Rücksichtsloser Charmeur im Elysée-Palast

Der ehemalige Präsident Frankreichs Jacques Chirac ist 86-jährig verstorben. Ein Nachruf.

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Wer mit mehr als vier Fünftel der Stimmen zum Präsidenten gewählt wird, macht sich in einer Demokratie gemeinhin verdächtig. Jacques Chirac gelingt dieses Kunststück jedoch auf legalem Wege: 82,1 Prozent der Franzosen stimmen am 5. Mai 2002 für ihn – und damit gegen den rechtsextremen Jean-Marie Le Pen. Mit einem Wahlerfolg, in dessen Nähe kein anderer Präsident der Fünften Republik kommt, geht Jacques Chirac in die französischen Geschichtsbücher ein.

Allerdings wird man sich an ihn auch wegen einer weniger ruhmreichen Premiere erinnern: Als erstes ehemaliges Staatsoberhaupt Frankreichs wird Chirac vor Gericht gestellt und im Dezember 2011 – unter anderem wegen Untreue – zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Als Pariser Bürgermeister soll er 28 Mitarbeiter, die Wahlkampf für ihn machten, zum Schein bei der Stadt beschäftigt haben.

Der damals 79-Jährige tritt nicht persönlich vor Gericht auf; schon seit einiger Zeit leidet er offenbar unter Gedächtnisproblemen, in der Öffentlichkeit ist er kaum noch zu sehen. Gerüchte machen die Runde, der ehemalige Staatschef leide an Demenz. Allerdings widerspricht er noch dem Urteil, kündigt jedoch an, keine Berufung einzulegen: Seine Kräfte reichten nicht mehr für weitere Verhandlungen aus.

Nun ist Chirac im Alter von 86 Jahren gestorben – ein Mann, der die Fünfte Republik wie wenige andere geprägt hat. Präsident Emmanuel Macron hat Staatstrauer zu seinen Ehren angeordnet.

Zwölf Jahre lang steht Jacques Chirac an Frankreichs Spitze, zuvor ist er zweimal Premierminister, hat mehrere Ministerämter inne und ist 18 Jahre lang Oberbürgermeister von Paris. Die Franzosen erinnern sich mit gemischten Gefühlen an den Mann, der als jovial und machtbewusst, leutselig und extrem misstrauisch, charmant und rücksichtslos galt.

Auf der anderen Seite steht er für viele inzwischen für eine «gute alte» Zeit, in der Politikern wie ihm oder François Mitterand nachgesagt wurde, sie würden die Franzosen und die französischen Traditionen noch wirklich verstehen. Für seine Nachfolger Nicolas Sarkozy und François Hollande galt das schon nicht mehr, genauso wenig wie heute für Emmanuel Macron.

Jovial und misstrauisch

Jacques Chirac wird am 29. November 1932 in Paris als Sohn eines Unternehmensverwalters geboren. Schnell macht er Karriere: Nach dem Besuch der politischen Elitehochschule ENA wird er Büroleiter von Präsident Georges Pompidou, später Staatssekretär. 1971 übernimmt er das Amt des Landwirtschaftsministers, zwei Jahre später wird er für kurze Zeit Innenminister und schliesslich Premierminister. Schliesslich zieht ins Pariser Hôtel de Ville: Zwischen 1977 und 1995 fungiert Chirac als Oberbürgermeister der französischen Hauptstadt.

Lange sieht es so aus, als würde seine Karriere hier enden. Zweimal tritt Chirac bei den Präsidentschaftswahlen erfolglos gegen den Sozialisten François Mitterrand an. Beim dritten Mal wird er 1995 schliesslich zum Präsidenten gewählt. Doch kaum ist er im Amt, lässt die Hartnäckigkeit des begnadeten Wahlkämpfers nach. Beobachter lästern, ihm sei die Eroberung der Macht wichtiger als ihre Ausübung. Tatsächlich hinterlässt Chirac kein innenpolitisches Projekt und keine substantielle Reform, die man mit seinem Namen verbinden würde – und übrigens auch kein grosses Bauwerk wie seine Vorgänger Pompidou und Mitterrand.

Dafür erkennt er als erster Präsident Frankreichs Mitschuld an der Deportation von 76'000 Juden während des Zweiten Weltkrieges an und hält – im Gegensatz zu seinem Nachfolger Nicolas Sarkozy – stets Distanz zu rechtspopulistischen Themen. Weltweit kritisiert wird Chirac hingegen für die Atomtests, die er in den neunziger Jahren im Pazifik durchführen lässt.

Chirac zeigt mitunter wenig Gespür für Stimmungen in der französischen Bevölkerung. 1997 etwa löst er das Parlament auf, weil er sich von Neuwahlen eine grössere Machtbasis erwartet – mit der Folge, dass er die folgenden fünf Jahre mit einer sozialistischen Mehrheit regieren muss. Auch die 2002 gewonnene absolute Mehrheit nutzt er nicht für dringend notwendige Reformen. Auf die tagelangen Unruhen in den Vororten französischer Vorstädte 2005 und die Studentenbewegung 2006 reagiert er spät und erst nach öffentlicher Kritik.

Aussenpolitisch zeigt Chirac mehr Elan. Gemeinsam mit dem deutschen Kanzler Gerhard Schröder bietet er den USA während des Irakkrieges die Stirn, ausserdem setzt er sich für internationale Massnahmen gegen den Klimawandel ein. Bei Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt Chirac den Galan: Er küsst ihr stets die Hand zur Begrüssung.

Die Eheleute Chirac siezten sich

Seine Bürger haben nach einem Jahrzehnt genug von ihm. Das Referendum, bei dem 54,7 Prozent der Franzosen 2005 gegen eine europäische Verfassung stimmen, ist vor allem ein Votum gegen den Proeuropäer Chirac. Zwei Jahre später scheidet er aus dem Amt, eine weitere Kandidatur verbietet ihm die Verfassung.

Seit 1956 ist er mit Bernadette Chirac verheiratet. Sie ist zunehmend verbittert über seine amourösen Abenteuer, hält aber trotzdem zu ihm. Erst als Lady Diana in der Nacht des 31. August 1997 in Paris tödlich verunglückt, lässt sie ihren Gatten auflaufen. Die Première dame gibt freimütig zu, dass sie keine Ahnung hat, wo er steckt. Mehrere Stunden lang ist der Präsident nicht aufzufinden.

Das Paar, das sich nach den Gepflogenheiten der französischen Bourgeoisie siezt, hat zwei Töchter. Laurence, die Ältere, leidet unter der Bekanntheit ihres Vaters und ist bis zu ihrem Tod 2016 schwer magersüchtig. Nach einem Suizidversuch lebte sie schwerbehindert in einem Heim. Für Chirac, der sich in seiner Amtszeit für die Rechte Behinderter einsetzt, ist ihr Schicksal das «Drama seines Lebens». Seine jüngere Tochter Claude arbeitet seit Ende der achtziger Jahre als seine Beraterin, die beiden gelten lange als eingeschworenes Team. 1979 nehmen die Chiracs ausserdem die damals 21-jährige aus Vietnam geflohene Anh ?ào Traxel bei sich auf.

Sarkozy nannte seinen Vorgänger «intelligent und boshaft»

Kurz vor seinem Karriereende revanchiert sich die inoffizielle Adoptivtochter mit einem äusserst wohlwollenden Buch über den Präsidenten. Zur gleichen Zeit macht ein Buch des langjährigen Figaro-Chefredakteurs Franz-Olivier Giesbert Furore, in dem er aus vertraulichen Gesprächen zitiert und Chirac als Egomanen und notorischen Lügner beschreibt.

Auch der mit einem César ausgezeichnete satirische Dokumentarfilm «In der Haut von Jacques Chirac» stellt zahlreiche Widersprüche des Präsidenten zur Schau und konzentriert sich auf dessen wenig schmeichelhafte Charakterzüge. Tatsächlich gilt Chirac als äusserst nachtragend. Dass sein langjähriger Zögling Nicolas Sarkozy Mitte der neunziger Jahre seinen parteiinternen Rivalen Édouard Ballardur unterstützt, wird Chirac ihm nie vergessen. Mit allen Mitteln – wenn auch ohne Erfolg – versucht er später Sarkozy als seinen Nachfolger zu verhindern.

Noch vor der Präsidentschaftswahl 2012 lässt er kundtun, er werde seine Stimme dem Sozialisten Hollande geben – und nicht Sarkozy. Dieser hatte schon Jahre zuvor lakonisch festgestellt: «Viele halten Jacques Chirac für sehr dumm und sehr liebenswürdig. In Wirklichkeit ist er sehr intelligent und sehr boshaft.»

Erstellt: 26.09.2019, 12:05 Uhr

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