Der heimliche Star der Holland-Wahl

Wilders? Rutte? Von wegen! Die Massen in Holland zu begeistern wusste ein ganz anderer.

Sie nennen ihn auch «Jessias»: Klaver in seinem Element. Foto: François Lenoir (Reuters)

Sie nennen ihn auch «Jessias»: Klaver in seinem Element. Foto: François Lenoir (Reuters)

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Wie ein Popstar wird er in der Wahlnacht auf der grossen Bühne empfangen. Und so tritt Jesse Klaver, Frontmann von Grünlinks, auch auf. Stets entspannt im offenen weissen Hemd, die Ärmel nach hinten gekrempelt und die linke Hand in der Hosentasche. «Und, hat der Populismus den Durchbruch geschafft?», fragt er in den prallvollen Saal. «Nein! Nein!», ruft das mehrheitlich jugendliche Publikum dankbar zurück.

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Ja, das Wahlergebnis sei die Antwort der Niederländer an den Rest Europas, so Jesse Klaver. Im Wahlkampf hat er sich öffentlich darüber gewundert, dass sich das Ausland immer nur für Geert Wilders interessiere. Tatsächlich gibt es in den Niederlanden nicht nur einen Politiker, für den sich Massen begeistern können. Der 30-Jährige hat bei den Parlamentswahlen die Zahl der Mandate für Grünlinks fast vervierfacht und mit neu 14 Sitzen den grössten Gewinn eingefahren.

Kampagne für junge Frauen

Man nennt ihn auch «Jessias». Oder «der Justin Trudeau der Niederlande». Eine gewisse äusserliche Ähnlichkeit zum kanadischen Premier gibt es tatsächlich. Jesse Klaver selbst hält wenig davon, auch wenn er gerne so muskulös wäre wie der Frauenschwarm aus Kanada. Der Vergleich hat aber auch mit der Zuversicht zu tun, die der Vater von zwei kleinen Kindern ausstrahlt und mit der er sein Publikum begeistert. Im Wahlkampf füllte der schlagfertige Schönling Arenen und Veranstaltungshallen, in denen sonst internationale Popstars auftreten.

«Meet-ups» nannte man bei Grünlinks die Treffen mit den Sympathisanten. Die Kampagne war ganz auf junge Wählerinnen abgestimmt, die in Grossbritannien beim Brexit-Votum oder in den USA bei der Präsidentenwahl zu Haus geblieben sind und es danach bedauerten. «Wenn wir jetzt nichts tun, dann verändert sich auch nichts», so die Botschaft in einem der Wahlkampfspots nach Bildern von Trump und schmelzendem Polareis. Die rekordhohe Wahlbeteiligung geht zum guten Teil auf das Konto von Jesse Klavers Grünen, die in Amsterdam bei den Parlamentswahlen am meisten Stimmen holten.

Der Anti-Wilders

Jesse Klaver und seine Grünen sind ein Stück weit das alte Holland: weltoffen und liberal. Das ganze politische Spektrum ist in den Niederlanden unter dem Einfluss von Geert Wilders nach rechts gerückt. Der rechtsliberale Premier Mark Rutte rief mitten im Wahlkampf die Zuwanderer in einem offenen Brief auf, «sich zu benehmen oder das Land zu verlassen». Der Spitzenkandidat der Christdemokraten forderte, in den Schulen das alte Liedgut wieder zu pflegen. Und selbst die Sozialdemokraten waren zuletzt für einen, wie sie es nannten, «progressiven Patriotismus».

Jesse Klaver steht für Multikulti und vertritt dabei vergleichsweise traditionelle niederländische Werte wie Weltoffenheit, Toleranz und Umweltschutz. Mehr Windräder, weg mit den Kohlekraftwerken, der Ausbau von Sozialprogrammen sowie offene Türen für Migranten und Asylsuchende gehören zu den Kernforderungen. Während Geert Wilders im Wahlkampf hetzte und Ängste schürte, begeisterte Jesse Klaver mit Optimismus und Hoffnung. Nicht umsonst gilt er auch als Anti-Wilders, als Gegenteil des Hetzers und Spalters.

«Wir sind die andere Seite, die zeigt, dass du auch mit einer Geschichte über Hoffnung und Optimismus die Menschen zusammenführen kannst», so Jesse Klaver im Wahlkampf. Selber ist er das Kind von Einwanderereltern. Der Vater – ursprünglich aus Marokko, die Mutter mit indonesischen Wurzeln. Aufgewachsen ist er jedoch grösstenteils bei seinen Grosseltern, und den Familiennamen hat er von seiner Mutter. In einem kleinen Wahlkampfbuch unter dem Titel «emphatisches Zusammenleben» fragt sich der politische Senkrechtstarter, ob er wohl dieselben Chancen gehabt hätte mit dem marokkanischen Namen seines Vaters. Jesse Klaver ist in einer Sozialwohnung in Brabant aufgewachsen, hat später Politologie studiert und wurde 2010 als einer der jüngsten Abgeordneten in die Zweite Kammer in Den Haag gewählt.

Erben von Sozialdemokraten

Jetzt öffnet der fulminante Wahlerfolg neue Perspektiven. Für einen Vorsitzenden der Grünen sei es zwar ungewöhnlich, dies zu sagen, aber er wolle Ministerpräsident werden, hatte Jesse Klaver im Wahlkampf gesagt und für eine linke Mehrheit jenseits von Wilders und auch Rutte geworben. Für diese Mehrheit rechts der Mitte hat es zwar nicht gereicht. Aber nach dem Niedergang der traditionellen Sozialdemokraten (PVDA) ist Grünlinks die grösste linke Partei, gleichauf mit den national orientierten Sozialisten (SP). Wenn der Rechtsliberale Mark Rutte in den nächsten Wochen versuchen wird, eine Koalition zusammenzustellen, wird er sich sicher auch an die Grünen als grösste Wahlsieger wenden und versuchen, den jungen Politstar in seine Regierung zu locken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2017, 06:43 Uhr

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