Jung, urban, Putin-Fan

Patriotische Fashionshows, Filmfestivals für Heimatfilme und Spendenaktionen für die Ostukraine: Eine Kreml-nahe Jugendorganisation will die junge Elite der russischen Städte für Putins Kurs gewinnen.

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«Eine Mischung aus Personenkult, dem sowjetischen Jugendverband Komsomol und einem Strassenkünstlerkollektiv patriotischer Hipster»: So beschreibt das US-Magazin «Foreign Policy» die russische Gruppierung Setj. Mehrere Jahre gibt es die Organisation offenbar schon. Seit April hat das Netzwerk – so die deutsche Übersetzung – nun auch eine offizielle Website. Seitdem hat Setj es sich zur Aufgabe gemacht, traditionelle russisch-orthodoxe Werte zu verbreiten und Wladimir Putins Kurs zu unterstützen. Und das mit einer Belegschaft urbaner Mittelschichtskinder. Laut eigenen Angaben sind die meisten der über 1000 aktiven Mitglieder aus über 11 Regionen des Landes zwischen 17 und 27 Jahre alt.

Die Büroräumlichkeiten der Organisation befinden sich in einem zum Loft umgebauten Fabrikgebäude im Herzen Moskaus – in direkter Sichtweite glänzen die goldenen Zwiebeltürme des Kreml. Von dort aus werden die vielfältigen Aktionen geplant und organisiert. Dort entstand etwa eine Lernhilfe für das russische Alphabet. «A» wie «Anti-Maidan», «P» wie «Putin». Dort wurden auch über 500 Kilogramm Medikamente gesammelt, die für die umkämpften Gebiete der Ostukraine bestimmt waren.

Gegen Homo-Ehe und fremden Einfluss

Das Hauptquartier von Setj könnte sich auch im Silicon Valley befinden. «Gut gekleidete Mittzwanziger lümmeln sich in grossen Sesseln oder sitzen hinter riesigen Bildschirmen, den Blick ständig auf ihr iPhone gerichtet», schreibt das Magazin «Foreign Policy» über die Räumlichkeiten. Es klingt wie ein modernes Internet-Start-up. In starkem Kontrast dazu steht aber das konservative Credo der Organisation – gespiegelt durch die auf der Internetsite aufgelisteten Prinzipien. Man sei gegen gleichgeschlechtliche Ehen und wolle die russische Sprache vor fremdem Einfluss schützen, steht da unter anderem.

Auch ihre antiwestliche Einstellung eint die Kreml-Jünger. «Egal, wer in den USA an der Macht ist – ob Demokraten oder Republikaner: Im Wesentlichen ändert sich nichts», zitiert die russische «Nowaja Gaseta» ein Mitglied der Organisation.

Gleichzeitig bleiben die Qualitäten von Wladimir Putin bei keiner Gelegenheit unerwähnt. «Nach dem Chaos der 90er-Jahre hat der Präsident Stabilität gebracht», so ein anderer Mitarbeiter gegenüber der Zeitung. So scheinen das viele zu sehen. «Putin ist unser Retter», das habe schon ihre Grossmutter immer gepredigt, erzählte eine 18-Jährige der amerikanischen «Newsweek». Viele ihrer Generation sind ähnlich aufgewachsen – mit Wladimir Putin als persönlichem Helden, als einer Art Vaterfigur.

Setj statt Naschi

«Wir möchten der jungen Elite Russlands eine Alternative zur angelsächsischen Zivilisation bieten», zitiert «Newsweek» Makar Wichliantsew, einen der Gründer von Setj. «Die Alternative dazu ist unsere Kultur, sind unsere Werte, die russische Sprache und orthodoxe Religion.» Auch Wichliantsew spricht von Putin als Vaterfigur. Zusammen mit Artur Omarow soll der 30-Jährige die Gruppe ins Leben gerufen haben.

Beide waren zuvor Mitglieder der Naschi-Bewegung (Die Unsrigen), einer Kreml-nahen Jugendorganisation mit laut eigenen Angaben über 100’000 Mitgliedern. In der Vergangenheit organisierte man dort Pro-Putin-Demonstrationen, störte Kundgebungen der Opposition mit lautstarken Protesten und veranstaltete alljährlich ein Ferienlager für regimetreue Jugendliche am Seligersee. Ein offizielles Organ der Putin-Partei Einiges Russland oder des Kreml wollte man aber nicht sein.

Im Laufe der Zeit wurde das Image der Naschisten (so werden die Mitglieder genannt) zunehmend negativ, sie entwickelten sich zu einer «aggressiven neofaschistischen Organisation», wie «Newsweek» es nennt. Der Kreml wiederum suchte nach anderen, subtileren Möglichkeiten, um seine Ideologie zu verbreiten. Beobachtern zufolge spielte die liberale Politik des damaligen Präsidenten Dmitri Medwedew eine Rolle. Schliesslich wurden Naschi die grosszügigen Fördergelder gestrichen, die Organisation verlor an Bedeutung - und machte Platz für Setj.

Dort scheint man sich nun vom Vorgänger abgrenzen zu wollen: Die Gruppe spreche überwiegend eine urbane und gebildete Mittelschicht an, so Wichliantsew. An sie richten sich auch die Aktionen: Patriotische Fashionshows, ein Festival für Heimatfilm und ein neues Jugendlager auf der Krim – das sind nur einige der bereits umgesetzten Projekte. Alles Projekte, die eine neue russische Jugend Patriotismus lehren sollen. Eine direkte Verbindung zum Kreml wird aber auch von den Setj-Begründern vehement dementiert.

Street-Art und Designwettbewerb

Welches Ziel die Initianten von Setj genau verfolgen, darüber sind sich Experten nicht einig. Man wolle politische Köpfe und kluge Persönlichkeiten anziehen, die dann das aktuelle Regime stützten, sagen manche. Die «Nowaja Gaseta» zitiert eine Quelle aus der Kreml-Administration, die das Ziel der Gruppierung anders verortet. Man habe das Netzwerk gegründet, um die verbleibenden Naschisten aufzufangen. Welche Aufgabe sie in Zukunft aber haben sollen, wisse der Kreml nicht, heisst es weiter. Ähnlich sieht es auch der russische «Kommersant». Setj sei eine junge Bewegung, die ihr Potenzial erst entfalten müsse, schreibt die Zeitung.

Unterdessen planen die jungen Putin-Verehrer weiterhin Street-Art-Projekte, organisieren Designwettbewerbe oder veranstalten Lesungen Kreml-treuer Intellektueller. «Wir möchten die talentierte Jugend erreichen», erklärt Wichliantsew, «neue Trends kreieren.» Aus Setj soll bald ein Netzwerk werden, das russische Werte auf der ganzen Welt verbreitet. Den Anfang dazu macht unter anderem eine Modelinie mit russischen Motiven – als Gegenstück zum berühmten «I Heart New York»-T-Shirt.

Erstellt: 04.12.2014, 21:00 Uhr

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