Jeremy Corbyn und der Makel des Antisemitismus

Dem Chef der britischen Labour-Partei wird zu grosse Nähe zu Palästinensern vorgeworfen. Er verteidigt sich nur halbherzig.

Jahrelanger Feldzug für die PLO: Jeremy Corbyn. Foto: Andy Rain (Keystone)

Jahrelanger Feldzug für die PLO: Jeremy Corbyn. Foto: Andy Rain (Keystone)

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Die britische Labour Party ist in eine schwere Krise geraten. Jüdische Verbände werfen der linken Volkspartei vor, antisemitische Elemente in ihren Reihen zu dulden – und neuem Judenhass Auftrieb zu geben. Labours Schatten-Schatzkanzler John McDonnell, die Nummer zwei der Partei, hat eingestanden, dass diese Krise die Partei «im Mark» treffe und «ganz dringend» gelöst werden müsse. Parteichef Jeremy Corbyn wiederum wird von Kritikern vorgehalten, die Krise kontinuierlich zu verschärfen und blind für das Ausmass der Gefahr des Antisemitismus zu sein.

Was Corbyn jetzt ernste Probleme bereitet, ist sein jahrzehntelanger Feldzug für die PLO, mit oft fatalen Folgen. Zuletzt ist er beschuldigt worden, anlässlich einer PLO-Konferenz in Tunis vor vier Jahren einen Kranz an den Gräbern von Palästinenserführern niedergelegt zu haben, die hinter den Morden an elf israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen in München 1972 gestanden haben sollen.

Corbyn selbst wehrte sich zunächst gegen diese Klage. Er habe, sagte er, nur die Opfer der israelischen Bombardierung des PLO-Hauptquartiers in Tunis im Jahr 1985 ehren wollen, die im selben Friedhof begraben liegen. Mittlerweile hat sich der Labour-Chef aber in trotzigen Widerspruch und in halbe Entschuldigungen verstrickt.

Tatsächlich zeigt ihn ein nun schon notorisches Bild, wie er einen Kranz hält, nahe der Stelle, an der er eigentlich nicht hatte sein wollen. Und zur Veröffentlichung des Bildes wusste Corbyn nur zu sagen, er sei wohl «anwesend» gewesen bei jener Kranzniederlagung: «Aber beteiligt war ich, glaube ich, nicht.»

Ungeahndete antisemitische Tiraden

Die «Tunis-Geschichte», die ihn nun verfolgt, ist nur der letzte einer langen Reihe dubioser Vorfälle. So hatte Corbyn vor acht Jahren im britischen Parlament eine Protestveranstaltung zu Gaza organisiert, bei der israelische Politik den Verbrechen der Nazis gleichgestellt wurde – ausgerechnet am Holocaust Memorial Day. Im Frühjahr liess Labours Parteispitze einzelnen Gemeinderäten antisemitische Tiraden durchgehen, ohne etwas zu unternehmen. Beschwerden der Parteibasis wurden ignoriert.

Auch dass Disziplinarmassnahmen gegen einen alten Verbündeten Corbyns, den früheren Londoner Bürgermeister Ken Livingstone, lange auf sich warten liessen, fanden viele Briten unverständlich. Stattdessen war Corbyn schnell einverstanden mit Strafmassnahmen gegen zwei Unterhaus-Abgeordnete, die ihn wegen lascher Haltung beim Kampf gegen Antisemitismus beschimpft hatten. «Eine verdammte Schande» hatte einer der beiden Kritiker Corbyns Politik bitter genannt.

Regelrechten Aufruhr aber löste Corbyn aus, als er sich kürzlich weigerte, für seine Partei die volle Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zu übernehmen, die heute in Europa zur Abwehr von Antisemitismus weithin angewandt wird. Alarmiert reagierten darauf die drei wichtigsten jüdischen Zeitungen der Insel. «The Jewish Chronicle», «The Jewish News» und «The Jewish Telegraph» veröffentlichten auf ihren Frontseiten gleichzeitig einen Leitartikel, der erklärte, eine von Corbyn geführte Regierung der Zukunft stelle «für das Leben der Juden im Vereinigten Königreich eine existenzielle Bedrohung» dar.

Marie van der Zyl, Präsidentin des Board of Deputies, des Ausschusses der britischen Juden, warnte davor, dass Corbyn die Labour Party an einen «Ort der Finsternis» führe. Und nun stossen Grossbritanniens Medien fast täglich auf Vorfälle aus der Vergangenheit, bei denen sich Corbyn und dessen alte Mitstreiter verbal auf gefährlichem Gelände bewegt haben – weil sie an Verständigung und Ausgleich weniger interessiert waren als an leidenschaftlicher Parteinahme. Mit jüdischen Verbänden setzte sich Corbyn nicht gern an einen Tisch.

Der britischen Rechtspresse kommt es gelegen, dass der linkssozialistische Labour-Vorsitzende keine Ahnung zu haben scheint, wie er die Krise in den Griff bekommen soll. Aber auch Briten, die Labour sympathisch gesinnt sind, fragen sich, wie viel Respekt sie Corbyn zollen sollen – solange er sie nicht durch Ehrlichkeit und grössere Klarheit überzeugt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2018, 18:54 Uhr

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