Kippa tragen, um Solidarität mit Juden zu zeigen

Antisemitische Straftaten nehmen zu. Täter sind vor allem Rechtsextreme und muslimische Fanatiker.

In einer europaweiten Studie sagten zuletzt neun von zehn befragten deutschen Juden, der Antisemitismus sei schlimmer geworden: Mann mit Kippa. (Foto: Keystone)

In einer europaweiten Studie sagten zuletzt neun von zehn befragten deutschen Juden, der Antisemitismus sei schlimmer geworden: Mann mit Kippa. (Foto: Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manchmal erschreckt es, wenn jemand die Wahrheit ausspricht. Felix Klein, Diplomat und Antisemitismus-Beauftragter der deutschen Regierung, sagte kürzlich, dass er Juden nicht empfehlen könne, «jederzeit und überall in Deutschland die Kippa zu tragen». «Gesellschaftliche Verrohung und Enthemmung» seien gewachsen, ebenso die Gewalt gegen Juden.

Statistiken belegen Kleins Einschätzung: Um ein Fünftel haben die antisemitischen Straftaten im letzten Jahr zugenommen (auf 1799), um 86 Prozent die Gewalttaten gegen Juden (auf 69). Täter sind vor allem Rechtsextreme und muslimische Fanatiker. In einer europaweiten Studie sagten zuletzt neun von zehn befragten deutschen Juden, der Antisemitismus sei schlimmer geworden. Kanzlerin Angela Merkel bestätigte den Eindruck diese Woche in einem Interview mit dem TV-Sender CNN.

Entsetzen und Scham

Die deutsche Öffentlichkeit reagierte auf Kleins Warnung mit einer Mischung aus Entsetzen und Scham. Die Regierung betrachte jeden einzelnen antisemitischen Übergriff als «Angriff auf die menschliche Würde und freie Religionsausübung», sagte Merkels Sprecher. Der Staat müsse gewährleisten, dass sich jeder an jedem Ort des Landes mit einer Kippa sicher bewegen könne. Niemand solle seinen jüdischen Glauben jemals wieder verstecken müssen, sagte Aussenminister Heiko Maas.

Viele Juden hingegen empfanden den Alarmruf als «Kapitulation». Der israelische Präsident Reuven Rivlin sah darin das Eingeständnis, dass «Juden auf deutschem Boden nicht mehr sicher sind»: «Niemals werden wir uns unterwerfen, niemals den Blick senken und niemals auf Antisemitismus mit Defätismus reagieren.» Die «Zeit» warf Klein vor, die Bekämpfung der Judenfeindlichkeit den Juden überantworten zu wollen. «Dass ein Goi, ein Nichtjude, dem Juden rät, die Kippa besser zu Hause zu lassen, ist etwa so liebenswürdig wie der Rat an Frauen, doch besser auf den Minirock zu verzichten, wenn sie nicht eine Vergewaltigung riskieren wollen.»

 «Wir sind doch keine Disneyland-Juden.»Lala Süsskind, Vorsitzende des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus

Die «Bild» hingegen verstand Kleins Einschätzung als Aufforderung zum Handeln. Wenn auch nur ein Jude in Deutschland aus Angst auf das Tragen der Kippa verzichten müsse, könne die Antwort darauf nur heissen, «dass wir alle Kippa tragen». Die Zeitung druckte eine Kippa zum Ausschneiden, zeigte deutsche Nichtjuden, die sie trugen, und rief alle Leser dazu auf, es ihnen gleichzutun. Klein schloss sich dem Aufruf an und forderte für heute Samstag zu solidarischem Kippatragen in Berlin auf. Zu einer ähnlichen Demonstration waren vor einem Jahr bereits 2500 Menschen gekommen.

Viele Berliner Juden fanden die Geste «süss» und «liebenswert», empfanden aber auch Unbehagen beim Gedanken, dass ein persönliches religiöses Bekenntnis derart in ein politisches Statement umgewandelt werden soll. «Wir sind doch keine Disneyland-Juden», sagte Lala Süsskind, Vorsitzende des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus. Die Aktion habe mehr mit dem historischen Schuldbewusstsein der Deutschen zu tun als mit den Juden, meinte die Schriftstellerin Mirna Funk. Wenn Deutsche Kippa trügen, gehe es weniger um Empathie als um Absolution.

Mehr Zivilcourage!

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann und Israels ehemaliger Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, warnten, dass es bald zur Falle werden könnte, verwandle man die Kippa in eine «Ikone der Solidarität mit den Juden»: «Nämlich dann, wenn der Kampf gegen das muslimische Kopftuch die Frage aufwirft: Nein zum Kopftuch, Ja zur Kippa?»

Viel wichtiger als solidarisches Kippatragen wären mehr Zivilcourage, Interesse und Engagement für jüdisches Leben im Alltag, meinte Mirna Funk. «Hilfst du einem Juden, wenn etwas passiert, oder guckst du weg?» Um den Antisemitismus zu bekämpfen, sagten Zimmermann und Stein, müsse in erster Linie den Grundwerten der liberalen Demokratie Respekt verschafft werden. Das würde auch andere Minderheiten schützen – Muslime etwa, die laut Umfragen von noch mehr Deutschen abgelehnt werden als Juden.

Erstellt: 01.06.2019, 10:50 Uhr

Artikel zum Thema

Deutsche Juden sollen mit Kippa Zeichen setzen

Kehrtwende Der Aufruf des deutschen Antisemitismus-Beauftragten, in der Öffentlichkeit keine Kippa zu tragen, provozierte heftige Reaktionen. Jetzt macht er eine Kehrtwende. Mehr...

Festnahme nach Angriff auf Kippa-Träger in Wien

Ein Mann attackierte mehrere Personen. In einer U-Bahn-Station konnte er überwältigt werden. Ein antisemitischer Hintergrund wird geprüft. Mehr...

Angreifer nach Gürtel-Attacke gegen Israeli zu Arrest verurteilt

Video Nach dem Angriff auf einen Kippa tragenden Israeli in Berlin ist ein 19-jähriger Syrer wegen Beleidigung und gefährlicher Körperverletzung schuldig gesprochen worden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Sea Happy – abtauchen und Marken sammeln

Füllen Sie beim täglichen Einkauf Ihre Sea Happy Sammelkarte und freuen Sie sich über Geschenke mit Unterwasser-Flair.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...