Johnson rechnet mit grossem Chaos

Nach einem Machtwort des Parlaments musste die Regierung ihren Notfallplan für einen Brexit ohne Abkommen veröffentlichen. Sie befürchtet Staus, Mangel an Lebensmitteln und Krawalle.

Lastwagen unterwegs im Hafen von Dover, der wichtigsten Verbindung zum europäischen Kontinent. Foto: Gareth Fuller (PA, Getty Images)

Lastwagen unterwegs im Hafen von Dover, der wichtigsten Verbindung zum europäischen Kontinent. Foto: Gareth Fuller (PA, Getty Images)

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Wer derzeit nachts mit dem ­Wagen zwischen London, der Tunnelzug-Station Folkestone und dem Fährhafen Dover unterwegs ist, findet sich auf einer ­geradezu gespenstisch erleuchteten Strecke – mit gleissenden Scheinwerfern und blinkenden Warnleuchten überall. Dutzende von Bautrupps arbeiten die Nacht hindurch, um die Hauptautobahn zum Kontinent, die M20, in ein mehrspuriges Auffangbecken für Lastwagen und eine flexible Schleuse für den Personenverkehr umzumodeln.

Scheidet Grossbritannien am 31. Oktober ohne Deal mit Brüssel aus der EU aus, will man ­gerüstet sein. An Wochenenden sind manchmal ganze Teile der Strecke gesperrt, oft mit wirren Umleitungsschildern. Biegt man falsch ab, verirrt man sich heillos. Und dies ist nur ein Vorgeschmack auf das, was der südostenglischen Grafschaft im Ernstfall droht.

Spediteure nicht vorbereitet

Am Donnerstag prophezeite der konservative Vorsitzende des Grafschaftsrats, Paul Carter, die Polizei von Kent allein werde es bei einem Brexit-Fiasko kaum schaffen, «das Strassennetz in Kent rund um die Uhr offen zu halten». Polizisten aus allen möglichen Teilen des Landes würden zur Unterstützung gebraucht.

Carters Alarmruf kam wenige Stunden nach der Offenlegung der regierungsamtlichen Planung für ein No-Deal-Szenario, der sogenannten Operation Yellowhammer. Zu dieser Offenlegung hatte das Unterhaus die Regierung verpflichtet, kurz vor den Zwangsferien in der Nacht auf Dienstag.

Einige der bisher vertraulichen «Mutmassungen» waren schon im Vormonat an die Öffentlichkeit gedrungen. Damals hatten die massgeblichen Minister diese Informationen aber noch abgetan als «alte und überholte» Dokumente. Diesmal mussten sie zugeben, dass es sich bei «Yellowhammer» um ein durchaus neues Sammelsurium an Befürchtungen handelt – erstellt nach der Amtsübernahme von Boris Johnson im August.

Endlose Schlangen für Lastwagen

So geht die Regierung davon aus, dass sich bereits in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November im Gelände um Dover der erste Rückstau bilden wird. Ohne Deal werden neue Grenzkontrollen den Warenfluss schwer behindern. 85 Prozent der britischen Speditionsbetriebe haben sich offenbar noch immer nicht vorbereitet. Mit zweitägigen Wartezeiten sei unter diesen Umständen auf Monate hin zu rechnen, schätzt die Regierung. In endlosen Schlangen könnte sich der LKW-Verkehr auf der M20 und der Verbindungsautobahn M26 stauen.

Die britischen Ärzte bezeichnen die Dokumente als «alarmierend»,
sie befürchten auch neue Tierseuchen.

Das grösste Problem bestünde natürlich für Medikamente von begrenzter Haltbarkeit und für frische Lebensmittel. Hungern werde man nicht müssen auf der Insel, ist allgemeiner Konsens. Aber gewisse Lebensmittel dürften erst einmal fehlen. Und viele Preise würden steigen. Das und die Verteuerung von Treibstoff träfe vor allem «die Niedrigverdiener» im Land.

Auch «Proteste und Gegenproteste, öffentliche Tumulte und Spannungen in der Bevölkerung» sieht die Regierung voraus, wenn es hart auf hart kommt. Probleme werden insbesondere an der irischen Grenze und in Gibraltar erwartet. Auch im Personenverkehr, etwa beim Eurostar und in den Flughäfen, könnte es lange Schlangen geben. Die Regierung hat 500 zusätzliche Grenzbeamte eingestellt, Warenlager und Kühlanlagen sind organisiert.

«Lücken auf den Regalen»

Als «alarmierend» bezeichnet der britische Ärzteverband die enthüllten Dokumente. «Schwarz auf weiss» könne man nun sehen, dass die Regierung Versorgungsprobleme mit wichtigen Medikamenten erwarte und übrigens auch neue Tierseuchen befürchte, falls es an frischem Impfstoff fehle. Der Verband britischer Einzelhändler spricht erneut von kommenden «Lücken auf den Regalen». Ein No-Deal-Exit zu Anfang November wäre «der schlimmstmögliche Zeitpunkt für Händler und Verbraucher» im Königreich.

No-Deal-Gegner wie der frühere Tory-Kronanwalt Dominic Grieve, der der Regierung diese Woche erfolgreich die Veröffentlichung der «Yellowhammer»-Papiere abverlangte, fordern nun die sofortige Wiedereinberufung des Parlaments. Mit ihrem «rücksichtslosen Vorgehen», klagte Grieve, gefährde die Regierung in voller Kenntnis der Fakten den Wohlstand in Grossbritannien, vergrössere die Armut und setze Patienten echten Gefahren aus.

Erstellt: 12.09.2019, 21:02 Uhr

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