, der Schweiz oder Katar: Ausländische Investoren kauften letztes Jahr mehr als 430 italienische Unternehmen. Im Land wächst der Widerstand. Einige Beobachter sehen aber auch Chancen.

Der italienische Pasta-Hersteller gehört zu Nestlé: Ravioli-Packungen für den spanischen Markt.
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Reuters
Der Volkswagen-Konzern schluckte die Traditionsmarke Ducati: Volkswagen-Vorstandsvorsitzender Ferdinand Piech vor dem Logo des Motorradherstellers in Hamburg. (19. April 2012)
Der Volkswagen-Konzern schluckte die Traditionsmarke Ducati: Volkswagen-Vorstandsvorsitzender Ferdinand Piech vor dem Logo des Motorradherstellers in Hamburg. (19. April 2012)
Reuters
Auch der «heilige» Fussball ist betroffen: Indonesier besitzen nun den Traditionsklub Inter Mailand: Fredy Guarin (vorne) von Inter führt den Ball vor Andre Dias von Lazio Rom. (6. Januar 2014)
Auch der «heilige» Fussball ist betroffen: Indonesier besitzen nun den Traditionsklub Inter Mailand: Fredy Guarin (vorne) von Inter führt den Ball vor Andre Dias von Lazio Rom. (6. Januar 2014)
Reuters
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Buitoni, Ducati oder Valentino – mit Marken wie diesen verbindet man echte italienische Pasta, Motorräder oder Mode. Doch tatsächlich sind die Unternehmen längst nicht mehr in heimischer Hand, sondern wurden von ausländischen Investoren übernommen.

Hunderten Firmen in Italien erging es einer Studie zufolge in der tiefen Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre so. Die Gewerkschaften schlagen Alarm und befürchten einen Ausverkauf der Industrie – während die Regierung neue Investoren anlocken will.

Seit Jahren steckt die drittgrösste Volkswirtschaft der Euro-Zone in einer Rezession, der bislang schwersten der Nachkriegsgeschichte. Die Arbeitslosenzahlen steigen, die Industrieproduktion sank über Monate, und die Wettbewerbsfähigkeit der italienischen Firmen liess nach. Tausende kleinere Familienunternehmen müssen jeden Monat schliessen, auch viele Grosskonzerne halten sich nur mit Mühe und Not über Wasser.

In ausländische Hände

Laut der kürzlich vorgestellten Untersuchung «Outlet Italien. Chronik eines Landes im (Aus)verkauf» des Forschungsinstituts Eurispes und der Gewerkschaft UIL wurden in den vergangenen vier Jahren mehr als 430 italienische Unternehmen von ausländischen Investoren geschluckt. Etwa 55 Milliarden Euro mussten die Käufer demnach dafür hinblättern.

«Viele unserer besten Unternehmen sind zerdrückt worden von der negativen Konjunktur, der Überbürokratisierung, ungerechten Steuern und der Unmöglichkeit, Kredite zu bekommen», sagte Eurispes-Präsident Gian Maria Fara bei der Vorstellung der Studie. «Hier endet das ‹Made in Italy› in den Jahren der Krise», titelte die Zeitung «Corriere della Sera».

Der zum Schweizer Nestlé-Konzern gehörende Nudelproduzent Buitoni, die von der deutschen Volkswagen-Gruppe übernommene Motorradmarke Ducati oder das Modelabel Valentino – inzwischen im Besitz von Investoren aus Katar - sind nur einige Beispiele.

Die angeschlagene Fluglinie Alitalia hofft auf frisches Geld aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die spanische Telefónica stockt ihre Anteile an der Telecom Italia auf – und auch um die Zukunft des Rüstungskonzerns Finmeccanica wird gerungen. Selbst vor dem Fussball macht die Entwicklung nicht Halt: Ein indonesischer Investor sicherte sich die Mehrheit der Anteile am Spitzenclub Inter Mailand.

Beliebte Traditionsmarken

Vor allem die Tradition und die bekannten Marken locken Geldgeber aus der Ferne an. «Weil es sehr kompliziert ist, schnell eine Marke aufzubauen und noch schwieriger, über einen langen Zeitraum die Qualität zu halten, kaufen viele ausländische Unternehmen Firmen in Italien, um einen Sprung nach vorne zu machen, der sie sonst Jahrzehnte gekostet hätte», sagte Giuseppe Recchi vom Gremium für ausländische Investoren des Verbands Confindustria der Nachrichtenagentur dpa.

«Das vergangene Jahr war ein Jahr der besonderen Aktivitäten im Hinblick auf Käufe von Ausländern in Italien», erklärte Recchi.

Ängste vor Abbau

Vielen Italienern macht die Entwicklung Angst. Die Gewerkschaften fordern, dass das Land sein Tafelsilber nicht verschleudern darf. «Die Unternehmen sind unvermeidlich gezwungen, zu einem niedrigeren Preis als dem realen zu verkaufen», kritisierte Benedetto Attili von UIL bei der Vorstellung der «Outlet«-Studie.

Häufig würden die Firmen nach der Übernahme ihren Sitz ins Ausland verlagern, mit schlimmen Folgen: «Verlust von Arbeitsplätzen und qualifiziertem Personal, eine Abkehr von den Qualitätsstandards der Produkte».

Doch so lange dies nicht geschieht, sehen die Unternehmen und die italienische Regierung die Entwicklung positiv. «Die Investoren bringen nicht nur Kapital, sondern auch Know-how, Technologie und internationale Kultur», sagte Recchi.

«Es ist definitiv eine Chance.» Eine Sprecherin des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung erklärte: «Italien sieht den Zufluss von Kapital positiv für die Entwicklung der eigenen Industrie.» Regierungschef Enrico Letta sagte, Italien sei «weder ein Outlet, das alles zu niedrigen Preisen verkauft, noch ein Fort Apache, das nur in der Verteidigung ist».

SDA/rub

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