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King Boris surft auf dem Tory-Tsunami

Die konservativen Tories haben einen triumphalen Wahlsieg eingefahren. Premier Johnson will nun den Brexit schnellstmöglich vollziehen. Die unterlegene Labour-Partei steht vor dem Nichts.

Der britische Premier Johnson trat vor die Medien, nachdem ihm die Queen die Erlaubnis erteilt hatte, eine neue Regierung zu bilden. Foto: Getty Images
Der britische Premier Johnson trat vor die Medien, nachdem ihm die Queen die Erlaubnis erteilt hatte, eine neue Regierung zu bilden. Foto: Getty Images

Aus einem schwarzen Himmel regnete es in Strömen, Schuhe weichten auf, Zigaretten zerfielen zwischen den Lippen, aber irgendwie war jetzt alles egal. Die einst so stolze britische Linke, die Partei von Clement Attlee, Harold Wilson, Neil Kinnock und Tony Blair, an deren Stärke sich in den vergan­genen Jahren die darbende, europäische Sozialdemokratie aufgerichtet hatte, war in dieser Nacht ertrunken in einem Tsunami aus Tory-Blau. «Ich bin so wütend», rief eine junge Frau, einen Schal in Labour-Rot wie einen nassen Lappen um den Hals gewickelt. «Unfassbar», sagte eine andere und kicherte, «irre». Und ein Mann im Labour-Sweatshirt machte bittere Bemerkungen über eine Verschwörung der Medien gegen die Linke und den Ausverkauf des Landes unter einer neuen, reaktionären Oligarchie.

Der Türsteher blockierte den Zugang ins Trockene und zu Bier vom Fass; der Laden sei überfüllt, verfügte er, und überhaupt seien hier nur Labour-Anhänger willkommen. Closed shop. Kein Zugang für Kritiker oder Ka­tastrophentouristen. Die Bedford Tavern ist Jeremy Corbyns Nachbarschaftskneipe im Londoner Quartier Nord-Islington, der Labour-Chef wohnt gleich um die Ecke in einem sehr bescheidenen, grauweissen Reihenhaus mit kleinen Fenstern. Vor der Tür wartete, von vorbeilaufenden Corbyn-Fans argwöhnisch beäugt, ein Fernsehteam von Sky News im Regen stoisch auf den Hausherrn – wohl wissend, dass Islington North noch lange nicht fertig ausgezählt war. Der Labour-Chef und -Kandidat musste sich erst noch persönlich in ­seinem Wahlbezirk den Bürgern stellen – und den Kameras.

Jo Swinson verliert Mandat

Es ist dies die brutale Regel in Grossbritanniens Mehrheitswahlsystem, und die Demütigung und der Triumph, der in diesen kurzen Momenten der Wahrheit liegen, lassen sich kaum erahnen: Nach der Auszählung der Stimmen stehen alle ­Bewerber eines Wahlkreises auf der Bühne, und während sie von einem Fuss auf den anderen treten oder sich von den Fans der Gegner anstarren lassen, liest die örtliche Wahlleiterin der Reihe nach die Ergebnisse vor: vom niedrigsten zum höchsten. First past the post, es gibt keine Parteilisten, kein Verstecken in der Masse. Der oder die mit den meisten Stimmen gewinnt. Alle anderen Stimmen sind verloren, und alle Hoffnungen auch.

Boris Johnson hingegen ist, der Monarchie und der Queen zum Trotz, jetzt der neue König.

Stunde um Stunde, Wahlkreis um Wahlkreis werden die Ankün­digungen im Fernsehen über­tragen. Die Liberaldemokratin Jo Swinson etwa war erst im Sommer Parteichefin geworden. Mit ihrem Votum hatte sie den Tories die vorgezogene Neuwahl ermöglicht. Sie hatte hochfliegende Pläne, sie hatte behauptet, sie könne Premierministerin werden. So gross sei der Rückhalt. Bis zu 80 Sitze hielten die Liberalen für möglich. Swinson verlor ihren Sitz, wenngleich an die Schottische Nationalpartei. Ihr Gesicht bei der Verlesung der Ergebnisse war unbewegt. Sie ist erst 39. Aus der Traum.

Erschütterung, Tränen, Zusammenbrüche sind nicht gern gesehen. Verlierer haben eine stiff upper lip zu zeigen. Nur der Sieger darf sich laut freuen. Eine Mehrheit, wie sie Johnson in ­dieser vom Brexit dominierten Wahl errungen hat, hat es seit Mar­garet Thatcher nicht mehr gegeben. Labour wiederum hat das schlechtestes Ergebnis seit 1935 eingefahren. In diesem Jahr standen daher in den 650 Wahlkreisen des Landes sehr viele Tory-Kandidaten auf den Bühnen von Sportzentren, Schulen oder Stadthallen herum, die ihr Glück nicht fassen konnten. «Danke, Boris», rief einer strahlend in die Menge, und versprach euphorisch, am Montagmorgen extra früh am Bahnhof zu stehen, um nach London zu fahren, sich auf seinen Sitz im Unterhaus zu werfen und endlich mit dem Brexit anzufangen, von dem er schon so lange träumt.

Nach der ersten Euphorie der Exit-Polls um zehn Uhr abends, die den Erdrutschsieg für die ­Tories verkündeten, nahm Boris Johnson dann spät in der Nacht das eigene Ergebnis im Westen Londons entgegen. Labour hatte gehofft, Johnson in Uxbridge mit dem iranischstämmigen, 25-jährigen Ali Milani die relativ knappe Mehrheit streitig zu machen – aber alle Anstrengungen und Tausende Hausbesuche gingen ins Leere. Milani stand mit zusammengepressten Lippen neben Johnson, der seinen Sieg sichtlich genoss, aber sich jedes Triumphgeheul verkniff. Das kam später.

Zuerst fuhr er ins Hauptquartier der Konservativen Partei, wo ­laute Partymusik aus den Fenstern drang und Unmengen Alkohol geflossen sein sollen. Bei den Tories herrsche «Bunga-Bunga-Stimmung», twitterte ein Tory – eine seltsam passende Beschreibung, wenn man bedenkt, dass Johnson mit seinen Frauengeschichten und seinem Hang zur Frivolität durchaus Ähnlichkeiten aufweist mit dem Italiener Silvio Berlusconi, der den Begriff «Bunga-Bunga» als Codewort für seine wilden Sexpartys erst populär machte.

Am Morgen danach – der Premier hatte immer noch dasselbe Hemd und dieselbe Krawatte an und sichtlich nicht geschlafen –, zeigte er dann, warum er der Mann ist, der den Aufstand der Provinz gegen die Metropolis nutzen und die Welle reiten konnte, die er mit dem Brexit-Referendum 2016 selbst ausgelöst hatte. Er liess seine Fans Wahlkampfslogans skandieren und seine Sätze vollenden. Sein Auftritt war mehr Pop als Partei.

Johnson ist ein Mann des Establishments, was er gekonnt zu verbergen weiss. Er vertritt eine Tory-Regierung, die schon zehn Jahre im Amt ist. Doch im Wahlkampf setzte er auf Volk gegen Elite, auf wir da unten gegen die da in London. Auf handeln, nicht quatschen. Um sieben Uhr morgens trat er also in einem Konferenzzentrum vor die Briten und war Boris, as Boris can be. Seine Rede explodierte in Bombast und Superlativen: Blockade zerstört, glorioser Start in den Brexit, neue Morgenröte. Unaufhaltsam, unwiderstehlich, unbestreitbar. Kolossal, super, unglaublich, ­hervorragend. Und dann die Antiklimax: «Let’s get breakfast done.» Essen fassen. Erleichtertes Gelächter.

Schweigen als Antwort

Corbyn hatte hingegen, scheinbar ungerührt, in seiner nächtlichen Ansprache von einer «Zeit der Reflexion» geredet. Und von seinen Zuhörern vielsagendes Schweigen zur Antwort bekommen. Der Labour-Chef ist jetzt ein Bettelmann, er muss in seiner Partei dafür werben, dass er in Würde einen Nachfolger suchen darf. Namen werden schon gehandelt. Aber der weitere Kurs der Partei ist unklar. Nach zehn Jahren in der Opposition und einem ausgebluteten Land ein solch mieses Ergebnis – da hilft nicht nur ein neuer Name.

Boris Johnson hingegen ist, der Monarchie und der Queen zum Trotz, jetzt der neue König. King Boris I. Davon hatte er als Kind immer geträumt: König der Welt wollte er eines Tages sein. Jetzt soll alles ganz schnell gehen: die Vereidigung des neuen Parlaments, das überwiegend aus seinen Getreuen besteht. Eine erneute Rede der Queen, in der sie wiederholen wird, was ihr Johnsons Leute schon im Oktober aufgeschrieben hatten. Und dann das EU-Austrittsgesetz.

Am 31. Januar will Boris ­Johnson ein zweites Mal triumphieren: Austritt vollzogen, Auftrag erledigt. Skeptiker wissen: Ab dem 1. Februar wird er sein kleines Reich gegen die Unbilden einer neuen Realität verteidigen müssen. Gegen Donald Trump und Michel Barnier, gegen skrupellose Handelsvertreter aus den USA und Profiverhandler aus Brüssel. Bei den Tories sagen sie: Boris kann das.

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