Jeder Anschlag macht die Türkei abweisender

Das Land erlebt mehr Terror als jedes andere in Europa – und fühlt sich dabei alleingelassen.

Bei dem Anschlag auf einen Polizeibus in Istanbul starben elf Menschen. Foto: Osman Orsal (Reuters)

Bei dem Anschlag auf einen Polizeibus in Istanbul starben elf Menschen. Foto: Osman Orsal (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Türkei ist man nicht nur Kummer gewohnt, das wäre schon traurig genug. Dort ist man Terror gewohnt – wie den gestrigen Anschlag auf einen Bus in Istanbul mit mindestens elf Toten. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sagte nach einem Besuch bei den Verletzten im Krankenhaus, es gebe nichts zu verzeihen. Der türkische Regierungschef Binali Yildirim sprach von einer niederträchtigen Tat.

Doch die neuen Wunden, die der Anschlag reisst, werden ebenso verstörend schnell vernarben wie jene Wunden nach den Anschlägen in Ankara und Istanbul in den vergangenen Monaten. Jeder weitere Anschlag führt dazu, dass dieses Land abgestumpfter und abweisender wird. Am Ende: fremder.

Kampf an zwei Fronten

Kein anderer europäischer Staat erlebt derzeit eine solche Welle der Gewalt, wie sie die Türkei über sich ergehen lassen muss. Das Land kämpft gleich an zwei Fronten: Seit einem Jahr verübt die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK Anschläge. Auch die Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS) strecken ihre Finger nach der Türkei aus. Im Oktober rissen zwei seiner Attentäter in Ankara bei dem grössten Anschlag in der jüngeren Geschichte des Landes hundert Menschen mit sich in den Tod.

Gemessen an der Anteilnahme nach den Terrorattacken von Paris und Brüssel hält sich das internationale Mitgefühl mit der Türkei aber seltsamerweise in Grenzen. Zwar haben Deutschland und Frankreich den jüngsten Bombenanschlag in der türkischen Metropole scharf verurteilt. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich «sehr entsetzt» über die Tat. «Nichts kann solche Anschläge rechtfertigen und nichts diese Grausamkeiten entschuldigen.» Auch Frankreichs Präsident François Hollande verurteilte das «abscheuliche terroristische Attentat».

Dennoch hat sich bei vielen Türken in letzter Zeit der Eindruck festgesetzt, ein Anschlag in Paris schmerze Europa weit mehr als ein Anschlag in Istanbul. Diese Wahrnehmung fügt sich in ein komplexeres Bild – das einer grossen Enttäuschung. In der Flüchtlingskrise hat Europa gezeigt, wie selektiv die Staatengemeinschaft auswählt, wem geholfen wird und wem nicht. Am Ende auch: wer dazugehört und wer nicht. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass Kanzlerin Merkel im Moment fast häufiger bei Präsident Erdogan zu Besuch ist als beim französischen Staatschef Hollande. Zwischen Merkel und Erdogan wächst einfach kein Vertrauen.

Im Kampf gegen den IS verfolgt man in Europa und in der Türkei zwar noch den gemeinsamen Gegner. Beim Kurdenkonflikt sieht das aber schon ganz anders aus. Das ist aus europäischer Sicht allein Erdogans Krieg. Er hatte schliesslich 2015 nicht den Mut aufgebracht, den Weg des Friedensprozesses bis zum Ende zu gehen.

Europa fühlt sich nicht zuständig

In Ankara und Istanbul sieht man dagegen Bomben hochgehen und Menschen in einem Konflikt sterben, für den sich Europa nicht im Geringsten zuständig fühlt. Andererseits verlangt die EU von der Türkei ausgerechnet in diesen Tagen des Terrors, die türkischen Anti-Terror-Gesetze zu beschneiden.

Erdogan versteht es, dieses Gefühl der Enttäuschung für sich einzusetzen. Er kennt es gut. Als er sein Land in den Anfangsjahren seiner Regierungszeit an die EU heranführte, honorierte das in Europa niemand. Auch Merkel bestand damals darauf, die Türkei auf Distanz zu halten. Jetzt, wo sie in der Flüchtlingskrise um die Hilfe der Türkei kämpft, scheint das Land kaum mehr erreichbar zu sein. Alles hat sich in der Türkei verändert.

Anfangs hat sich Erdogan mit Reformen an der Macht gehalten. Heute tut er das mit brutaler Härte. Das Volk hat sich schon gefügt. Es wird noch mehr Leid ertragen müssen. Ein Tröster ist nicht in Sicht.

Erstellt: 08.06.2016, 06:49 Uhr

Artikel zum Thema

Eine Übung in politischer Pädagogik

Der Deutsche Bundestag nennt die türkischen Verbrechen an den Armeniern Völkermord. Die Türkei reagiert empört auf den Entscheid und und droht mit Konsequenzen. Mehr...

Mehrere Tote nach Attentaten

Bei Anschlägen auf Sicherheitskräfte sind in der Türkei zwei Polizisten und drei Soldaten getötet worden. Bei einem Doppelanschlag im Irak sterben 31 Menschen. Mehr...

Drei Verletzte nach Bombenexplosion in Istanbul

Bei einer Bushaltestelle in Istanbul ist eine Bombe explodiert. Es ist der dritte Anschlag in der Türkei innerhalb von drei Monaten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Fliegende Körner: Ein Bauer erntet Reis auf einem Feld in Nepal. (15. November 2019) A farmer harvests rice on a field in Lalitpur, Nepal November 15, 2019.
(Bild: Navesh Chitrakar ) Mehr...