Wer wird jetzt Premier: Johnson, Gove oder May?

Das Rennen um die Nachfolge von David Cameron, der zurücktritt, ist eröffnet. Als neuer Premier ist auch eine Frau im Gespräch.

Triumph bei der Brexit-Abstimmung: Boris Johnson und seine Ehefrau Marina Wheeler.

Triumph bei der Brexit-Abstimmung: Boris Johnson und seine Ehefrau Marina Wheeler. Bild: AFP

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Boris Johnson kam, sah und siegte. Das Votum der Briten für einen Austritt aus der EU geht wohl zu einem erheblichen Teil auf das Konto des ehemaligen Bürgermeisters von London. Dabei ist es noch nicht lange her, dass sich Johnson entschied, für einen Austritt Grossbritanniens aus der EU zu werben. Als der 52-jährige Johnson im Februar ankündigte, er werde die Brexit-Kampagne unterstützen, veränderte dies sofort die Europa-Debatte. Das «Leave»-Lager hatte endlich einen charismatischen Anführer. Dass er wiederholt in Fettnäpfchen tritt, scheint ihm nicht zu schaden.

Johnson ist sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Basis der Tory-Partei beliebt. Dass er sein Gewicht in die Waagschale der Brexit-Befürworter warf, dürfte wohl kaum ohne Hintergedanken geschehen sein. Johnson, so glauben viele in Grossbritannien, strebt nach Höherem. Das heisst: Er will Premierminister werden. Die Chancen dazu stehen nach dem Triumph in der Brexit-Abstimmung sehr gut. Johnson gilt bei Buchmachern und Kommentatoren als Favorit für die Nachfolge von David Cameron, der nach der Niederlage seinen Rücktritt auf Anfang Oktober ankündigte. Der Chef der rechtspopulistischen Ukip, Nigel Farage, nannte Johnson als möglichen neuen Premier.

«Eine Sehnsucht, Premierminister zu sein»

Schon wochenlang schwang bei der Brexit-Kampagne der latente Machtkampf zwischen Johnson und Cameron mit. Johnson konnte offenbar nicht verbergen, dass er auf den Posten des Premiers schielt. «Ohne Zweifel hat er einen längerfristigen Wunsch, eine Sehnsucht danach, Anführer seiner Partei und folglich Premierminister zu sein», erklärte der Politikwissenschaftler Tony Travers von der London School of Economics. Solche Ambitionen hätten zwar viele Politiker – aber keiner stelle das so offen zur Schau wie Johnson, sagte Travers, der Johnsons Karriere seit Jahren verfolgt.

Sollte Johnson als Nachfolger Camerons die Regierungsführung übernehmen, würde es an ihm liegen, die Modalitäten des Austritts mit der EU-Kommission und den EU-Partnern auszuhandeln. Bisher hat sich Johnson nicht zu seinen persönlichen Ambitionen geäussert. Er bedauere den Rücktritt von Cameron, sagte Johnson.

Er kämpfte für den EU-Austritt Grossbritanniens: Justizminister Michael Gove. Foto: Reuters

Johnson ist in der Poleposition im Rennen um den Vorsitz der konservativen Partei und das Amt des Regierungschefs. Als möglicher Nachfolger wird auch Michael Gove genannt. Der amtierende Justizminister gehörte zu den Aushängeschildern des Brexit-Lagers. Als Kampagnenchef der «Brexiteers» trat er in den letzten Wochen häufig bei öffentlichen Veranstaltungen und TV-Debatten auf. Der 48-Jährige sagt, dass er kein Interesse am Amt des Premiers habe. Die Buchmacher geben ihm Aussenseiterchancen.

Trotz Unterstützung der «Remain»-Kampagne ist sie hinreichend euroskeptisch: Innenministerin Theresa May. Foto: Keystone

Falls die Buchmacher richtig liegen, hat eine Frau die besten Chancen nach Topfavorit Johnson. Dabei handelt es sich um die amtierende Innenministerin Theresa May. Die 59-Jährige unterstützte zwar offiziell Premier Cameron und die «Remain»-Kampagne, hielt sich aber auffallend bedeckt. Laut Beobachtern ist May hinreichend euroskeptisch, um auch für die Brexit-Befürworter wählbar zu sein. Und sie scheint eher in der Lage zu sein, die zerstrittenen Lager in der Tory-Partei zu versöhnen. Dagegen gilt Johnson bei der Parteielite als zu unberechenbar.

Kaum Chancen hat George Osborne, der lange Zeit als Nachfolger von Cameron gehandelt wurde. Der europafreundliche Finanzminister wird nach dem Brexit-Entscheid nicht an die Spitze der Tories kommen. Damit kommt er auch nicht als neuer Regierungschef infrage. Ein Europaskeptiker wird Cameron folgen.

Erstellt: 24.06.2016, 14:56 Uhr

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