Zum Hauptinhalt springen

«Wir nennen diese Banden Baby-Gangs»

In Neapel ist ein Clan aufgeflogen, der Minderjährige ins Drogenbusiness verwickelte. Staatsanwalt Giovanni Colangelo erklärt die Lebenswelt dieser Kinder.

Mit Giovanni Colangelo sprach Oliver Meiler, Neapel
Seit kurzem im Ruhestand: Mafiajäger Giovanni Colangelo. Foto: Ciro Fusco (Ansa)
Seit kurzem im Ruhestand: Mafiajäger Giovanni Colangelo. Foto: Ciro Fusco (Ansa)

In Neapel gibt es das Viertel Pallonetto di Santa Lucia. Es ist zentral gelegen, nicht weit weg von der zentralen Piazza del Plebiscito. Doch wahrscheinlich hatten die meisten Italiener noch nie von diesem Viertel gehört, als kürzlich die Geschichte von den «bambini della Camorra» bekannt wurde. Der Clan Elia, der im Pallonetto bis zu seiner Zerschlagung vor einigen Monaten über den Drogenhandel herrschte, hatte dafür auch seine kleinsten Mitglieder eingesetzt. Eines der Kinder, das beim Verpacken des Kokains geholfen hatte, war ein 8-jähriges Mädchen. Ein 13-jähriger Junge empfing die Kunden in der Nacht zu Hause, alleine. Die Polizei hörte mit, als seine Mutter ihn um 3 Uhr nachts anrief und zu ihm sagte: «Wenn sie dir kein Geld geben, gibst du nichts raus.» – «Ich weiss doch, Mamma.» Andere Kinder arbeiteten als Drogenkuriere, oder sie standen Schmiere, setzten sich auf Motorräder der Bosse, damit diese weniger auffielen.

Die Camorra versteht «Familienbusiness» offenbar im buchstäblichen Sinn. Kein Mitglied scheint zu klein zu sein, um darin eine Rolle zu spielen.

Es gibt Clans, die typisch familiäre Strukturen haben. Die Macht geht von den Vätern auf die Söhne über, oder sie wird unter den nächsten Verwandten aufgeteilt, damit alles in der Familie bleibt, Geschäft und Wissen. Da ist vor allem wichtig, wer dazugehört, und weniger, wie alt die Mitglieder sind. Es gibt auch Banden, die offener sind und auch Mitglieder zulassen, die nicht zur Familie gehören, und denen werden dann subalterne Rollen zugedacht. Die Vertrauensbasis ist bei dieser zweiten Kategorie viel dünner als bei den Familienclans.

Funktionierten die Elias im Pallonetto di Santa Lucia wie eine typische Familienbande?

Das kann man wohl sagen. Im Viertel arbeiteten mehrere Zweige der Familie. Der Drogenhandel fand zum Teil gleich vor der Haustüre statt, auf der Piazza, aber auch in anderen Zonen der Stadt, wo der Clan den bestellten Stoff im Lieferdienst hinbrachte. In der Kette fiel jedem Familienmitglied eine genau umrissene Funktion zu. Die Kinder wurden von den Müttern oder den Tanten geschult. Sie sollten lernen, wie man Wache steht, wie man die Ware portioniert und sie austrägt. Als wir bei unseren Ermittlungen merkten, dass Kinder im grossen Stil eingesetzt wurden, haben wir die Staatsanwaltschaft für Minderjährige eingeschaltet.

Eines der Kinder war erst 8 Jahre alt.

Ja, zur Zeit der ersten Ermittlungen war das Mädchen 8, jetzt ist es 10, vielleicht 11.

Setzt die Camorra die Kinder gezielt schon so jung ein, weil sie unter 14 Jahren laut Strafgesetz nicht strafmündig sind?

Natürlich. Das ist aber nicht spezifisch neapolitanisch, ich habe das auch in Apulien erlebt, wo ich davor tätig war. Immer wieder gibt es Fälle, bei denen Kinder unter 14 Pistolen auf sich tragen, die dann bei einem Delikt zum Einsatz kommen sollten. Ihre Aufgabe ist es, die Waffe zum Täter und zum Tatort zu bringen. Die Banden versuchen auf diese Weise, die Kontrollen der Polizei zu umgehen. Kinder fallen nicht auf. Und wenn dennoch mal ein Kind kontrolliert wird, dann kann es ja nicht angeklagt werden.

Wurden die Kinder für ihre Arbeit bezahlt?

Nein, sie waren einfach Teil des Familiengeschäfts. Was reinkam, kam der Familie zugute, davon profitierten alle. Vielleicht gab es mal ein kleines Geschenk oder ein bisschen Taschengeld, weil eine Aufgabe besonders gut verrichtet wurde, mehr aber nicht. Regelmässig entlohnt werden die Nachkommen der Clans in der Regel erst als Jugendliche, wenn ihr Profil klar definiert ist und sie fix als Wachposten oder als Dealer arbeiten, mit zugeordnetem Territorium.

Wie wird entschieden, wer eine Waffe erhält und ab welchem Alter?

Da gibt es kein allgemeingültiges Auswahlmuster. Die Clans sagen auch nicht: «Du bist geeignet als Killer, und du hast Talent zum Dealen.» Die Rekrutierung hängt immer davon ab, welche Position gerade zu besetzen ist. Und natürlich, wenn ein Junge ohnehin zu Gewalttaten neigt und gerne Waffen trägt, dann ist seine Laufbahn vorgezeichnet.

«Diese Kinder wachsen in einer Umgebung auf, in der Kriminalität Alltag ist, die totale Normalität eben.»

Weiss ein Kind, das in einem Drogenring aufwächst, was da mit ihm passiert?

Ich bin kein Psychologe. Ich kann nur sagen, dass das alles für die Kinder der Camorra leider ganz normal ist, banal. Sie wachsen in einer Umgebung auf, in der Kriminalität Alltag ist, die totale Normalität eben. Sie sind automatisch Teil davon, von Geburt an. Sie kennen nichts anderes. Verstecken wird ihnen antrainiert, es wird zum Reflex. Und diese Lebenswelt, an die sie sich gewöhnen, bestimmt auch ihre Zukunft. Wenn ein Kind schon im zarten Alter zuschaut, wie die Eltern, der Bruder oder der Onkel mit Drogen handelt und mit Waffen herumläuft oder wenn daheim von Attentaten gesprochen wird, von Schiessereien oder von Erpressungen – dann prägen diese Dinge für immer das Weltbild.

Gehen die Kinder nicht zur Schule?

In diesem Milieu sind die Schulabbrecher tat­sächlich erschreckend zahlreich. Aber hier tauchen wir schon tief hinein in die Hintergründe des Phänomens.

Bitte schön.

Die Camorra hat tiefe Wurzeln, es gibt sie seit Jahrhunderten. Und dafür gibt es viele Gründe, manche sind gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur: Neapel leidet an einem chronischen Mangel an Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, das war immer schon so. Es gibt aber auch weniger offensichtliche Gründe für die Dauerhaftigkeit des Phänomens, zum Beispiel urbanistische. Der historische Stadtkern Neapels, das antike Herz mit seinen Kirchen, Krippen, Museen, den drei Werken Caravaggios und dem «Cristo velato» in der Kapelle Sansevero, grenzt an Viertel mit schlechtem Ruf wie Forcella, Sanità, Traiano und den Quartieri Spagnoli, die vom organisierten Verbrechen durchdrungen sind. Neapel ist ausserdem eine sehr dichte Stadt. Das Leben, das private wie das öffentliche, findet auf engstem Raum statt. Man lebt hier noch fast genau so wie früher, etwa in den berühmten «bassi», diesen ebenerdigen Wohnungen. Die Kinder leben auf der Strasse. Sie sehen alles, was da passiert, auch den Handel mit den Drogen. Und wenn die Familie, aus denen sie stammen, dann auch noch im Business tätig ist, ist es für sie schwierig, da wieder herauszukommen.

Das hört sich so an, als werde sich nie etwas ändern.

Es ist ein teuflischer Zyklus, den man brechen muss. Die Instrumente sind die klassischen: Schule, Bildung, Kultur. Man müsste Räume schaffen, in denen die Kinder unter besseren, gesünderen Umständen aufwachsen könnten als in ihren Familien. Da und dort gibt es schon solche Einrichtungen, aber es ist viel zu wenig.

Sorgt sich der Staat zu wenig darum?

Repression allein reicht jedenfalls nicht aus. Man sollte das Phänomen wissenschaftlich angehen und die Gründe in ihrer ganzen historischen Dimension erfassen, sie interdisziplinär analysieren, vom Soziologischen über das Urbanistische bis zum Ökonomischen, und dann orchestriert vorgehen. Alles miteinander.

Nun wurden 45 Mitglieder des Clans Elia verhaftet, unter ihnen 17 Frauen – Mütter, Tanten, vielleicht auch Grossmütter. Was passiert mit den kleinen Kindern der Camorra?

Manche Kinder werden Heimen und Gastfamilien anvertraut.

Weit weg von Neapel, im Norden Italiens.

Diese Entscheidungen trifft das Tribunal für Minderjährige. Oft ist es so, dass die Eltern sich erst dann bewusst werden, wie gravierend ihr Handeln war.

Verspricht man sich davon auch eine erzieherische Wirkung?

So sollte man das nicht deuten. Das würde ja heissen, dass das Kind seinerseits zu einem Instrument im Kampf gegen das organisierte Verbrechen werden würde, und das wäre nicht richtig. Kinder von ihren Familien zu entfernen, ist immer eine traurige Geschichte. Wenn dennoch so entschieden wird, geschieht es immer und ausschliesslich für das Wohl des Minderjährigen.

«Die Kinder leben auf der Strasse. Sie sehen alles, was da passiert, auch den Handel mit den Drogen.»

Manche Kinder werden in dieser Welt aber gross und ihrerseits zu Bossen der Camorra. Ihr Durchschnittsalter ist zuletzt stark gesunken. Es sind auch welche dabei, die 18, 19, 20 Jahre alt sind.

Wir nennen diese Banden Baby-Gangs, weil ihre Mitglieder und Anführer so jung sind – ein relativ neues Phänomen.

Wie kam es dazu?

Wir sind in den vergangenen Jahren massiv gegen die Chefs des organisierten Verbrechens vorgegangen. Die alten Bosse sitzen alle ein. Ihre Inhaftierung führte zu einem Machtvakuum an der Spitze der Clans. In einigen Fällen übernahmen die Frauen – und das war eine besonders denkwürdige Erkenntnis: Man hätte ja hoffen können, dass die Frauen in diesen Organisationen mässigend wirken würden. Doch diese Hoffnung wurde schnell enttäuscht. In anderen Fällen übernahmen die Sprösslinge, die eben erst volljährig geworden waren. Nur einige Jahre davor hatten sie noch sekundäre Aufgaben ausgeführt, nun waren sie plötzlich selber Bosse. Der Übergang verlief fast nahtlos. Das geht natürlich nur, wenn sie bereits seit vielen Jahren mitten in dieser Welt leben und das Verbrechen für sie normal ist.

Von diesen Baby-Gangs handelt Roberto Savianos neuer Roman «La paranza dei bambini». Mit «Gomorrha» war dem Autor ein Weltbestseller gelungen, aus dem auch ein Film und eine TV-Serie entstanden sind. Nun wird darüber diskutiert, ob sich die Baby-Bosse auch von der Serie animieren lassen. Was halten Sie von dieser Polemik?

Als Magistrat möchte ich mich eigentlich lieber nicht dazu äussern, da geht es ja auch um Aspekte der Unterhaltungsindustrie, um Spektakel. Ich stelle aber fest, dass im Film und in der TV-Serie immer die Kriminellen die Stars sind. Ihre Figuren kommen wie Modelle daher, die zur Imitation verleiten könnten. Der Staat und seine Vertreter dagegen, die Carabinieri und die Polizisten, die im Kampf gegen das organisierte Verbrechen ihr Leben riskieren, kommen nicht in passender Weise vor. Auch das Leid der Opfer wird nicht gebührend dargestellt. Das Buch Savianos ist da viel differenzierter. Es richtet sich aber nur an ein relativ kleines Publikum, an jene Elite eben, die liest und nicht nur fernsieht.

Sie sind jetzt 70 und gehen in Pension. Das Dossier der «Kinder der Camorra» war ihr letztes. Wenn man so viel gesehen hat, kann man da Hoffnung in die Zukunft dieser Stadt haben?

Ich habe in Neapel auch einen grossen Willen zum Wandel gespürt. Und wenn man mal rechnet, sind jene Leute, die sich in der Illegalität bewegen, eine kleine Minderheit in einer Gesellschaft von ehrlichen Bürgern. Die Neapolitaner sind ein innovatives Volk, das sich immer neu erfindet, gerade in der Not. Das Potenzial ist gross, und darum fühlte ich mich auch im besonderen Mass motiviert, dieser Stadt zu mehr Legalität zu verhelfen.

Die Camorra trachtete Ihnen deshalb nach dem Leben.

Ja, aus einer Ermittlung der Staatsanwaltschaft von Bari habe ich erfahren, dass Gruppen der Camorra ein Bombenattentat auf mich geplant hatten. Sie beauftragten dafür eine Bande in Apulien, die es verüben sollte, als ich dort war. Ein solches Bombenattentat hat es in der Geschichte der Camorra noch nie gegeben. Warum sie dieses Los gerade für mich ausgewählt hatten? Ich weiss es nicht. Ich kann es mir aber nur so erklären, dass die Arbeit meines Büros für die Camorra besonders missliche Folgen hatte.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch