Katar hilft den Armen Frankreichs

Der Emir von Katar will Jungunternehmer in Frankreich fördern – Politiker rätseln über die wahren Absichten des Emirats.

Besonderes Verhältnis zu Frankreich: Der Emir von Katar mit einer seiner Frauen zu Besuch bei Präsident Sarkozy. (22. Juni 2009)

Besonderes Verhältnis zu Frankreich: Der Emir von Katar mit einer seiner Frauen zu Besuch bei Präsident Sarkozy. (22. Juni 2009) Bild: Keystone

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Investoren sind in der Regel auf Rendite aus. Geld auszugeben ohne Aussicht auf Profit ist nicht ihr Ding. Doch wenn ein Anleger so reich ist wie der Emir von Katar, kann er sich eine Ausnahme von dieser Regel leisten. Gegenüber Frankreich, das kein Geld hat, zeigt er sich selbstlos und grosszügig. Er bietet an, mehrere Dutzend Millionen Euro in einen Fonds zu werfen, der Unternehmen in französischen Problemgegenden unter die Arme greifen wird. Davon würden vor allem Moslems profitieren.

Eigentlich müsste die Grande Nation dankbar sein, dass der Emir so nobel handelt und das Risiko auf sich nimmt, Jung-Unternehmern in den Vorstädten zu helfen. Dort gibt es kluge Köpfe, die in den Kreditabteilungen der Banken nur deshalb abblitzen, weil sie Ahmed oder Moussa heissen. Der Emir will das ändern. Auch – oder besser: vor allem – Moslems sollen in den Genuss seiner Kredite kommen, mit denen sie neue Firmen gründen können.

Kritische Stimmen

Nicht alle heissen das Engagement willkommen. Die «Libération» fragt skeptisch, welche Motive sich hinter dem Geldsegen zugunsten muslimischer Start-ups verbergen. «Le Monde» berichtet von kritischen Stimmen, sowohl von links als auch von rechts: Werden die vernachlässigten Vorstädte jetzt zum Investitionsterrain einer ausländischen Macht, die von einigen verdächtigt wird, religiöse Bekehrung zu fördern? Marine Le Pen von der rechten Front National gehört zu den schärfsten Kritikerinnen. Sie spricht von einem «trojanischen Pferd», das die Moslems in den armen Banlieues verführen wolle. Le Pen wirft dem Emir von Katar vor, er wolle mit seinem Investment den radikalen Islamismus fördern.

Der Parlamentarier Lionnel Luca (Union pour un Mouvement Populaire) verlangt eine parlamentarische Untersuchungskommission über die Aktivitäten Katars in Frankreich. Wäre Katar ein säkularer Staat, hätte er gegen den Fonds nichts einzuwenden, sagt Luca. Aber Katar praktiziere die fundamentalistische Version des Islam und strebe danach, diese weltweit zu verbreiten. Er frage sich deshalb mit Sorge, was der Emir mit dieser Investition beabsichtige. Andere werfen der Regierung vor, die Unterstützung der Armen ausländischen Kräften zu überlassen und warnen: Katar könnte von Frankreich aus den radikalen Islamismus unterstützen.

Unermesslicher Reichtum

Die French Connection Katars ist nicht neu. Das Emirat hat bereits mehrere Prestige-Firmen gekauft. Dazu gehören der Fussballclub Paris Saint-Germain, Luxushotels in Paris und an der Riviera oder Anteile am Verlagshaus Lagardère, das neben vielem anderen den Larousse, Paris Match und Elle herausgibt. Grosse französische Unternehmen, vor allem in den Bereichen Rüstung und Energie, sind in Doha prominent vertreten, zum Beispiel Total, GDF-Suez, EDF, Air Liquide oder der Wasseraufbereitungsspezialist Veolia.

Der Grund für den unermesslichen Reichtum des Mini-Emirates am Arabischen Golf lässt sich mit zwei Stichwörtern zusammen: Erdöl und Erdgas. Im Boden Katars liegen grosse Ölreserven, und vor der Küsten lagert so viel Erdgas, dass das Emirat zum weltweit bedeutendsten Exporteur von Flüssiggas aufgestiegen ist. Budgetprobleme sind in Katar unbekannt. Das Pro-Kopf-Einkommen zählt zu den höchsten der Welt. Auf der Halbinsel leben rund 1,7 Millionen Menschen. Davon sind 80 Prozent Ausländer. Die Bürger sind in der Minderheit; sie folgen überwiegend der wahabistischen Tradition des Islam, die sonst nur noch im Nachbarland Saudiarabien bekannt ist.

Nicht nur in Frankreich macht Katar seinen Einfluss geltend, sondern weltweit. Vereinbarungen mit den USA spielen für die äussere Sicherheit Katars eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig pflegt Katar aber auch einen intensiven Besucher- und Handelsaustausch mit dem Iran.

Land mit zwei Gesichtern

Für die Umsetzung seiner Diplomatie hat der Emir den Fernsehsender Al Jazira gegründet. Al Jazira ist für ihn kein Profitzentrum, sondern ein Mittel, um Katar ins Gespräch zu bringen. Diesem Zweck dient jetzt auch das vermehrte Engagement des Senders im Sport – unter anderem in Frankreich, wo Al Jazira fast eine halbe Milliarde Dollar für Fussballrechte bezahlt hat.

Weder Sport-Milliarden, Käufe von Prestigeobjekten noch das Engagement für die Armen können das Misstrauen gegenüber dem nahöstlichen Investor abbauen. «Katar ist ein Land mit zwei Gesichtern», warnte neulich zum Beispiel der ehemalige Botschafter Frankreichs in Senegal, Jean-Christophe ­Rufin in einem Interview mit der ­«Tribune de Genève». Die eine Seite gibt sich westlich orientiert. So finanziert das Emirat Filialen amerikanischer Universitäten, und die Lieblingsfrau des Emirs, Scheicha Moussa, tritt gerne ohne Schleier auf. Doch gleichzeitig ­unterstützt Katar bewaffnete Islamistengruppen in Subsahara-Afrika und lässt auf Al Jazira wöchentlich einen Gelehrten auftreten, der als radikaler Scharfmacher bekannt ist. Deshalb, so Rufin, müsse sich Frankreich früher oder später fragen, welche Beziehungen es mit diesem Land haben wolle.

Erstellt: 01.10.2012, 13:52 Uhr

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