Katalonien verbrennt sich die Flügel

Die Flucht von Firmen aus Katalonien ist ein deutliches Zeichen an die Politiker in Barcelona und Madrid: Basta!

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Die politische Krise in Katalonien wird den Zusammenhalt zwischen dieser Region und Spanien noch lange auf eine harte Probe stellen. Sie erschüttert auch die Europäische Union und beunruhigt sogar Nichtmitgliedsstaaten wie die Schweiz, die grössten Wert auf die politische Stabilität des Kontinents legt. Diese Krise ist insofern noch komplexer, als die Katalanen zwar proeuropäisch eingestellt sind, das aber auf eine etwas eigenartige Weise, denn ihr Handeln setzt gerade Europa stark unter Druck.

Auf der Suche nach einem idealen Modell blickten Katalanen und Europäer auf die Schweizerische Eidgenossenschaft. Doch das ist kein vergleichbarer Fall. Die Schweiz beschreibt sich selbst oft als «Willensnation», als Staat, der durch den gemeinsamen Willen entstand. Von 1291 bis 1979, dem Datum der offiziellen Gründung des 23. Schweizer Kantons – des Jura – hat sich dieses Land durch eine Zusammen­ballung von Kantonen selbst aufgebaut. Und die Dezentralisierung des Landes ist an den Haushaltsbudgets erkennbar: Das der Schweizer Eidgenossenschaft (etwa 68 Milliarden Franken) ist nicht einmal halb so bedeutend wie das der Kantone und Gemeinden (je 75 Milliarden).

Die Macht eines Staates, eines deutschen Landes, einer französischen oder italienischen Region, einer Provinz, einer autonomen spanischen Gemeinschaft oder eines Schweizer Kantons liegt vor allem in den finanziellen Möglichkeiten seines Haushalts.

Die stärksten katalanischen Firmen fliehen

Doch wie kommen die öffentlichen Kassen zu ihrem Geld? Durch die Bürger oder zumindest diejenigen, die ihre Steuern bezahlen. Und natürlich durch die Unternehmen. Doch gerade die stärksten katalanischen Firmen fliehen aus der Region. So zum Beispiel ihre Caixa, die Sparkasse, die sich nach Valencia abgesetzt hat. Oder die Banco de Sabadell, die nach Alicante flüchtete. Seit drei Wochen werden die sprachlosen Katalanen Zeugen einer wahren Abwanderungswelle von Firmen, die Barcelona verlassen, um sich irgendwo sonst in Spanien neu anzusiedeln, vor allem aber in Madrid. Die letzte Zählung ergab 1500. Noch hat sich jedoch niemand getraut, die an diese Abwanderungen geknüpften Steuerverluste zu schätzen.

Dieser wirtschaftliche Exodus hat weitere verheerende Auswirkungen. Eine ist auf den ersten Blick nicht so leicht ersichtlich, aber mindestens genauso gefährlich: Die Flucht dürfte in ihrem Sog mittelgrosse Unternehmen mitziehen, die zwar international weniger bekannt sind, dafür aber eng mit der katalanischen Wirtschaft verbunden. Wenn es darum geht, zwischen dem lokalen Markt mit 7,5 Millionen Menschen und dem der Europäischen Union mit mehr als 500 Millionen Konsumenten zu wählen, dürfte ihnen die Entscheidung kaum schwerfallen.

Das Gespenst Francos geht um

Dazu kommt das schlechte Signal für diejenigen, die gerne investieren wollen – oder wollten – in eine Region, die immer noch über wertvolle Vorteile verfügt: qualifizierte Arbeitskräfte, hohe Lebensqualität, tiefe Mieten. Aus dieser Sicht ist die Firmenflucht auch ein Hinweis darauf, dass sich in den Reihen der Geschäftsführungen wirkliche Panik breitmacht. Vor allem aber spiegelt es den Überdruss angesichts der dominierenden «Classe politique» Kataloniens wider. Es ist ein klares Basta!

Durch das Überqueren der gelben Linie haben die Separatisten auch alten Dämonen wieder die Tür geöffnet. Das Gespenst Francos ist in der Debatte aufgetaucht. Und doch hat dieses Katalonien uns einen Antoni Gaudí geschenkt, einen Salvador Dalí und einen Manuel Vázquez Montalbán, und es hat tausendmal Besseres verdient, als diesen Abgrund, in den Carles Puigdemont und seine Anhänger sowie Mariano Rajoy und seine Truppen es stürzen könnten. Es besteht das Risiko, dass es in Zukunft seinen Reichtum, der immer mehr an einen löchrigen Wollstrumpf erinnert, wohl kaum noch wird halten können. Und dass es sich die Flügel verbrennt. Wie einst Ikarus.

Übersetzung: Bettina Schneider

Erstellt: 29.10.2017, 19:56 Uhr

Der Wirtschaftsredaktor der «Tribune de Genève» ist Katalane.

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