Katar auf Europäisch

Am Tag sind die Luxemburger in ihrem Land bereits in der Minderheit, bald werden sie es auch in der Nacht sein.Vor den Wahlen wird deshalb viel über Identität diskutiert.

Jeden Tag pendeln Tausende Franzosen nach Luxemburg zur Arbeit. Nahe der Grenze staut sich der Verkehr regelmässig. Foto: Jean-Christophe Verhaegen (AFP)

Jeden Tag pendeln Tausende Franzosen nach Luxemburg zur Arbeit. Nahe der Grenze staut sich der Verkehr regelmässig. Foto: Jean-Christophe Verhaegen (AFP)

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Es ist die Tageszeit, zu der es die Franzosen, die Deutschen und die Belgier nach Hause zieht. Luxemburg ist am späten Nachmittag ein einziges Staugebiet, endlose Autokolonnen mit Rücklichtern, die immer wieder hektisch aufleuchten. Mehr als «stopp and go» ist nicht möglich auf der Fahrt zu Fred Keup. Er ist mit Frau und Kind im Garten beschäftigt, als die Besucher eintreffen. Irgendwann sei ein Kollaps unabwendbar, sagt Luxemburgs bekanntester Geografielehrer und Neupolitiker dann in seinem Wohnzimmer. Und man ist mittendrin im Thema, das die Luxemburger vor der Parlamentswahl am Sonntag umtreibt.

Luxemburg geht es gut, zu gut vielleicht. In diesem Jahr soll die Wirtschaft erneut stark wachsen. Das heisst, es werden noch mehr Grenzgänger und Zuwanderer kommen, um die Jobs zu machen, für die es unter den rund 600'000 Bewohnern des Grossherzogtums zu wenig Kandidaten gibt. Die Infrastruktur könne da nicht mithalten, sagt Fred Keup in seinem Reihenhaus in Mamer, einem Ort mitten im Siedlungsbrei ein paar Kilometer vom Stadtzentrum von Luxemburg entfernt. Der 38-Jährige stört sich aber nicht nur am Dichtestress auf den Strassen. Mindestens so sehr fürchtet er um den Platz der letzeburgischen Sprache im Alltag. Es ärgert ihn, wenn er beim Bäcker im Ort sein Croissant auf Französisch verlangen muss, weil das Personal dort kein Letzeburgisch spricht.

Die Pfründe sind gut abgesichert

Es geht also darum, was das Wachstum mit dem Land, aber auch mit der Identität der Luxemburger macht. In Mamer grasen auf einem letzten Fleck unverbautem Land noch Kühe. Für viele Luxemburger seien im Ort die Hauspreise in der Höhe von einer Million Euro unerschwinglich geworden, klagt Fred Keup. Der Sekundarlehrer ist ein bekanntes Gesicht im Grossherzogtum, seitdem er 2015 fast im Alleingang die damals noch junge Regierungskoalition von Liberalen, Sozialisten und Grünen unter Premier Xavier Bettel blamiert hat.

Die drei Parteien hatten bei den letzten Wahlen die Christlich Soziale Volkspartei von Langzeitregierungschef Jean-Claude Juncker in einem gemeinsamen Kraftakt von der Macht verdrängt. Um dann als einen der ersten politischen Akzente eine Volksabstimmung zur Einführung des Ausländerwahlrechts anzusetzen. Eigentlich aus gutem Grund, denn in Luxemburg hat die Demokratie ein doppeltes Legitimitätsdefizit.

Von der Wohnbevölkerung haben nur noch rund 52 Prozent den Pass des Grossherzogtums. Tagsüber, wenn die 190'000 Grenzgänger ihrer Arbeit nachgehen, sind die Luxemburger schon heute in der Minderheit. Zudem arbeiten 70 Prozent der Luxemburger im sicheren Staatsdienst oder in staatsnahen Betrieben. Eine Minderheit bestimmt also schon heute die Geschicke im Land alleine. Und wer Luxemburger werden oder im Staatsdienst arbeiten will, muss nicht nur die Amtssprachen Deutsch sowie Französisch beherrschen, sondern auch die Nationalsprache Letzeburgisch kennen. Die Pfründen im Grossherzogtum sind also gut abgesichert.

In den hoch bezahlten Jobs arbeiten meist Ausländer.

Für Lehrer Fred Keup war das Referendum damals der Schlüsselmoment, um Politaktivist zu werden. Die geballte Meinungsmacht der Befürworter des Ausländerwahlrechts habe ihn angestachelt. Am Ende verlor die Regierung das Referendum gegen Keups loses Aktionskomitee und eine Mehrheit von 80 Prozent der Luxemburger. Für die Wahlen hat sich Fred Keup mit der kleinen rechtskonservativen Alternativen Demokratischen Reformpartei zusammengetan. Die ehemalige Rentnerpartei ist zwar weit von der Macht entfernt, gibt aber das Tempo vor.

Nein, in die rechte Ecke will sich Fred Keup nicht drängen lassen. Der Lehrer sieht sich als einer, der erfolgreich Tabus bricht und das auch in Zukunft tun will. Mit seinen politischen Verbündeten treibt er jetzt die anderen Parteien mit der Debatte über Identität und den Platz der letzeburgischen Sprache im Alltag vor sich her.

Mit dem Referendum sei eine Hemmschwelle gefallen, sagt Meris Sehovic, Kandidat der Grünen bei den Parlamentswahlen. Die Grenzgänger seien im Wahlkampf die Sündenböcke. Dabei habe doch die Offenheit das kleine Luxemburg gross gemacht. Seine Klientel fühle sich zurückgewiesen, sagt Sergio Ferreira von Asti, einer Organisation, die für die Interessen der Migranten eintritt. Die Ausländer seien offenbar nur gut genug zum Arbeiten und um in Luxemburg Steuern zu zahlen.

Die Steuern bleiben tief

Dabei könnte man im Wahlkampf auch darüber reden, weshalb der öffentliche Verkehr in Luxemburg nicht wirklich vorankommt. Besonders schlecht steht es um grenzüberschreitende Verbindungen. Auch der soziale Wohnungsbau scheint im reichen Luxemburg keine Priorität zu haben. Und keine Partei will ernsthaft etwas an den niedrigen Steuern ändern, die das Grossherzogtum so attraktiv für multinationale Konzerne gemacht haben.

Alle sprechen über Wachstum und reden aneinander vorbei. Es müsste darum gehen, wie viel und welches Wachstum für die 2500 Quadratkilometer Luxemburg verträglich wären. Und dann ist da die Frage des Demokratiedefizits, das sich eher noch verschärfen wird. In absehbarer Zeit werden die Luxemburger auch nachtsüber in der Minderheit sein. Im Grossherzogtum warnen Kritiker vor einem Katar mitten in Europa.

Infografik: Die Schweiz und Luxemburg im Vergleich Grafik vergrössern

Die Zuwanderer arbeiten in Luxemburg nicht nur in Hilfsberufen, sondern besetzen auch die hoch bezahlten Jobs bei den Investmentsfonds oder in den Konzernzentralen. Die Luxemburger haben zwar die sicheren Arbeitsplätze in der Verwaltung, aber nicht die bestbezahlten. Es geht also auch um Neid und um Minderwertigkeitskomplexe. Der Luxemburger ist zwar mindestens dreisprachig. Deutsch und Französisch sind für den Alltag Pflicht, und zu Hause redet der Luxemburger den moselfränkischen Dialekt, der erst in den 70er-Jahren kodifiziert und in den 80er-Jahren zur Nationalsprache erhoben wurde. Aber so gut Französisch wie der Franzose spricht natürlich kaum ein Luxemburger.

Vielleicht sieht auch deshalb Fred Keup mit jedem Grenzgänger, der zusätzlich kommt, die letzeburgische Sprache bedroht. Nein, die Sprachenfrage sei kein Luxusproblem, sagt er. Auch das Personal im Spital spricht in der Regel mangels einheimischem Pflegepersonal Französisch. Das sei vor allem für ältere Menschen eine Hürde. Die Regierung habe schon den obligatorischen Religionsunterricht abgeschafft. Bei der Sprache geht es für den Geografielehrer um Identität, und Letzeburgisch, immer mehr in Gefahr, sei das Letzte, was davon noch bleibe.

Die Jungen sprechen Letzeburgisch

Benoît Majerus, Assistenzprofessor an der Universität Luxemburg, kennt sich aus mit der Geschichte des Letzeburgischen. Dass die Nationalsprache der Luxemburger am Aussterben sei, hält er für eine Legende. Noch nie in der Geschichte der jungen Sprache sei Letzeburgisch so verbreitet gewesen. Vor allem im Internet und in den sozialen Medien schreiben junge Luxemburger praktisch nur noch in ihrer Nationalsprache. Eine Sprache aber zur Ausgrenzung zu nutzen, sei eine schlechte Idee. Zur staatlichen Identität Luxemburgs gehöre die Vielsprachigkeit.

Fred Keup wird das nicht beeindrucken. Lange seien er und seine Mitstreiter belächelt worden, nun würden sie von den anderen Parteien kopiert: «Doch wir sind das Original.» Erst kürzlich hat die Regierung beschlossen, einen Sprachenkommissar einzusetzen, der das Letzeburgisch fördern soll. Und im Wahlkampf werben alle Parteien auf ihren Wahlplakaten in letzeburgischer Sprache um die Wählerinnen und Wähler. Der Slogan der Liberalen von Regierungschef Xavier Bettel lautet gar «Zukunft auf Lëtzebuergesch».

Erstellt: 09.10.2018, 22:59 Uhr

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